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16.07.2000

18:04 Uhr

Gericht spricht bislang höchste Geldstrafe aus

Tabak-Industrie will in Berufung gehen

VonNORBERT KULS

Ein Geschworenengericht in Florida hat die fünf größten US-Tabakkonzerne zu einer Strafe von 144,8 Mrd.$ verurteilt, weil sie jahrelang vorsätzlich die Gefahren des Rauchens verschleiert haben.

MIAMI. Die amerikanischen Tabakkonzerne haben sich die bislang größte in einem Zivilverfahren verhängte Strafe in den USA eingehandelt. Bereits im April hatte die gleiche Jury zwei krebskranken ehemaligen Rauchern und den Hinterbliebenen einer bereits gestorbenen Raucherin Schadenersatz in Höhe von 12,7 Mill.$ zugesprochen.

Die Tabakkonzerne wollen gegen das Urteil Berufung einlegen. Der Anwalt des größten US-Zigarettenherstellers Philip Morris Inc., Dan Webb, zeigte sich zuversichtlich, dass das Urteil keinen Bestand haben werde. "Es wird keine direkten Auswirkungen auf die Unternehmen haben", sagte er. Nach einem kürzlich in Florida vor dem Hintergrund der Tabakklage verabschiedeten Gesetz müssen Unternehmen nicht mehr als 100 Mill.$ Kaution hinterlegen, um die Strafzahlungen während eines Berufungsverfahrens aufzuschieben.

Kläger-Anwalt Stanley Rosenblatt, der im Laufe des Prozesses eine Strafe von 154 Mrd.$ als angemessen bezeichnet hatte, zeigte sich mit dem Urteil zufrieden. Rosenblatt vertrat in dieser ersten vor einem US-Gericht zugelassenen Sammelklage gegen die Tabakindustrie bis zu 700 000 kranke Raucher in Florida.

Im einzelnen wurde Philip Morris Inc., die US-Tabaksparte des Zigaretten und Nahrungsmittelherstellers Philip Morris Companies, zu einer Strafe von 73,96 Mrd.$ verurteilt, also rund der Hälfte der Gesamtsumme. Die R.J. erhielt mit 36,28 Mrd.$ die zweithöchste Strafe. Brown & Williamson Tobacco Corp., eine Tochtergesellschaft von British American Tobacco Plc, muß 17,59 Mrd.$ zahlen. Lorillard Tobacco Co. eine Tochter des Mischkonzerns Loews Corp., soll nach dem Willen der Jury 16,25 Mrd.$ berappen. Das kleinste der fünf Unternehmen, die Liggett Group Inc wurde zu 790 Mill.$ verurteilt. Liggett gehört zur Vector Group, die neben Tabakherstellung noch Immobiliengeschäfte und Investbanking betreibt.

Schließlich wurden zwei bereits aufgelöste Forschungsinstitute der Tabakbranche, die falsche Daten veröffentlicht hatten, mit insgesamt 1,47 Mrd.$ bestraft.

Abschläge an der Wall Street

An der Wall Street reagierten die Kurse der betroffenen Unternehmen oder ihrer Muttergesellschaften mit Abschlägen auf das Urteil. Nach Ansicht von Analysten sind finanzielle Risiken aus Klagen von Tabakgegnern aber bereits weitgehend in den Kursen reflektiert. Zudem rechnen viele Analysten fest damit, dass das Urteil von Florida im Berufungsverfahren revidiert werden wird.

Analyst Marc Cohen von der Investmentbank Goldman Sachs erwartet daher für die Zukunft keine mit negativen Auswirkungen auf die Aktiekurse. "Es ist eine absurde Situation, eine Strafe zu verhängen, nachdem bereits Schadensersatz geleistet wurde", sagte Cohen in einem Telefoninterview. Er rechnet damit, dass der Berufungssprozess bis zu zwei Jahre dauern wird. Cohen ist überzeugt, dass eine Strafe von 145 Mrd.$ die Unternehmen in den Bankrott treiben würde. Aber selbst dann hätten die Firmen die Möglichkeit, unter Gläubigerschutz weiter zu operieren.

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