Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

08.01.2001

19:00 Uhr

Gefahr einer erneuten Erschütterung des Finanzsystems gilt als noch nicht gebannt

Japans Regierung kritisiert zu geringes Tempo der Banken-Fusionen

VonANDREAS GANDOW

Die Gefahr einer erneuten Erschütterung des japanischen Finanzsystems gilt als noch nicht gebannt.

Die Befürchtungen, dass es in den nächsten Monaten zu einer erneuten Krise im japanischen Finanzsystem kommen wird, halten an. Bei einer solchen Krise wäre weitere Staatshilfe erforderlich. Vor diesem Hintergrund hat der für die Stabilisierung des japanischen Finanzssystems zuständige Staatsminister Haruo Yanagizawa Japans Banken scharf wegen ihrer unzureichenden Restrukturierungsanstrengungen kritisiert. Die bisherige von den Banken in Angriff genommene Restrukturierung komme nur "langsam" voran. Er erwarte, dass sich die Banken nochmals an ihre in der akuten Krise gefassten Entschlüsse zu Fusionen und Allianzen erinnerten und bewusst seien, dass es keine Alternative hierzu gebe.

Yanagizawa erklärte weiter, er verstehe nicht, warum die Umsetzung dieser Konzepte in Japan fünf Jahre erfordere, während sie in den USA in einem halben Jahr möglich sei. Yanagizawa untersteht seit 6. Januar als Staatsminister mit Sonderaufgaben im neuen Kabinettsamt direkt dem Ministerpräsident. Bislang leitete er die Staatskommission.

Insbesondere forderte er die Banken zu einschneidenden Maßnahmen im Personalbereich auf. Mit kosmetischen Operationen zur Herstellung von Harmonie zwischen den Mitarbeitern der einzelnen an der Fusion oder Allianz beteiligten Institute könnten sie ihre Wettbewerbsfähigkeit nicht verbessern. Dies bereite ihm Sorge. Man konzentriere sich mit den Anstrengungen auf den Zusammenschluss der Institute, vernachlässige aber Strukturmaßnahmen. Beides sei jedoch erforderlich, betonte der Staatsminister.

Enttäuschung macht sich breit

Darüber hinaus sei er über die geringen Fortschritte bei der Bewältigung des Problemkreditvolumens "ziemlich enttäuscht". Hintergrund der erneuten Zunahme von Ausfällen im Kreditgeschäft sei die konjunkturelle Entwicklung. Bei den 16 führenden Banken des Landes war dabei das offiziell deklarierte Problemkreditvolumen zwischen März und September 2000 wieder um gut 570 Mrd. Yen auf 17,2 Bill. Yen (rund 172 Mrd. Euro) angeschwollen.

Yanagizawa erklärte, er hoffe, dass die Banken diese Kritik verstünden und handelten, ohne dass es zu der juristisch möglichen Umwandlung der vom Staat gehaltenen Vorzugsaktien in stimmberechtigte Stammaktien komme. Es müsse vermieden werden, dass der Staat sich direkt in die Geschäftsführung der Banken einmische. Dies würde nicht nur eine schwere Beschädigung der betroffenen Bank darstellen sondern auch "eine Verletzung des japanischen Kapitalismus" darstellen, die er vermeiden wolle.

Es gebe allerdings nicht zur "Probleme" bei den Banken sondern auch bei ihren Kreditkunden. Auch auf dieser Seite würden Verantwortungsgefühl und Anstrengungen erwartet, sagte der Staatsminister. Zur Forcierung dieser Reorganisation auf Seiten der Unternehmen sei eine Kooperation zwischen der Finanz-Aufsichtsbehörde und anderen involvierten Regierungsstellen vorgesehen, erklärte Yanagizawa, ohne Einzelheiten zu nennen. Als vorrangig betroffene Branchen gelten die hochverschuldete Bauindustrie, die Immobilienbranche, der Einzelhandel sowie banknahe Finanzierungsgesellschaften.

Nothilfe für leidende Kredite musste zwingend in Anspruch genommen werden

Japans Staatskommission für die Konsolidierung des Finanzsystems, die Ende vergangenen Jahres im Rahmen der Reorganisation der Regierungsarbeit aufgelöst worden ist, hat während ihrer zweijährigen Tätigkeit 7,7 Bill. Yen (rund 77 Mrd. Euro) zur Abdeckung der Verluste von zusammengebrochenen Finanzinstituten eingesetzt. Daneben wurde den überlebensfähigen Banken eine staatliche Rekapitalisierung von weiteren 8,2 Bill. Yen (rund 82 Mrd. Euro) gewährt.

Außer der Bank of Tokyo-Mitsubishi waren alle führenden japanischen Banken angesichts ihres hohen Volumens notleidender Kredite gezwungen, von dieser Staatshilfe Gebrauch zu machen. Ohne diese Mittel wären einige Institute nicht mehr in der Lage, die Forderungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zur Eigenmittelausstattung international tätiger Banken zu erfüllen. Ob sie diese Mittel allerdings planmäßig zurückzahlen können, ist angesichts ihrer weiterhin unzureichenden Ertragslage, des erneuten Anstiegs des Problemkreditvolumens und der Verfassung des Aktienmarkts fraglich.

Zur wirtschaftlichen Gesamtlage erklärte Yanagizawa zurückhaltend, Japans Finanzsystems sei "einigermaßen stabilisiert". Zu Sorgen um eine erneute Destabilisierung des Finanzsystems gerade mit Blick auf die Aktienmärkte sagte er ausweichend, er werde auf eine Forcierung der Reformen drängen, damit das, was zur künftigen Entwicklung des Finanzsystems gesagt werde, keine Realität werde.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×