Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

17.03.2003

07:50 Uhr

Gary Shilling, Bill Gross und Warren Buffett sind sich einig - jedenfalls teilweise

Die Gurus lassen Aktien links liegen

VonIngo Narat

Endlich stoppt die Börsen-Talfahrt. An den letzten Handelstagen konnten sich die Aktionäre entspannt zurücklehnen. Die wichtigen Indizes stiegen. Aber das ist auch schon das Ende der guten Nachrichten.

FRANKFURT/M. Während die Mehrheit der Analysten und Bankstrategen die Aktienkurse bald wieder nach oben laufen sieht, hält das "Smart Money" sein Pulver trocken. In den letzten Wochen meldeten sich gleich drei Gurus zu Wort - und alle bleiben ihrer Skepsis treu. Die Wortmeldungen kommen von dem Ökonom Shilling sowie den Super-Investoren Bill Gross und Warren Buffett. Dem Trio sind Aktien immer noch zu teuer.

Buffett, der als Kopf der Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway schon seit langem einen legendären Ruf genießt, konzentriert sich jetzt lieber auf Hochzinsanleihen. Ökonom und Forbes-Kolumnist Shilling ist ein angesehener Mann an der Wall Street und gibt einen eigenen Börsenbrief heraus. Seiner Meinung nach sind mit Anleihen auch in den kommenden Jahren viel höhere Erträge als mit Aktien zu erzielen, weil die Zinsen weiter kräftig fallen werden. Er prognostiziert für amerikanische Staatsanleihen sogar Jahreserträge von über 20 Prozent in den kommenden Jahren.

Gross tanzt ein wenig aus der Reihe. Der Anleihe-Guru von Pimco, einem zur Allianz-Gruppe gehörenden Asset-Manager, macht aus seiner Aktienskepsis zwar keinen Hehl. Er schockte seine Fangemeinde vor einiger Zeit mit einer Dow-Jones-Prognose von 5 000 Punkten. Im Gegensatz zu Shilling fühlt sich der Pimco-Mann aber bei amerikanischen Staatsanleihen nicht gut aufgehoben, weil er mit steigenden Zinsen rechnet. Gross kauft deshalb lieber Euro-Bonds und Hochzinstitel aus den Schwellenländern.

Es ist schon auffällig, wie weit die Mehrheitsmeinung der Marktteilnehmer und die Einschätzung der Börsengurus auseinander liegen. Doch die Aktienskeptiker können gewichtige Argumente zu ihren Gunsten in die Waagschale werfen. In den achtziger und vor allem den neunziger Jahren haben die Börsianer eine historisch einmalige Spekulationsblase aufgepustet. Schon der gesunde Menschenverstand legt nahe, dass das Aufplatzen dieser Blase ähnliche Dimensionen erreichen muss. Davon kann aber noch keine Rede sein. Mancher mag sich an das Japan-Beispiel erinnern. Nach der Jahrhunderthausse der Achtziger dümpeln die Kurse in Tokio jetzt auf einem 20-Jahres-Tief. Die Talfahrt in Amerika und Europa hat erst drei Jahre auf dem Buckel.

Auch wenn Experten immer wieder von überverkauften und unterbewerteten Märkten reden: An den amerikanischen Börsen liegt einiges im Argen - und Wall Street gibt den Takt für den Rest der Welt vor. Die traditionellen Bewertungsrelationen sind trotz der Kursverluste immer noch aus den Fugen, weit von historischen Durchschnittswerten oder gar typischen Ständen an Baisse-Tiefpunkten entfernt. Dazu kommen noch gefährliche Ungleichgewichte, die sich in Amerika konzentrieren: Verschuldung des Staates, der Unternehmen und Haushalte sowie der extrem überbewertete Dollar.

Auch Psychologen betrachten die aktuelle Lage mit Skepsis. Sie warten noch auf die "Kapitulation" der Anleger, eine durch Frustration ausgelöste breit angelegte Verkaufswelle, die den Markt bereinigen und den Boden für den nächsten Aufschwung bereiten könnte. Das wäre ein typisches Verhaltensmuster am Ende einer Baisse. Eine passende Statistik zu diesem Gedanken kommt einmal mehr aus Amerika. In typischen Kapitulationsphasen gaben die Privatanleger netto zehn Prozent des Aktienfondsvermögens zurück. Im letzten Jahr lag diese Rücklaufquote unter einem Prozent. Eine oft gepredigte Börsenregel aus den neunziger Jahren hat sich in den Köpfen festgesetzt: Aktien sind auf längere Sicht immer die überlegene Anlageform - Rückschläge gilt es auszusitzen. Daran haben die Anleger bis heute festgehalten.

Eine geballte Ladung Skepsis muss Anleger nicht entmutigen. Auch wenn die Aktienkurse an den großen Börsen weiter fallen: Irgendetwas steigt immer und bietet damit Möglichkeiten zum Geld verdienen. Seit geraumer Zeit klettern die Rohstoffpreise. Nach Meinung einiger Experten ist in diesem Bereich eine rund 20-jährige Baisse abgeschlossen. Außerdem gewinnt der Euro gegenüber dem Dollar an Wert. Und wenn Shilling recht behält, können die Anleger auch mit Staatsanleihen weiter gutes Geld machen. Wer wie Gross oder Buffett etwas skeptischer ist, dürfte auf Hochzinstitel ausweichen.

Es bleibt die bange Frage: Wann ist die Aktienbaisse beendet? Die Vertreter der verhaltenspsychologisch orientieren Zunft warten auf Panikverkäufe. Sie haben aber auch eine pointierte Antwort parat: Die Talfahrt dürfte dann gestoppt sein, wenn die Frustration der Börsianer so groß ist, dass erste Spekulationen über die Umwandlung des Finanzsenders Bloomberg TV in einen Wrestling-Kanal aufkeimen.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×