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09.01.2001

19:51 Uhr

ap BERLIN. Sie konnten die Krise nur gemeinsam durchstehen oder gemeinsam untergehen. Gesundheitsministerin Andrea Fischer von den Grünen ist eine engagierte Verbraucherschützerin mit einer Neigung zum Saxofonspiel. Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke von der SPD ist ein engagierter Landwirt mit einer Neigung zum Reimen. So unterschiedlich sie in Überzeugung und Amtsführung waren, die Koalitionsdisziplin hätte es nicht ermöglicht, nur einen von ihnen abzulösen.

Daher jagten sich am Dienstagabend die Krisensitzungen. Zwei Rücktritte auf einmal, das war nicht die umfassende Kabinettsumbildung, die CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer dann gleich pflichtgemäß forderte. Aber es erforderte die dringende Suche nach zwei krisenfesten und koalitionsresistenten Persönlichkeiten.

Bundeskanzler Gerhard Schröder musste vermutlich unmittelbar nach dem letzten Wunsch für ein "schönes neues Jahr" das Abschiedsgespräch mit Andrea Fischer führen. Mit Funke, seinem langjährigen Weggefährten aus Niedersachsen, verständigte er sich per Telefon, da dieser Auswärtstermine hatte. Funkes Frau jedenfalls sagte am Telefon, ihr Mann komme vermutlich erst am Wochenende zurück.

Erste Ahnungen, der Landwirt werde seines Ministeriums vielleicht in Kürze ledig, hatte es nach Lektüre der Wochenendausgaben der Zeitungen gegeben. Da war von einem Sieben-Punkte-Papier der Staatssekretäre aus Umwelt- und Landwirtschaftsministerium die Rede, das von Schröder abgesegnet worden sei, und von einem Acht-Punkte-Papier Funkes, das an einigen Stellen quer zu dem anderen Papier lag. Funke soll das erste mit den Worten kommentiert haben, es gebe kein Denkverbot für Staatssekretäre. Mit anderen Worten: Er setzte sich über Schröders positive Wertung hinweg.

Am Sonntag rezitierten die Medien genüsslich eine Kritik von SPD-Generalsekretär Franz Müntefering an der Art, wie die Bundesregierung die BSE-Krise zu bewältigen versuche. Am Montag folgte ein schwer verständliches Hin und Her der Sprecher der Ministerien und der Bundesregierung über die Papiere und über deren Würdigung durch den Inhaber der Richtlinienkompetenz. Am Dienstag legte der Grünen-Vorsitzende Fritz Kuhn ungeschminkt nach: "Die Leute interessiert nicht das Schwarze-Peter-Spiel, sie interessiert, wie sie sichere Lebensmittel bekommen."

Das für den Abend angesetzte Neujahrsessen des Kabinetts fiel flach. Schröder war der Appetit vergangen. Er dürfte genug zu tun gehabt haben, die Nachfolger zu überzeugen und sich zu überlegen, wie er dem Publikum die fortdauernde Stabilität von Rot-Grün verkaufen sollte.

Schließlich hatten vor Funke und Fischer bereits Bundesfinanzminister Oskar Lafontaine, Kanzleramtsminister Bodo Hombach und Verkehrsminister Reinhard Klimmt gehen müssen. Klimmts Vorgänger Müntefering war von Schröder selbst ins Amt des Generalsekretärs berufen worden, und Kulturstaatsminister Michael Naumann hatte aus eigenem Antrieb den Chefposten bei der "Zeit" dem zähen Ringen um Kultur in der Politik vorgezogen.

Und einige Kollegen Funkes und Fischers stehen noch unter Beschuss: Bundesaußenminister Joschka Fischer wegen seiner Vergangenheit als Frankfurter Straßenkämpfer, Verteidigungsminister Rudolf Scharping wegen angeblich zu lascher Behandlung der Probleme mit der Uranmunition, Finanzminister Hans Eichel wegen angeblich exzessiver Nutzung der Flugbereitschaft und Bundesarbeitsminister Walter Riester wegen der Rentenreform. Aber einer, für den im ersten Jahr der rot-grünen Legislaturperiode nur wenige einen Pfifferling gegeben hätten, der steht nicht auf der Abschussliste: Bundesumweltminister Jürgen Trittin.



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