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31.01.2006

06:46 Uhr

Gallup-Untersuchung

Chefs - so wichtig wie Ehepartner

VonFrank Siering

Auch nach Feierabend lässt Mitarbeiter ihr Verhältnis zu ihren Chefs nicht los. Psychologen sind sicher: Die Beziehung zum Chef ist fast ebenso wichtig wie das Verhältnis zum privaten Partner. Die Experten raten deswegen: Sie sollten ihn lieben lernen.

LOS ANGELES. Paul Jacoby war schon seit Wochen schlecht drauf. So schlecht, dass einige gute Freunde des 32-jährigen Produktmanagers aus Los Angeles sich gezwungen sahen, eine kleine Krisensitzung im Irish Pub anzusetzen. „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist“, gestand der Jungmanager seinen Vertrauten. „Mein Boss zieht uns derzeit alle mit runter. Er ist unglaublich launisch und ständig zu allem sehr negativ eingestellt“, versuchte der Werbeexperte ihnen zu erklären.

Der Grund für Jacobis schlechte Stimmung liegt für Verhaltensforscher wie Brad Gilbreath von der Indiana University in Fort Wayne auf der Hand. „Unsere Chefs sind die wichtigsten Bezugspersonen in unserem professionellen und auch in unserem Privatleben“, betont er. „Aber oftmals nicht nur aus den Gründen, die wir für offensichtlich halten.“ Der Psychologe ist überzeugt: Die Beziehung zum Chef ist für einen Menschen fast ebenso wichtig wie das Verhältnis zu seinem privaten Partner. Kann doch ein Boss das persönliche seelische Befinden der gesamten Belegschaft negativ beeinflussen.

Bestätigen kann der Wissenschaftler diese Aussage mit einer Studie, die er unlängst im Fachjournal „Work and Stress“ veröffentlichte. Das Team von Gilbreath befragte mehr als 1 000 Angestellte aus den unterschiedlichsten Berufssparten nach ihren Vorgesetzten. Heraus kam, dass über die Hälfte der Befragten „von den schlechten Stimmungen des Arbeitgebers auch privat negativ beeinflusst wurden“. Und fast noch schlimmer: Jeder zweite Befragte gab zu, dass er ein gestörtes Verhältnis zum Boss hat.

Eine Gallup-Untersuchung gießt noch mehr Öl ins Feuer. Demnach ist das gestörte Verhältnis zwischen Chef und Arbeitnehmer der häufigste Grund dafür, dass ein Untergebener seinen Hut nimmt und kündigt. Die Zeitschrift „Psychology Today“ bestätigt: Eine angespannte Beziehung zum Chef übertrumpft sogar noch die anderen wichtigen Kündigungsgründe wie mangelndes Gehalt, Überstunden und tägliche Aufgaben im Job deutlich. Auch Management-Guru Reinhard Sprenger sieht das so: „Mitarbeiter verlassen nicht schlecht geführte Unternehmen, sondern schlecht führende Vorgesetzte.“

Mehr noch: „Unser Verhältnis zum Boss kann uns krank machen“, bringt es Nadia Wagner, Psychologin am Buckinghamshire Chilterns College in Großbritannien, auf den Punkt. In einer Studie mit Krankenhausangestellten fand sie heraus, dass mangelnde Führungsqualitäten von Managern – wie etwa unsensibles Auftreten, Respektlosigkeit und unfaire Gesten – sich direkt auf die Physis der Angestellten auswirkten. Krankenschwestern, deren Vorgesetzte menschlich schwierig waren, verzeichneten einen bis zu 20 Prozent höheren Blutdruck als jene, die mit sanften und verständnisvollen Chefs zu tun hatten.

Warum aber ist das Verhältnis zum Chef auch noch außerhalb der Arbeitsstätte – praktisch rund um die Uhr – so tragend? Wieso kann ein Angestellter seinen Frust nicht einfach mit dem Schließen der Bürotür in der Firma lassen? Annie McKee, Arbeitsplatzcoach und Leiterin des Teleos Leadership Institutes in Philadelphia, konstatiert: „Emotionen sind ansteckend. Ist ein Boss unglücklich, dann ist die Gefahr durchaus groß, dass auch die Angestellten unglücklich sind.“

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