Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

20.03.2003

11:30 Uhr

Gedehnte Adern bleiben länger frei

Neue Gefäßstütze beugt Infarkt vor

VonHANS SCHÜRMANN

Fortschritt beim Kampf gegen den Herzinfarkt: Medizintechniker haben Gefäßstützen entwickelt, die nach dem Einsetzen in die Ader einen Wirkstoff abgeben, der verhindert, dass diese Stelle wieder zuwächst.

DÜSSELDORF. Die Aufweitung verstopfter Blutgefäße in der Nähe des Herzens ist eine wirksame Methode, um einem Herzinfarkt vorzubeugen. Damit das Blut auch weiterhin ungehindert fließen kann, setzen Kardiologen seit Jahren bei der Weitung der Arterien so genannte Stents - kleine Gefäßstützen aus Metall - ein. Der Stent wird mit einem Katheter bis zu der Stelle geschoben, an der die Gefäßwand verkrustet und die Arterie verengt ist. Dort wird das Drahtgeflecht mit Hilfe eines Ballons von innen an die Gefäßwand gedrückt. Mit der Zeit wachsen Zellen der Gefäßwand um den Stent herum, so dass dieser dann zu einer Stütze innerhalb der Blutader wird.

In Deutschland werden jährlich rund 250 000 dieser Stents in die Adern von Patienten eingesetzt. Doch nicht immer ist eine Stent-Operation gleich beim ersten Mal erfolgreich. Bei ungefähr 25 bis 30 Prozent der Betroffenen tritt innerhalb der ersten sechs Monate eine erneute Gefäßverengung auf: "Da bei der Aufweitung der Arterie immer auch die Gefäßwand beschädigt wird, kommt es zu Entzündungen, die ein starkes Zellwachstum an der Stelle zur Folge haben", erläutert Volker Klauss, Leiter des Herzkathederlabors an der Medizinischen Klinik in München, das Problem, das einen weiteren Eingriff nötig macht.

Spezielle Wirkstoffe können dieses vermehrte Wachstum von Gewebe an der Gefäßwand jedoch verhindern. Damit aber der Patient die Medikamente nicht ständig einnehmen muss, haben Medizintechniker die Möglichkeit geschaffen, dass die Stents diese Wirkstoffe bereits in ihrer Oberfläche mit sich führen und vor Ort nach und nach freisetzen. Als erster Hersteller hat die Firma Cordis, die zu Johnson & Johnson gehört, im April vergangenen Jahres den so genannten "Cypher- Stent" auf den deutschen Markt gebracht. Der amerikanische Hersteller Boston Scientific zog jetzt nach und hat die Zulassung für ein Alternativprodukt erhalten.

Beide Stents haben unterschiedliche Wirkstoffe eingelagert. Cordis verwendet das natürlich vorkommende Antibiotikum Sirolimus, das antientzündlich wirkt und gleichzeitig Zellwucherungen verhindert, die zum erneuten Verschluss der Gefäße führen können. Boston Scientific setzt bei seinem "Taxus-Stent" auf den Wirkstoff Paclitaxel, der ebenfalls das Wachstum von Gewebe an der Gefäßwand verhindert. Die Beschichtung des Stents besteht hier aus einem speziellen Kunststoff, der den Wirkstoff kontrolliert freisetzt. "In den klinischen Tests haben sich beide Wirkstoffe bewährt. Es waren bislang keine Unterschiede in der Wirksamkeit erkennbar", berichtet der Münchener Herzspezialist Klauss.

Da die neuen Stents mit rund 1 500 Euro etwa 30 bis 70 Prozent teurer sind als die üblichen Gefäßstützen aus Metall, werden zunächst vor allem Risikopatienten von der neuen Technik profitieren. "Dazu gehören vor allem Diabetiker und Patienten, die lange Engstellen in der Blutbahn aufweisen", sagt Eberhard Grube. Der Chefarzt der Kardiologie am Kreiskrankenhaus in Siegburg hat gestern nach der deutschen Marktzulassung den ersten Patienten mit dem Taxus-Stent behandelt. "Betrachtet man die Umsatzzahlen von Cordis nach einem Jahr, so macht der Markt für die neuen Stents etwa 5 bis 10 Prozent der Stent-Behandlungen aus", sagt Grube.

Während zurzeit weitere Unternehmen an Wirkstoff frei setzenden Koronarstents arbeiten, suchen Forscher weltweit nach anderen Alternativen, um das Zuwachsen der Engstellen zu verhindern. Neben unterschiedlichen Legierungen, aus denen die Drähte für die Gefäßstützen gefertigt werden, erhoffen sich Wissenschaftler in unterschiedlichen Firmen und Instituten Erfolge von Nanobeschichtungen oder einer Oberflächenbehandlung durch Polieren der Drähte.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×