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09.01.2003

07:49 Uhr

„Geiz ist geil“ - Kampagne von Saturn findet Nachahmer

Billig-Strategie wird zum Verkaufsprinzip

VonStefan Menzel

Deutschlands Konsumenten sind vom Billig-Fieber infiziert. Weil die Einkommen breiter Bevölkerungsschichten derzeit kaum noch steigen, wird beim Einkauf nach Kräften gespart. Zuerst haben Discounter wie Aldi und Lidl davon profitiert, jetzt entdecken auch andere Branchen den Billig-Trend.

DÜSSELDORF. Billig, Rabatte, Prozente - kaum ein Händler in Deutschland wirbt in seinen Schaufenstern derzeit nicht mit einem Hinweis auf massive Preisnachlässe. Die "Geiz ist geil"-Kampagne der Metro-Tochter Saturn hat allerbeste Aussichten, sich zu einem Klassiker zu entwickeln. Vor dem Jahreswechsel hatte die Rabatt-Welle im Einzelhandel begonnen. "Vor Weihnachten ging das los", sagt Rolf Bürkl von der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) in Nürnberg, "das ist jedoch ungewöhnlich früh." Normalerweise hätte die Nachlass-Welle erst im Januar zum Winter-Schlussverkauf begonnen.

Deutschlands Konsumenten sparen an vielen Ecken. "Es gibt eindeutig eine Kaufzurückhaltung", bestätigt Jürgen Chlumsky, Preis-Forscher beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden. Ein ganzes Bündel von Faktoren habe dazu beigetragen. An erster Stelle nennt er die politische Lage, die konjunkturelle Schwäche und den Euro.

Hohe Rabatte und Nachlässe sind die Reaktion der Händler auf die Nachfrageschwäche. "Günstige Preise sollen die Leute wieder in die Geschäfte bringen", glaubt Konsumforscher Bürkl. Außerdem würde dadurch wenigstens wieder etwas mehr Geld in die Kassen der Händler fließen.

Das Statistische Bundesamt sieht den Preisdruck vor allem bei Elektro-Geräten und bei Kleidung. Zum Teil gebe es auch bei Lebensmitteln Preissenkungen im Vorjahresvergleich. Der Grund dafür: Die Ernten seien wesentlich besser ausgefallen als vor zwölf Monaten. Nach Angaben von Preis-Forscher Chlumsky fallen die Preise auch bei Produkten, die im Zusammenhang mit Hobbys und Freizeitbeschäftigung stehen. Wer sparen muss, verzichtet auf die Camping-Ausrüstung oder das neue Sportgerät.

Von dem zögernden Kaufverhalten haben allerdings Discount-Ketten mit Niedrigpreisen profitiert. "Die Umsatzzuwächse von Aldi und Lidl sind Realität", sagt Holger Fahrinkrug, Volkswirt bei UBS Warburg. Beide Discount-Ketten profitierten auch davon, dass sie ihr Image geändert hätten und heute neue Zielgruppen ansprächen. Auch im breiten Mittelstand sei der Einkauf bei Aldi "en vogue".

Doch nicht mehr nur der klassische Einzelhandel wirbt massiv mit Billigst-Preisen. Auch die Fluggesellschaften machen sich verstärkt Hoffnungen, mit einer Niedrigpreis- Welle neue Kundengruppen ansprechen zu können. Autovermietungen, Reiseveranstalter und Hotels arbeiten ebenfalls mit Hochdruck an Angeboten auf Niedrigpreis-Niveau.

In der vergangenen Woche hat die Welle auch eine Branche erreicht, in der kaum jemand mit einer Preissenkung gerechnet hatte: Die spanische Volkswagen-Tochter Seat reduziert in diesem Jahr ihre Preise auf dem deutschen Markt um 5 %. Preissenkungen sind bei den Autoherstellern bislang völlig unbekannt gewesen, im Normalfall geht es bei ihnen in die entgegengesetzte Richtung.

In der Autobranche geht es nicht mehr ohne Rabatte, zu rückläufig waren die Absatzzahlen in den vergangenen Monaten. "Wir sehen im Moment einen realen Preisverfall", sagt Ferdinand Dudenhöffer, Professor an der Fachhochschule Gelsenkirchen. Auch Premiummarken wie BMW und Mercedes seien inzwischen von dieser Entwicklung betroffen. Schnelle Entwarnung sei nicht zu erwarten. "Erst 2004 oder 2005 wird sich die Lager wieder beruhigen", glaubt Dudenhöffer. Fiat glaubt an den Erfolg der Saturn-Kampagne und wirbt jetzt fast gleichlautend mit dem Slogan "Geiz ist cool".

Volkswirt Fahrinkrug ist davon überzeugt, dass auch in anderen Branchen bald ein Preisrückgang zu beobachten sein wird. Einzelne Dienstleistungs-Bereiche werden nach seiner Ansicht nachgeben müssen - allen voran die Gastronomie, Frisöre oder chemische Reinigungen. Das wären fast genau die Branchen, die bei der Einführung des Euro besonders bei den Preisen aufgeschlagen hatten.

Quelle: Handelsblatt

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