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17.01.2002

00:00 Uhr

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Gemeinsam stark sein

VonWOLFGANG E. MÜLLER

E-Lösungen nur innerhalb von Unternehmen reichen nicht. Zulieferer und Kunden müssen mit ins Boot.

DÜSSELDORF. Für Carl von Gablenz, Chef der Cargolifter AG, zählt jede Stunde: Spätestens Ende 2003 soll das erste Transportluftschiff seine Montagehalle in Brandenburg verlassen. Etliche Verzögerungen hat es bereits gegeben, und bis der Prototyp des Cargolifters CL 160 zum Jungfernflug abheben kann, ist noch einiges zu leisten. "Die Fertigung vieler Einzelteile übernehmen zunächst externe Partner", berichtet von Gablenz. Die eigene Mannschaft sorgt für den Zusammenbau von Bugkappe oder Hülle, die Endmontage sowie Tests am Boden und in der Luft.

Dazu benötigen die Ingenieure jederzeit den Überblick über den Stand der Dinge. Gewährleisten soll dies E-Collaboration - die web-basierte Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten.

Deshalb hat Cargolifter an mehr als 200 Arbeitsplätzen das Software-Paket Windchill des US-Unternehmens Parametric Technology installiert. Es bildet sämtliche Planungs- und Fertigungsschritte elektronisch ab und informiert alle Mitarbeiter über anstehende Aufgaben. Ist die Arbeit erledigt, kann der Vorgang automatisch zur nächsten Stufe weitergeleitet werden.

"Das Programm beschleunigt die Abläufe erheblich, da alle Informationen jederzeit zur Verfügung stehen, neue Schritte direkt eingeleitet werden und nichts vergessen wird", sagt von Gablenz. Und das über die Unternehmensgrenzen hinweg, denn auch Lieferanten und externe Entwickler sind in die elektronische Kette eingebunden.

Noch einen Schritt weiter geht Werner Spinner aus dem Vorstand der Bayer AG: "E-Collaboration muss auch die Kunden einbeziehen." Im Rahmen seiner E-Business-Aktivitäten richtet der Chemie- und Pharmakonzern für die einzelnen Sparten deshalb "Solution Portals" im Netz ein. Das Online-Angebot des Geschäftsbereichs Kunststoffe, der zu den Vorreitern zählt, umfasst etwa detaillierte Werkstoffkennzahlen und Konstruktionshilfen bis hin zum Collaborative Engineering, also der interaktiven Entwicklung und Diskussion von Konstruktionsideen mit dem Kunden.

"Damit bieten wir unseren Partnern Werkzeuge an, die ihnen einen Wettbewerbsvorteil erschließen", behauptet Spinner. Wer Erfolge wolle, müsse alte Organisationsstrukturen überwinden und hoch entwickelte, integrierte Prozesse verwirklichen.

Doch bis dahin ist es in den meisten Unternehmen ein weiter Weg. Laut einer Studie des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und-automatisierung in Magdeburg, für die 3 000 Mittelständler befragt wurden, lassen erst 5 % der Firmen Lieferanten und Dienstleister in ihre Daten schauen. Weitere 35 % planen eine Anbindung der Zulieferer an ihre Computersysteme. "Bei der Hälfte der Betriebe gibt es jedoch auch erhebliche Vorbehalte", sagt Fraunhofer-Professor Mario Spiewack. Trotzdem sieht er ein erhebliches Potenzial.

Die Anbieter von Software aus den Bereichen Enterprise Resource Planning (ERP) und Supply Chain Management (SCM) stehen unterdessen längst Gewehr bei Fuß und erwarten lukrative Geschäfte. Denn die Analysten der Meta Group rechnen in den nächsten Jahren in diesem Segment mit jährlichen Wachstumsraten von fast 50 %.

Einsatzmöglichkeiten bieten sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette - von der Kalkulation über die Projektierung bis hin zur Wartung oder Ersatzteilversorgung. Am Beispiel des Anlagenbaus hat das Beratungsunternehmen Arthur D. Little ermittelt, dass die Gesamtkosten durch eine elektronische Plattform für die Angebotskalkulation bei Großprojekten um bis zu 4 % sinken können. "Damit muss nicht jedes Mal das Rad neu erfunden werden und es schleichen sich weniger Fehler in die Angebote ein", weiß Little-Berater Volker Bellersheim.

Da beim Bau eines Kraftwerks oder einer Chemie-Produktionsanlage etliche Firmen beteiligt sind, die sich stets über Details abstimmen müssen, würde der konsequente Einsatz von E-Collaboration auch eine erhebliche Zeitersparnis bedeuten.

Beim Thema kooperative Produktentwicklung sind die Autohersteller die Vorreiter, ergibt eine branchenübergreifende Studie der Beratung Accenture. Audi etwa setzt seit einigen Monaten die Software Joint X von Siemens Business Services (SBS) ein. "Besonders in der Prototypenentwicklung sind umfangreiche Planungen und komplizierte Abstimmungsprozesse von Designern, Lieferanten und Herstellern an der Tagesordnung", berichtet Audi - Projektleiter Hans Miehling. Um ein möglichst effizientes Arbeiten zu gewährleisten, müssten alle Beteiligten schnell auf Gesetze, Normen, Zeichnungen, Testergebnisse, Pläne und Fehlermeldungen zugreifen können.

Mit Hilfe von Joint X ist es unter anderem möglich, synchron Pläne auszutauschen und sich gleichzeitig per Videokonferenz zu unterhalten. Zudem erlaubt die Software auch Application Sharing, bei dem mehrere Partner von verschiedenen Standorten aus zeitgleich dieselben Anwendungen nutzen und so direkt Veränderungen an den Entwürfen vornehmen können. Zur Anbindung an das System können die Nutzer entweder eine ISDN-Verbindung nutzen oder das ENX (European Network Exchange) verwenden - ein Branchennetz der Automobilindustrie, in dem Daten speziell verschlüsselt werden.

Direkt im Internet lässt sich dagegen die Internet-Plattform Ec4ec nutzen, die von Babcock Borsig, MG Technologies, VA Technologie, Deutsche Bank und SAP Markets gegründet wurde. "Wir sind kein Internet-Marktplatz, sondern ein web-basiertes Abwicklungstool für Maschinen- und Anlagenbauer mit einem Lieferantenverzeichnis", meint Geschäftsführer Christian Schäfer. Die Plattform für Collaborative Engineering im Chemie- und Kraftwerksanlagenbau soll es ermöglichen, die Abstimmung zu straffen, effizient nach Lieferanten zu suchen und Kosten zu sparen.

"Wir sehen bei den Prozesskosten für das Beschaffungs-Engineering ein Einsparungspotenzial von 20 Prozent, weil schneller und effektiver gearbeitet werden kann", sagt Schäfer. Bisher lässt die Nutzerzahl bei Ec4ec jedoch noch zu wünschen übrig, das gesamte Projekt läuft deutlich langsamer als ursprünglich geplant. Trotzdem bleibt Schäfer optimistisch: "In den vergangenen beiden Monaten hatten wir einen spürbaren Aufwärtstrend bei den Registrierungen."

E-Collaboration oder auch Collaborative Commerce meint das übergreifende Bearbeiten von Projekten per Internet. Alle beteiligten Unternehmen haben etwa Zugriff auf Daten zu Lagerhaltung oder Konstruktion des Partners.

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