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23.04.2003

14:37 Uhr

Gerüchte um Abriegelung der Hauptstadt

WHO warnt vor Reisen nach Peking und Toronto

Wegen der gefährlichen Lungenkrankheit SARS hat die Weltgesundheitsorganisation am Mittwoch vor Reisen in die chinesischen Städte Peking und Shanxi sowie ins kanadische Toronto.

Reuters GENF. Die WHO empfehle, auf Reisen zu verzichten, die aufschiebbar seien. Die Warnung gelte zunächst für drei Wochen, sagte der WHO-Experte David Heymann in Genf. Die Zeit entspricht der doppelten Inkubationszeit der Krankheit, an der sich vor allem in China und Kanada Tausende infiziert haben.

Bislang warnte die WHO bereits vor Reisen nach Hongkong und in die chinesische Provinz Guangdong, in der die Krankheit zuerst auftrat. Toronto meldete bislang 136 Fälle von SARS, Peking 482 und Shanxi 120.

In Peking hat SARS hat erste Panikreaktionen ausgelöst. Mit Hamsterkäufen deckten sich Pekinger am Mittwoch mit Reis, Mehl und Fertignudeln ein.Viele Menschen entschieden sich aus Angst vor Ansteckungen, die 14 Millionen Menschen zählende Hauptstadt zu verlassen. Der Westbahnhof berichtete einen geschätzten zehnprozentigen Zuwachs der Reisenden.

Schulen für zwei Wochen geschlossen

Aus Sorge um die Gesundheit von 1,6 Millionen Schülern wurden alle Schulen vorläufig für zwei Wochen geschlossen. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums hat Peking die größten Zuwächse an Infektionen und die meisten Patienten. Allein in Peking stieg die Zahl der Erkrankten innerhalb eines Tages um 105 auf 693. Die Todesfälle nahmen um 7 auf 35 zu.

Die WHO registrierte bis Dienstagabend weltweit 3947 SARS-Fälle mit 229 Todesopfern. 1935 Patienten davon wurden den WHO-Daten zufolge inzwischen als geheilt oder wegen einer irrtümlichen SARS- Diagnose entlassen.

Die Pekinger Behörden warnten vor immer neuen Gerüchten, insbesondere, dass die Hauptstadt zwangsweise abgeriegelt werde. Niemand werde daran gehindert, Peking zu verlassen, doch rate die Regierung grundsätzlich von Reisen ab. "Jeder mit einem Fahr- oder Flugschein kann aber reisen."

Infrarotgeräte am Flughafen messen Temperatur

Es gebe allerdings Kontrollstellen beispielsweise an Busstationen, die nach kranken Reisenden suchten. Beim internationalen Abflug am Pekinger Flughafen messen zumindest zwei Infrarotgeräte die Körpertemperatur. Acht Fluggäste seien bereits mit Fieber aufgefallen, wurden aber nicht als SARS-Fälle diagnostiziert. Eine gesamte deutsche Reisegruppe wurde in Peking untersucht. Sie war in einem Flugzeug mit einem neuseeländischen Touristen geflogen, der am Sonntag in der alten Kaiserstadt Xi'an an SARS erkrankte. Die 24- köpfige Gruppe wurde drei Tage später in Peking ausfindig gemacht, wie informierte Kreise berichteten. Es hatte sich jedoch keiner mit den Viren infiziert.

In China sind inzwischen rund 20 Provinzen, Regionen und Metropolen vom Schweren Akuten Atemwegssyndrom (SARS) betroffen. In dem Land (ohne die Sonderverwaltungszone Hongkong) stieg die Zahl der SARS-Infizierten um 142 auf 2305. Die Zahl der Toten nahm von 97 auf 106 zu.

Die Regierung kam unter Leitung von Ministerpräsident Wen Jiabao zu einer Krisensitzung zusammen. Es wurde eine Arbeitsgruppe eingesetzt, die von der erfahrenen Vizeministerpräsidentin Wu Yi geleitet wird. Aus Sorge um die Gesundheit der Besucher schließt die größte Automobilausstellung, die es je in China gegeben hat, am Donnerstag vorzeitig ihre Pforten. Die "Auto China" sollte eigentlich bis Sonntag dauern. Mehr als 700 Unternehmen aus 20 Ländern hatten ihre neuesten Modelle vorgestellt. Die Entscheidung sei reine Vorsorge, heiß es von der Stadtregierung. Auf dem Messegelände seien keine SARS-Fälle entdeckt worden, berichteten die Behörden und dementierten damit entsprechende Gerüchte.

Nach Angaben der Bildungskommission ist es noch nicht sicher, dass die Schulen in Peking am 7. Mai wie jetzt geplant tatsächlich wieder öffnen. Dies müsse später entschieden werden. Zuvor hatten bereits die Innere Mongolei und die Provinz Shanxi ihre Schulen geschlossen. Die Schulen in Hongkong hatten dagegen bereits am Dienstag wieder geöffnet. Rund 200 000 Schulkinder erhielten nach drei Wochen erstmals wieder Schulunterricht.

Pekinger fahren wieder verstärkt Fahrrad

Einer der wenigen Gewinner der Gesundheitskrise sind in der Hauptstadt Fahrradgeschäfte, da viele Pekinger wie früher wieder verstärkt auf Fahrräder umsteigen, um nicht in normalerweise völlig überfüllten Bussen und U-Bahnen zu stehen und sich anzustecken.

Die Lufthansa AG verzeichnet wegen der Lungenerkrankung SARS derzeit erhebliche Buchungs-Rückgänge nach China und hat ihren Flugplan ausgedünnt. Die Direktverbindungen von München nach Hongkong und Shanghai seien vorerst eingestellt worden, sagte eine Sprecherin am Mittwoch in Frankfurt. Für die täglichen Flüge von Frankfurt nach Hongkong und Peking würden kleinere Flugzeuge eingesetzt.

Die philippinischen Gesundheitsbehörden stellten aus Angst vor einer SARS-Ausbreitung ein ganzes Dorf unter Quarantäne. Die 845 Einwohner des Ortes Vacante, rund 160 Kilometer nördlich der Hauptstadt Manila, könnten mit einer inzwischen gestorbenen SARS- Patientin in Kontakt gekommen sein, teilte Bürgermeister Juanito Collado am Mittwoch mit. Nordkorea hat aus Furcht vor einer Einschleppung des SARS-Virus nach Informationen der ARD zahlreiche Besuchervisa verweigert und drei Deutsche unter Quarantäne gestellt.

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