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28.05.2000

15:17 Uhr

Geldgeschenke von Industriellen angenommen - aber nicht versteuert

Weizmans langer Abschied - Israels Staatspräsident tritt zurück

Er hatte Geldgeschenke von Industriellen angenommen - aber nicht versteuert

dpa TEL AVIV. Staatspräsident Eser Weizman, der am Sonntag wegen seiner Verwicklung in einen Korruptionsskandal seinen Rücktritt zum 10. Juli angekündigt hat, war eine der umstrittensten, aber auch populärsten Persönlichkeiten Israels. Kaum ein anderer, heute noch lebender Politiker Israels hat die Geschichte des Landes von Beginn an so mitgestaltet, wie der 75-Jährige. Doch wie kein anderer konnte er Menschen durch kontroverse Äußerungen provozieren.

Dass Weizmans politisches Ende zu einem "langen Abschied", einem Rücktritt auf Raten, wurde, passt nach Meinung seiner Biografen zu dem Mann, der vom politischen Falken zur "Taube" mutierte und dabei Israels Friedenspolitik wesentlich mitgestaltete. Erst vor zwei Jahren im Amt bestätigt, musste er jetzt zurücktreten, weil er bis zu einer Million Mark "Geldgeschenke" von Industriellen angenommen, das Geld aber nicht versteuert hatte. Doch Weizman wollte bis zum Schluss nicht einsehen, dass solches Tun eines Politikers unwürdig ist. Monatelang verzögerte er die Rücktrittsentscheidung, bis ihn Parteifreunde unter Androhung eines Amtsenthebungsverfahren zur Demission zwangen.

"Großmaul Nummer eins"

Weizman war Israels umstrittenstes Staatsoberhaupt, stets zu sagen bereit, was er gerade dachte. Negative Äußerungen über Frauen oder Homosexuelle brachten ihm den Titel "Großmaul Nummer eins" der Tageszeitung "Haaretz" ein. Und während seiner fast siebenjährigen Amtszeit mischte er sich offen in die politischen Angelegenheiten der jeweiligen Regierungen ein. Weizman trat 1993 als siebenter Präsident Israels in die Fußstapfen seines Onkels Chaim Weizmann, des ersten Staatsoberhauptes. Er wurde am 15. Juni 1924 als Sohn osteuropäischer Einwanderer in Tel Aviv geboren. 1942 trat er freiwillig in die britische Luftwaffe ein. Als Pilot war er auch am ersten Nahost-Krieg in den Jahren 1948/49 beteiligt. Weizman gilt als "Vater der modernen israelischen Luftwaffe" und war von 1958 bis 1966 deren Oberbefehlshaber.

Politisch vollzog Weizman die Wandlung vom rechten Haudegen zum Förderer des Nahost-Friedensprozesses. Ende der 70er Jahre hatte er als Verteidigungsminister der Likud-Regierung von Menachem Begin wesentlichen Anteil an der Friedenslösung mit Ägypten. 1980 gründete er eine eigene Partei, "Jahad", die sich später der Arbeitspartei anschloss. In Koalitionen mit dem Likud-Block in den 80er Jahren übernahm er Ministerämter. 1990 löste er einen politischen Sturm aus, weil er sich für Begegnungen mit dem damals in Israel geächteten Jassir Arafat aussprach.

1993 wurde Weizman dann als Kandidat der Arbeitspartei zum Präsidenten gewählt. Nach Beginn des israelisch-palästinensischen Friedensprozesses 1993 und den blutigen Anschlägen palästinensischer Extremisten kritisierte er die Politik der Regierung von Izchak Rabin scharf. Er forderte mehrmals eine Unterbrechung der Verhandlungen mit den Palästinensern. Nach der Wahl Benjamin Netanjahus 1996 versuchte Weizman mehrfach auf eigene Faust, den stockenden Friedensprozess in Gang zu bringen. Seit der Wahl von Ehud Barak zum Ministerpräsidenten machte er sich immer wieder für einen Abzug Israels von den besetzten Golan-Höhen stark und löste auch damit heftige Kritik aus.

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