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15.01.2003

08:07 Uhr

Gelder flossen in dunkle Kanäle

Fortis-Kunden zittern um 300 Millionen Dollar

VonIngo Narat

Das klang so gut: Sichere Anlage, hohe Rendite. Europäische Privatanleger gaben ihr Geld dem Fortis-Oracle-Fund auf den Bahamas. Aber die US-Manager des Fonds brachten es durch. Am Montag begann der Prozess in Nassau. Der renommierte niederländische Finanzkonzern Fortis spielt aber auf Zeit.

FRANKFURT/M. "Die bieten uns ein klägliches Schauspiel." Der Schweizer Bertram Beier (Name von der Redaktion geändert) ist wütend auf die niederländische Fortis Bank: "Umgerechnet 20 000 Euro habe ich in den Oracle Fund investiert, viel davon ist verloren." Aber, sagt der 87-Jährige erleichtert, "jetzt hat es mit der Verzögerungstaktik von Fortis ein Ende. Die Sache kommt endlich vor Gericht und in die Medien."

Am Montag um 10 Uhr Ortszeit eröffnete Richter Hugh Small im Finanzzentrum Nassau auf den Bahamas den Prozess gegen die verantwortliche Fondstochter der Fortis Bank, die zu den zehn größten europäischen Vermögensverwaltern zählt. Die Bank ist in Deutschland zwar nur mit zwei kleineren Filialen vertreten und mit ihnen lediglich im Firmengeschäft für Mittelständler aktiv. Pikant an den Vorgängen auf den Bahamas ist aus deutscher Sicht aber etwas anderes: Erst vor wenigen Wochen ging Fortis in Deutschland mit einer Fondspalette für das breite Privatkundengeschäft an den Start.

Im Prozess in Nassau geht um fast 300 Mill. Dollar an Anlegergeldern, wovon nach Handelsblatt-Recherchen wahrscheinlich zwei Drittel verloren sind. Den Anlegern wurde versprochen, dass ihr Geld in sichere US-Anleihen fließen würde. Stattdessen vertraute Fortis die Mittel dubiosen Beratern an. Geschädigt wurden überwiegend europäische Privatinvestoren. Anwälte schätzen, dass mindestens eine hohe dreistellige Zahl von Investoren betroffen ist. Dazu gehören vor allem Kunden der international tätigen Banken UBS und HSBC. Die Fortis Bank will die Vorgänge nicht kommentieren.

Der Vorwurf an die Tochter auf den Bahamas lautet, dass die Verantwortlichen Rhonda D. McDeigan-Eldridge, Barry W. Herman und Anthony L.M. Inder Reiden keine Kontrolle über die Anlage der Gelder ausübten. Der Prozess, der voraussichtlich sechs bis acht Wochen dauern wird, soll die Frage klären, ob Fortis Fund Services (Bahamas) Ltd. für die Verluste mitverantwortlich und deshalb haftbar ist. Anwälte erwarten, dass das Gericht im Sinne der Geschädigten entscheidet. Sie rechnen für diesen Fall aber damit, dass Fortis Berufung einlegen wird, heißt es.

Der Anteilwert stieg höher und höher - doch das hatte mit der Wirklichkeit nicht viel zu tun

Unabhängig von diesem Prozess zur Klärung der Haftungsfrage sind außerdem Schadensersatzklagen von UBS und HSBC sowie einem weiteren Fortis-Kunden anhängig, dem niederländischen Jalousienhersteller Hunter Douglas. Diese Klagen sollen erst im Januar 2004 vor Gericht verhandelt werden. Ohne einen Vergleich, zeichnet sich eine langwierige und zähe Auseinandersetzung ab.

Der Fall ist der größte Skandal um europäische Anlagegelder seit der Peter-Young-Affäre von 1996. Young verspekulierte Kundengelder und kostete die Deutsche Bank fast 400 Mill. Pfund (Kasten). Während die Deutsche Bank sofort entschädigte, scheint Fortis an keiner schnellen Einigung gelegen.

Die Geschichte der Oracle Fund Limited auf den Bahamas begann 1993. Wie es heißt, erwarben über 80 Finanzhäuser und Institutionen Anteile an dem Fonds. Zu den größten Adressen, die dem Handelsblatt bekannt sind, zählen neben den erwähnten HSBC, UBS und Hunter Douglas die schweizerische Vermögensverwaltungsfirma VZ Vermögenszentrum. Bei UBS sind Kunden ihrer Zürcher Tochter Cantrade Privatbank betroffen, die Quellen auf den Bahamas zufolge 90 Mill. Dollar in Oracle investierten; HSBC-Kunden sind angeblich mit 60 Mill. Dollar beteiligt. Im Fall Hunter Douglas hatten sowohl die Firma als auch Mitarbeiter investiert. VZ erwarb für seine schweizerischen Kunden Fondsanteile. Zusammen legten Hunter Douglas und VZ-Kunden knapp 20 Mill. Dollar bei Oracle an.

Die geschädigten Häuser werfen der Fortis-Tochter grobe Vernachlässigung der Sorgfalts- und Aufsichtspflichten vor. Der Fondsprospekt versprach, dass die Gelder in spezielle US-Anleihen, so genannte Tax Lien Certificates, investiert würden. Diese Papiere werden meist von US-Kommunen begeben, die damit die ihnen geschuldete Haus- und Grundsteuer vorzeitig zu Geld machen. Diese Forderungen gelten als relativ konservatives Investment.

Der von Fortis Fund Services engagierte Vermögensverwalter, die hier zu Lande unbekannte US-Gesellschaft Adyield, leitete dagegen rund zwei Drittel der Mittel in dubiose Kanäle (Kasten). Obwohl es bereits ab 1995 Hinweise auf Missmanagement und finanzielle Verluste gab, griff die verantwortliche Verwaltungsgesellschaft nicht ein. Das belegen die dem Handelsblatt vorliegenden umfangreichen Dokumente, darunter Schreiben der Wirtschaftsprüfungsfirmen Coopers & Lybrand bzw. Price Waterhouse Coopers an Fortis Fund Services.

Fortis wird weiter vorgeworfen, die Berechnung der Anteilswerte durch die US-Beratungsgesellschaft ungeprüft übernommen zu haben. Von 1995 bis zur Auflösung des Fonds publizierte Fortis stetig steigende Preise. Nach der Emission zu 100 Dollar kletterte der Anteilwert im Schnitt pro Jahr um knapp acht Prozent bis Mitte 1999 auf rund 158 Dollar. Auch gab es bei Fortis keine adäquate Dokumentation über den Oracle Fund. Geprüfte Jahresberichte über den Finanzstatus des Fonds wurden mit mehrjähriger Verspätung vorgelegt.

Erst im Juli 1999 setzten die verantwortlichen Direktoren bei Fortis Fund Services den Handel mit Oracle-Anteilen aus, wie es ihnen der Fondsprospekt vorschrieb, weil der Anteilswert angesichts der tatsächlichen finanziellen Lage unter eine bestimmte kritische Marke gefallen war. "Die anschließenden Prüfungen durch die Direktoren ergaben, dass die Gelder nicht ordnungsgemäß angelegt wurden und dass es praktisch keine Kontrolle der Anlageberater gab", sagt ein Anwalt einer der geschädigten Adressen. Fortis Fund Services leitete darauf hin die Auflösung des Fonds ein.

Anwälte der Betroffenen werfen Fortis vor, sie wolle die Geschädigten mit Verzögerung zermürben

Das zuständige Gericht auf den Bahamas, der Supreme Court, fällte eine entsprechende Entscheidung im September 2000 und setzte als Liquidatoren zwei Partner der Wirtschaftsprüfungsfirma Ernst & Young ein. Maria Férère und Paul Clark sollen als eine Art Insolvenzverwalter die Vermögenswerte des Fonds sicherstellen. "Rund 80 Millionen Dollar wurden bereits eingesammelt", heißt es zu diesem Punkt in Nassau.

Die Insolvenzverwalter treten seit Montag auch vor dem Supreme Court als Kläger gegen Fortis Fund Services und die Fonds-Direktoren auf, um klären zu lassen, ob diese für die Anlegerverluste im Oracle Fund mitverantwortlich sind. "Fortis verliert wahrscheinlich, wird dann aber sicher in die Berufung gehen", sagt ein involvierter Rechtsanwalt - und erst wenn die Haftungsfrage geklärt sei, könne in einem Folgeprozess über die Höhe von Schadenersatzansprüchen entschieden werden. "Vielleicht wird Fortis am Ende einen Vergleich anbieten, bei dem die Anleger einen Teil des eingesetzten Kapitals zurückerhalten - irgendwann in ferner Zukunft", sagt ein Beobachter.

Die Erfahrungen der Beteiligten in einer parallel laufenden Auseinandersetzung auf den Bahamas stützen die Erwartung eines langwierigen Verfahrens. HSBC, UBS und Hunter Douglas hatten bereits vor zwei Jahren über ortsansässige Kanzleien Klagen eingereicht. VZ erwägt diesen Schritt noch. In diesen Fällen geht es um Schadenersatzforderungen aus der Prospekthaftung und auch hier verhält sich Fortis Beobachtern zufolge unkooperativ. "Die tun alles, um den Prozess zu verzögern und die Kläger mürbe zu machen, damit die sich am Ende mit einer möglichst geringen Entschädigung zufrieden geben", heißt es von Betroffenen. Ein Beispiel: Bereits Mitte vorletzten Jahres stellte Fortis Fund Services den Antrag auf Abweisung der Klagen. Das Gericht lehnte zwar ab, die Verhandlung wurde aber großzügig vertagt. "Ein Gerichtstermin ist jetzt erst für Januar 2004 angesetzt", sagt ein zuständiger Anwalt.

Eine für Anleger wichtige Entscheidung fällte der Supreme Court bereits - wenngleich nur in erster Instanz. Sie betrifft die Vorzugsbehandlung von bestimmten Anlegern. Oracle-Fonds wurden in zwei Anteilklassen angeboten, wovon eine bei den Ausschüttungen ähnlich wie Vorzugsaktien bevorzugt berücksichtigt wurde. Sollte diese Vorzugsbehandlung auch bei der Entschädigung im Falle der Fondsauflösung gelten? Der Supreme Court beantwortete diese Frage mit "Ja": "Besitzer der bevorrechtigten Anteile werden laut erstinstanzlicher Entscheidung ihren Einsatz vollständig zurück bekommen", sagt ein Anwalt. Davon halten die anderen Anteilseigner nichts - ihre Anwälte sind bereits in die Berufung gegangen.

Für die geschädigten Anleger ist die Materie komplex und das gesamte Verfahren nach örtlichem Recht des Off-Shore-Platzes Bahamas reichlich undurchsichtig. Die beteiligten Adressen räumen den Vorgang zwar ein, wollen aber meist keine weiteren Auskünfte geben. Bei der Fortis-Mutter, die in ihrer Vermögensverwaltungssparte weltweit rund 240 Mrd. Dollar betreut und in Europa immerhin zu den zehn größten Asset-Managern zählt, stößt man auf eine Mauer des Schweigens. Bei HSBC und UBS ist es nicht anders. Man wolle in ein schwebendes Verfahren nicht eingreifen, sagt eine Sprecherin der Fortis Bank in Amsterdam.

So mancher Investor vetraute beim Fondskauf auf den guten Namen der Fortis Bank

Die zuständigen Finanzaufsichtsbehören an den Fortis-Hauptstandorten in Belgien und den Niederlanden wurden zwar informiert. Vertreter der Brüsseler CBF Banking and Finance Commission verweisen jedoch auf die De Nederlandsche Bank in Amsterdam. Und aus Amsterdam heißt es schlicht: "Kein Kommentar."

Der geschädigte Schweizer Beier, früher Marketingleiter eines Maschinenbaukonzerns, versteht die Welt nicht mehr. Ihn nervt das Mauern der Fortis Bank. "Die Mutterfirma sollte endlich für ihre Tochter einstehen und zahlen; Eltern haften für ihre Kinder", fordert er. Diesen Grundsatz habe er auch in seinem eigenen Berufsleben immer befolgt. "Ohne Vertrauen in den Namen Fortis hätte ich vielleicht gar kein Produkt auf den Bahamas gekauft", sagt er.

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