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13.01.2003

20:30 Uhr

Gefahren eines möglichen Irak-Krieges

Issing erwartet Erholung trotz Wachstumsrisiken

Die Konjunktur in der Euro-Zone ist EZB-Chefvolkswirt Otmar Issing zufolge in diesem Jahr mit größeren Risiken als Chancen konfrontiert, wird sich wahrscheinlich aber im Lauf des Jahres wieder erholen.

Reuters FRANKFURT. "Sind die Risiken bei der Preisentwicklung eher ausgeglichen, so liegen sie beim Wachstum eindeutig auf der negativen Seite", sagte Issing am Montag bei einer Konferenz in Frankfurt und wies vor allem auf den drohenden Irak-Krieg als Risiko-Faktor hin. Die Europäische Zentralbank (EZB) gehe aber weiterhin davon aus, dass die Wirtschaft im laufenden Jahr nach mäßigem Beginn an Fahrt gewinne. Die Erholung werde nach Einschätzung der Notenbank mit einem langsamen Rückgang der Inflationsrate unter die EZB-Toleranzgrenze von zwei Prozent verbunden sein. Die Geldpolitik sei derzeit zur Gewährleistung eines stabilen Preisniveaus angemessen, wiederholte Issing die jüngste Einschätzung von EZB-Chef Wim Duisenberg.

Der EZB-Chefvolkswirt bekräftigte zugleich seine Einschätzung, dass in der Euro-Zone keine Deflation drohe. Die Erfahrungen mit der geldpolitischen Strategie der Notenbank in den ersten vier Jahren der Währungsunion bezeichnete Issing als überaus positiv.

Insgesamt stehe dieses Jahr leider im Zeichen hoher Unsicherheit, sagte Issing und verwies auf allgemeine weltpolitische Unwägbarkeiten. "Über allem aber schweben die Gefahren, die von einem möglichen Irak-Krieg ausgehen." Auf mögliche Folgen eines Krieges und etwaige Reaktionen der EZB wollte der EZB-Chefvolkswirt am Rande der Veranstaltung jedoch nicht eingehen. "Wir alle hoffen, dass es keinen Krieg gibt. Was die Notenbank tut, wird sich herausstellen, wenn sich die Situation ergibt."

Die EZB hatte im Dezember den Leitzins in der Euro-Zone um 50 Basispunkte auf 2,75 Prozent reduziert. Damit reagierte sie auf die schwindenden Inflationsgefahren und wollte zugleich einen Beitrag zu mehr Vertrauen in der Wirtschaft leisten, die in den meisten Ländern der Euro-Zone nach einem Jahr mäßigen Wachstums noch nicht aus ihrem Stimmungstief herausgefunden hat. Die Wirtschaft in der Euro-Zone war im vergangenen Jahr den meisten Prognosen zufolge nur noch um rund ein Prozent gewachsen nach 1,5 Prozent 2001. Die EZB sagte im Dezember eine Spanne von 1,1 bis 2,1 Prozent Wachstum für dieses Jahr voraus. "An dieser Einschätzung hat sich grundsätzlich nichts geändert", sagte Issing.

Der EZB-Chefvolkswirt ging zudem auf den von der Bevölkerung wahrgenommenen Preisauftrieb einerseits und Sorgen vor einer Deflation, also einem anhaltenden gefährlichen Preisrückgang, ein. Die von der Bevölkerung beklagte hohe "gefühlte Inflation" sei sicher nur ein vorübergehendes Phänomen. "Doch führt kein Weg daran vorbei, dass die Akzeptanz der neuen Währung in breiten Schichten der Bevölkerung unter diesem Inflationsgefühl gelitten hat", sagte Issing.

Zum Thema Deflation verwies der EZB-Chefvolkswirt auf seine früher vorgetragene Einschätzung, dass es keine Anzeichen für eine solche gefährliche Abwärtsspirale von Konjunktur und Preisniveau gebe. "Wir sind nicht auf einem Auge blind, wir haben zwei Augen, um Risiken der Deflation wie der Inflation zu beobachten." Beide gefährdeten die Preisstabilität, deren Sicherung oberstes EZB-Ziel ist.

Rückblickend auf die Erfahrungen der ersten vier Jahre Währungsunion betonte Issing, die Zwei-Säulen-Strategie der EZB habe sich unter schwierigen Umständen außerordentlich gut bewährt. Die EZB legt ihren Entscheidungen die Bewertung der Geldmenge sowie der Inflationsaussichten anhand mehrerer Indikatoren zu Grunde. "Mit unserer Entscheidung für eine herausgehobene Rolle der Geldmenge haben wir uns ganz bewusst einen besonderen Erklärungszwang auferlegt", sagte Issing. Kritiker plädieren dafür, der zurzeit ohnehin wegen Sondereinflüssen überhöhten Geldmenge künftig weniger Beachtung als Inflationsthermometer zu schenken.

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