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02.04.2003

08:09 Uhr

„Gedemütigt wie in der Schulzeit“

Aus für New Yorks Kneipenraucher

Die "No smoking"-Schilder waren in New York schon in den letzten Jahren schwer zu übersehen. Doch jetzt sieht man sie auch dort, wo Raucher bis vor kurzem ihr letztes öffentliches Refugium fanden - in sämtlichen Bars, Cafés und Kneipen. Mit einem Gesetz, dass am vergangenen Wochenende in Kraft trat, wird den Rauchern auch dort der Spaß an der Zigarette vergällt.

HB/dpa NEW YORK. Die bei den Nikotinabhängigen verhasste Bannschrift hat der Ex-Raucher und Bürgermeister Michael Bloomberg im Stadtrat durchgeboxt. Dem endgültigen Beschluss, der mit der Unterschrift des Gouverneurs des Bundesstaates New York, George Pataki, besiegelt wurde, ging eine monatelange Debatte im Stadtrat voraus. Nur mit einer knappen Mehrheit konnten sich die Befürworter des Rauchverbots durchsetzen.

New Yorker Bars ohne Qualm, eigentlich gar nicht vorstellbar. Auch Tage nach Inkrafttreten der Abstinenzvorschrift ist der Gang in eine Bar immer noch von der Erwartung begleitet, danach als eine einzige Rauchwolke wieder heraus zu kommen. Was für Nichtraucher die langersehnte frische Luft, ist für die Raucher eine Qual. Die einzige Möglichkeit, zwischen zwei Drinks einen Nikotinkick zu bekommen, ist der Gang auf die Straße.

"Man fühlt sich gedemütigt wie in der Schulzeit, als man für jeden Zug vor die Tür musste", sagt Mickey Berra, Vizepräsident des Kennedy Center for Performing Arts und bekennender Barraucher. Wer sich der neuen Vorschrift nicht beugt, wird vorerst nur verwarnt. Doch vom Mai an werden Bußgelder von mindestens 200 Dollar für Kneipenbesitzer fällig, die ihre Kundschaft weiter rauchen lassen.

"Raucht solange Ihr noch könnt", rief Barmann Chris Santangelo in der letzten Nikotin-Nacht in Donovan's Pub aus. Um 24.00 Uhr räumte er die vollen Aschenbecher von den Tischen, genau wie viele andere Besitzer der etwa 13 000 Bars in New York. Auch wenn das neue Gesetz die Mitarbeiter in den Kneipen schützen soll, irgendwie können die sich nicht so recht freuen. Viele befürchten, dass wegen des Verbots viele Raucher wegbleiben werden.

Dabei war der Aufstieg der Zigarette in Amerika eng mit New York verbunden. Hier war in den Zwanzigern das Rauchen zuerst groß in Mode gekommen. Tabakschwaden hüllten die debattierenden Künstler im berühmten Algonquin Hotel ein. Und am Times Square stiegen von einer - schon längst verbotenen - Riesen-Werbetafel Qualmringe in den Himmel. Unzählige Hollywood-Filme zeigten vor der Kulisse New Yorks eifrige Raucher, unter ihnen die elegante Audrey Hepburn, die vielleicht ohne ihre Zigarettenspitze längst nicht derart verführerisch gewirkt hätte.

"Das Ende einer Ära ist eingeläutet", sagt Bruce Snyder, Manager des Clubs "21" in Midtown Manhattan. Jede positive Assoziation mit dem blauen Dunst wird mit dem neuen Anti-Rauch-Gesetz für immer verbannt. Seit Sonntag fühlen sich Raucher wie Aussätzige, deren Laster sie von der Gesellschaft aussperrt. Findige Barbesitzer haben sich aber schon etwas einfallen lassen: Nikotinkaugummis oder Nikotinpflaster sollen einen Besuch in den New Yorker Bars und Cafés künftig erträglich machen.

Und andere denken darüber nach, eine Lücke im Gesetz auszunutzen. In privaten Clubs ist es den Mitgliedern überlassen, sich für oder gegen Nikotinfreiheit zu entscheiden. "Vielleicht nennen wir uns demnächst Club und verkaufen am Eingang Tagesmitgliedschaften für ein paar Dollar", orakelt Joe, der Barkeeper im Pub "Lazy Boy". "Und wenn die Gesundheitspolizei das nicht anerkennt, können wir aus den Mitgliedsbeiträgen wenigstens die Strafe bezahlen."

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