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20.07.2000

19:00 Uhr

Geschäft birgt Risiken

Handel ohne Börse

VonKATHRIN QUANDT

Es ist doch immer dasselbe Spiel", stöhnt Kursmakler Jörg Schwarz: Da schwärmt Bernd Förtsch, Herausgeber des Magazins "Der Aktionär", in der 3Sat-Börse eines schönen Freitagabends vom Neue-Markt-Wert Edel Music. Er lässt sich zu einem Kursziel von 100 Euro hinreißen; damals stand der Titel gerade einmal bei 42,10 Euro. Was machen die Anleger? Sie rennen dem Düsseldorfer Makler Lang & Schwarz bis 23 Uhr im außerbörslichen Handel die Bude ein. Die Käufer treiben den Kurs auf 60 Euro hoch - und wie so oft kann das Niveau montags im Eröffnungsgeschäft an der Börse nicht lange gehalten werden. Einige Handelstage später liegt Edel Music wieder bei 42 Euro. Mittlerweile kostet der Titel knapp 23 Euro.

Dass man im Handel außerhalb der Börse flexibel ist und schnell auf neue Nachrichten reagieren kann, zahlt sich für die Anleger nicht immer aus. Nicht zu unterschätzen sind auch die Risiken, die sich aus der eingeschränkten Kontrolle der Geschäfte ergeben. Der Handel bietet Investoren aber auch gute Gewinnchancen: Veröffentlicht ein Unternehmen nach Börsenschluss Ertragseinbußen, können sie früh darauf reagieren. Damit hat sich schon manch ein Anleger dem Abwärtssog am nächsten Börsentag entzogen.

So findet denn der außerbörsliche Handel mit börsennotierten Aktien regen Zulauf: Lang & Schwarz hat im Mai einen Umsatz von 345 Millionen Euro registriert, im Juni waren es 371 Millionen Euro. Schwarz zufolge sind die Handelsvolumina zwischen 8 und 10 Uhr sowie 21 und 22 Uhr etwas höher als in den anderen Stunden. Im Vergleich zum Börsenhandel sind sie allerdings bescheiden: Im elektronischen Xetra-Handel wurden im Juni Aktien für 74,6 Mrd. Euro umgesetzt, davon allein Dax-Titel für 64,9 Mrd. Euro.

Den außerbörslichen Handel teilen wenige Makler unter sich auf. Marktführer ist Lang & Schwarz aus Düsseldorf (www.ls-d.de), daneben ist Finacor Rabe (www.finrab.de) aus Frankfurt gut im Geschäft. Die Makler arbeiten mit Direktbanken und Discountbrokern zusammen. Anleger können über die Banken außerhalb der Börse handeln - meist von 8 bis 23 Uhr. Theoretisch könnten auch die Kunden der Großbanken telefonisch über ihre Institute außerbörslich handeln. Schwarz: "Das wollen die meisten Häuser jedoch nicht. Denn sie haben sich in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen in der Regel dazu verpflichtet, Aktienaufträge über die Börse laufen zu lassen."

Der Handel per Internet läuft in der Regel wie folgt ab: Der Bankkunde wählt sich auf der Internet-Seite des Instituts in den Wertpapierbereich, Sektion "Außerbörslich". Er tippt einen Code für Transaktionen sowie Wertpapierkenn-Nummer und Anzahl der gewünschten Aktien ein. Dann holt er sich die Kauf- oder Verkaufskurse auf den Schirm und entscheidet. So funktioniert der Ablauf zum Beispiel bei der Direkt Anlage Bank. Doch viele Direktbanken oder Discount-Broker haben die Umstellung auf das Internet noch nicht geschafft. Hier müssen die Kunden ihre Aufträge noch telefonisch an die Banken übermitteln, nachdem sie sich über die Kurse des Maklers per Internet informiert haben - ein umständliches Verfahren. Consors hat den außerbörslichen Aktienhandel übrigens bislang verschlafen.

Die Angebotspalette der Makler und Banken ist zwar limitiert, wird aber ständig ausgeweitet. Besonders interessiert seien die Privatanleger an Wachstumstiteln, berichtet Schwarz. Bei Geschäften mit Dax-Titeln kassieren die Düsseldorfer 0,4 Promille des Kurswertes, bei allen anderen Titeln sind es 0,8 Promille. Gegenüber dem Xetra-Handel, bei dem keine Makler-Courtagen anfallen, hat das außerbörsliche Geschäft also einen Preisnachteil. "Wir machen daher eher der Präsenzbörse Konkurrenz", kommentiert Schwarz.

Er sieht den Hauptvorteil gegenüber dem Börsenhandel denn auch darin, dass der Kunde selbst Kursanfragen starten und zu diesen Preisen handeln kann. An der Börse sind nur professionelle Händler dazu berechtigt; Privatanleger müssen ihre Bankberater konsultieren.

In der Vergangenheit geriet der außerbörsliche Handel gelegentlich ins Kreuzfeuer der Kritik, weil die Spannen zwischen An- und Verkaufskurs (Spread) in den späten Abendstunden nach Börsenschluss gelegentlich hoch ausfielen. Doch die Makler haben seit kurzem ein Argument, um dem entgegenzusteuern: Sie garantieren bestimmte feste Spreads - während der gesamten Handelszeit. Lang & Schwarz beispielsweise sichert bei Standardwerten aus Dax und Dow zu, dass die maximale Spanne bei 1,5 Prozent liegt. Bei Wachstumswerten aus Deutschland oder Japan beläuft sie sich auf vier Prozent. Außerdem räumen die Makler ihren Kunden eine Mindest-Liquiditätsgarantie ein. Diese liegt bei den Düsseldorfern für Dax-Werte bei 50 000 Euro und für Wachstumswerte bei 10 000 Euro. In diesem Gegenwert kann der Kunde mindestens handeln. Innerhalb dieses Rahmens werde sogar die Handelsspanne der Börse unterboten: Werde Daimler auf Xetra mit einem Ankaufkurs 59 Euro zu einem Verkaufskurs von 59,10 Euro gestellt, liege der Spread bei Lang & Schwarz bei höchstens 9 Cent. Finacor Rabe vergibt für M-Dax- und Euro-Stoxx-Aktien eine Spreadgarantie von 2,5 Prozent, für Titel aus dem S&P 100 und Nasdaq 100 zwei Prozent. Die Liquiditätsgarantie beläuft sich für alle Werte auf 50 000 Euro.

Allerdings beziehen sich die garantierten Spannen auf "normale Marktverhältnisse", erklärt Schwarz. Gehe ein Titel so richtig ab, könnten die Makler die Kurse "so gut wie es geht" stellen oder das Papier für eine Weile vom Handel aussetzen.

Schwarz wehrt sich vehement gegen Kritik, der außerbörsliche Handel werde kaum kontrolliert. Denn die Makler müssten dem Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel alle Geschäfte melden; Grundlage dafür ist Paragraf 9 des Wertpapierhandelsgesetzes. Dieses Argument gilt jedoch nur bedingt: Eine der Handelsüberwachungsstelle (Hüst) an der Börse vergleichbare Kontrollinstanz gibt es für außerbörsliche Geschäfte nicht. Das Bundesaufsichtsamt konzentriert sich lediglich auf die Insider-Überwachung. "Wenn im außerbörslichen Handel große Aufträge kommen und am Tag danach eine Ad-hoc-Meldung, schreiten wir ein", sagt Pressesprecher Udo Fenchel. Die Kursfindung werde jedoch nicht kontrolliert. An der Börse wird diese Aufgabe von der Hüst übernommen.

Fazit: Die Kursrisiken beim außerbörslichen Handel sind nicht von der Hand zu weisen. Der Markt ist für konservative Investoren, die langfristig Aktien halten, wenig geeignet. Schwarz: "Aber er ist ideal für Daytrader, die die schnelle Mark machen wollen."

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