Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.02.2001

21:40 Uhr

Der verpatzte Börsengang des französischen Mobilfunkers Orange ist ein Desaster für die gesamte Branche. Wenn einer der größten europäischen Telekomkonzerne nur wenige Tage vor der Erstnotiz einer solch prestigeträchtigen Mammutemission die Preisspanne drastisch senken muss, kommt das einem Offenbarungseid gleich. Mit Schrecken blickt die Konkurrenz auf das Debakel. Denn auch die Deutsche Telekom, die niederländische KPN und die British Telecom wollen ihre Mobilfunkableger in diesem Jahr noch an die Börse bringen. Orange als entscheidender Testfall für die Emissionswelle hätte keine schlechtere Vorlage geben können. Die anderen Kandidaten haben jetzt jede Menge Stoff zum Nachdenken. Denn mit den Franzosen hat es eine der Top-Adressen der Branche getroffen. Für die meisten Analysten und Fondsmanager steht Orange in Europa an zweiter Stelle, gleich hinter dem unbestrittenen Marktführer Vodafone.

Angesichts dieser Tatsache werden es Deutsche Telekom, KPN und British Telecom mit Sicherheit nicht eilig haben, aus der Deckung zu kommen und ihre eigenen Papiere an den Markt zu bringen. Die entscheidende Frage lautet allerdings: Wie lange können sie noch warten? Denn kaum eine Branche braucht so dringend frisches Kapital wie die der europäischen Telekomriesen. Nach dem massiven Kursrutsch, den die Mutterkonzerne hinter sich haben, wollen die Anleger die Papiere der Mobilfunktöchter ganz offensichtlich nur noch zum Discountpreis haben - wenn überhaupt. Und die Investoren sitzen derzeit eindeutig am längeren Hebel - sie haben die Macht, ihre Preisvorstellungen durchzusetzen.

Wie tief das Misstrauen der Anleger sitzt, zeigt der Fall Orange exemplarisch: Vor einem Jahr, als die Telekomwerte noch ganz oben auf der Börsenhausse schwammen, hoffte der Konzern auf Einnahmen von bis zu 150 Milliarden Euro aus dem Börsengang. Die Stimmung drehte, die Emissionspläne wurden verschoben. Bei der Umsetzung des Vorhabens in diesem Jahr lag der Wert des Mobilfunkers auf Basis der Preisspanne nicht einmal halb so hoch. Aber selbst das war den Investoren noch zu teuer. Jetzt kommt Orange mit einer Bewertung von maximal 53 Milliarden an die Börse.

Für die Franzosen heißt es: Augen zu und durch. Einen Rückzieher kann sich die France Télécom nämlich trotz der miserablen Marktbedingungen nicht leisten. Der Konzern ächzt nach teuren Übernahmen und den Milliardeninvestitionen für neue UMTS-Lizenzen unter einer schweren Schuldenlast. Der Anleihemarkt wurde schon stark in Anspruch genommen. Eine weitere Verschuldung über Bonds ginge nur zu deutlich schlechteren Konditionen. Deshalb muss jetzt neues Eigenkapital zur Entlastung der angespannten Bilanz her. Die anderen Börsenkandidaten kämpfen mit den gleichen Problemen. Das gilt vor allem für die niederländische KPN, die am dringendsten auf das Geld aus dem geplanten Börsengang angewiesen ist. Doch auch für die Deutsche Telekom und die British Telecom sieht die Lage alles andere als rosig aus.

Angesichts des Überangebots droht den Börsenkandidaten im schlimmsten Fall ein desaströser Preiskrieg, wenn sie sich wirklich an den Markt wagen. Die einst so begehrten Mobilfunktöchter dürften - genau wie Orange - plötzlich sehr viel weniger wert sein, als ursprünglich erhofft. Diese trüben Aussichten könnten der zaghaften Erholung der Telekomwerte an den europäischen Börsen sehr schnell ein Ende setzen. Jetzt drohen die Kurse erneut unter Druck zu geraten. Die gestrigen Verluste waren wohl nur ein erster Vorgeschmack darauf.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×