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28.07.2000

17:21 Uhr

Reuters WASHINGTON/NEW YORK. Das unerwartet starke Wirtschaftswachstum in den USA im zweiten Quartal hat Analysten zufolge erneut die Erwartung steigender Leitzinsen in den USA aufkommen lassen. Mit real 5,2 % hat sich der Zuwachs des Bruttoinlandsprodukts (BIP) beschleunigt, während Volkswirte eine deutliche Verlangsamung der Konjunktur erwartet hatten. Nachdem sich seit einigen Wochen an den Finanzmärkten die Meinung verfestigte, die US-Leitzinsen hätten mit 6,50 % ihren höchsten Stand erreicht, ist nun nach Ansicht von Analysten wieder alles offen. Die Aussicht auf weitere Zinserhöhungen stärkte den $ und ließ die Kurse der Staatsanleihen in den USA und Europa sinken.

Wie das Handelsministerium am Freitag mitteilte, stieg das BIP im zweiten Quartal um eine Jahresrate von 5,2 % nach einem Zuwachs von 4,8 (revidiert von ursprünglich 5,5) Prozent in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Von Reuters befragte Volkswirte hatten dagegen einen schwächeren Anstieg um 3,8 % prognostiziert. Der von den Finanzmärkten viel beachtete Preis-Deflator stieg dagegen nur um 2,5 % gegenüber dem zweiten Quartal 1999 nach revidiert 3,3 % im ersten Vierteljahr. Die Prognose hatte 2,4 % betragen.

Wie das Ministerium weiter mitteilte, ist der Anstieg auf anhaltend hohe Investitionen der Unternehmen und den Aufbau von Lagerbeständen zurückzuführen. Die Ausgaben der Verbraucher, die zwei Drittel der US-Wirtschaft ausmachen, legten mit 3,0 % dagegen nicht mehr so stark zu wie im ersten Quartal, als sie um 7,6 % gestiegen waren.

Nach Ansicht von Volkswirten ist eine weitere Zinserhöhung der US-Notenbank in diesem Jahr jetzt nicht mehr auszuschließen. Die Fed hat seit Juni 1999 den Zielsatz für Tagesgeld sechs Mal um insgesamt 175 Basispunkte auf derzeit 6,50 % erhöht, um die mit der boomenden US-Konjunktur verbundenen Inflationsgefahren einzudämmen. Seit Mai hatten einige Konjunkturdaten auf ein gedämpfteres Wirtschaftswachstum schließen lassen. Die Rede von US-Notenbankpräsident Alan Greenspan in der vergangenen Woche hatte die Hoffnungen auf eine "weiche Landung" der US-Wirtschaft bestärkt.

"Die Fed hat ihre Arbeit womöglich noch nicht beendet", kommentierte jetzt David Jones, Chef-Volkswirt von Aubrey G. Lanston & Co. in New York, die BIP-Daten. Die nächste Zinserhöhung kommt nach seiner Einschätzung zwar noch nicht im August, aber wahrscheinlich noch in diesem Jahr. Sein Kollege Charles Lieberman von First Institutional Securities schließt einen Zinsschritt im August nicht aus. Die Konjunktur habe sich nicht so abgeschwächt wie die Investoren erhofft hatten und es für unveränderte Leitzinsen nötig gewesen wäre. "Eine Straffung steht im August auf der Tagesordnung", sagte Lieberman mit Blick auf die nächste Tagung der Notenbank am 22. August.

Ein Lichtblick war für die Volkswirte allerdings der schwächere Zuwachs der Verbraucherausgaben. Vertreter der US-Notenbank hatten des Öfteren eine schwächere Konsumentennachfrage als Voraussetzung genannt, um die Inflation unter Kontrolle zu behalten.

Die Rentenmärkte in den USA und Europa reagierten mit Kursrückgängen auf die BIP-Daten, weil diese auf Inflationsgefahren hinweisen und eine Zinserhöhung möglich machen. Steigende Preise können bei Anleihen, die über mehrere Jahre laufen, die Renditen schwinden lassen, deshalb gehen die Preise solcher Papiere bei entsprechenden Erwartungen zurück. Bevorstehende Zinserhöhungen belasten in der Regel Anleihen mit kürzeren Laufzeiten, da neu emittierte Anleihen dann ein attraktiveres Zinsniveau als diese aufweisen.

Die zehnjährige US-Staatsanleihe verlor bis zu 18/32 Stellen auf 103 Punkte, die Rendite lag zuletzt bei 6,02 %. Die zehnjährige Bundesanleihe Juli 2010 fiel auf 100,07 % gegenüber 100,45 % zum Vortagesschluss und rentierte zuletzt mit 5,21 %.

Nutznießer der offenbar weiterhin boomenden Konjunktur war auch der $, Verlierer der Euro. Sollten die Zinsen in den USA steigen, weitet sich die Zinsdifferenz zwischen Amerika und der Euro-Zone wieder aus. Kapitalanlagen werden dann in den USA interessanter, die Dollar-Nachfrage dürfte steigen. Der Euro fiel auf ein vorläufiges Tagestief um 0,9220 $ und verlor damit fast einen US-Cent seit Handelsschluss in New York am Donnerstagabend.

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