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22.01.2001

18:13 Uhr

Geschäftsmodelle

Softwareunternehmen sind nur gemeinsam stark

VonMelanie Volberg (Handelsblatt.com)

Die großen Softwareschmieden wie SAP und Intershop entwickeln derzeit verstärkt Produkte für den B2B-Handel. Aber die Kunden sind unzufrieden, denn IT-Investitionen sind ihnen nicht rentabel genug. Eine Lösung könnte in Kooperation von Softwareunternehmen liegen.

DÜSSELDORF. Auf dem Technologiemarkt ist derzeit folgendes Rezept erfolgreich: Man kündige ein paar Mal an, in Zukunft auf B2B zu setzen. Und schon folgen die Anleger und die Analysten stufen eifrig hoch. Doch so vielsprechend auch die Prognosen sind - Gartner Group spricht von einer Verfünfgzigfachung des Marktumsatzes in nur 4 Jahren auf 145 Mrd. $ - die Geschäftsmodelle der Unternehmen sind noch nicht effizient genug. Ziel ist es, über den gesamten Betriebsablauf hinweg, von der Bestellung des Endkunden über Produktion und Zulieferer bis zur Auslieferung den Prozess so weit zu technisieren, dass Kosten gesenkt werden können. Beispiel: Der Wunsch des Autokäufers, ein Blaupunktradio zu bestellen wird nicht über den Tisch bzw. PC des Automobilherstellers abgewickelt, sondern landet direkt bei Blaupunkt. Dies kann aber noch kein einzelnes Softwareprodukt leisten. Die Unternehmen haben entweder Stärken im Bau von Marktplätzen oder das Know-How bei betriebsinternen Prozessen oder in CRM-Produkten (Elektronische Unterstützung von Sales, Marketing, Vertrieb und Service). Viele versuchen derzeit mit Kooperationen ihre Schwächen auszugleichen und dem Käufer ein Komplettangebot zu bieten.

SAP

hat das erkannt: Die Walldorfer Softwareschmiede hat ihre Stärke in ERP Systemen (betriebsinterne Planung für das Rechnungswesen, Personal und Marketing). Schwächen hat der Softwareriese vor allem im Bereich CRM . Das Unternehmen versucht daher diese Schwäche über eine Kooperation auszugleichen. Im Bereich CRM wurde eine Zusammenarbeit mit Clarify (Nortel) abgeschlossen. Fehlte noch ein Partner, der Erfahrung im Bau von Marktplätzen mitbringt. Den fand SAP in Commerce One . Commerce One gilt neben Ariba als Markführer im Bau der Marktplatzinfrastruktur. Solch ein Dreierteam steht in der Gunst der Analysten ganz oben. SAP punktet hier gegenüber seinem Wettbewerber Oracle . "Besser ist es von jedem Unternehmen das Beste einzukaufen als zu versuchen alles aus einer Hand anzubieten, wie es Oracle in vielen Bereichen macht," meint Analyst Norbert Loecken von der West LB. Ein weiteres "Dreamteam" wie Robert J. Johnson von ABN Amro es nennt, sei die Zusammenarbeit von Ariba, IBM und I2 Technologies.

Heirat zwischen SAP und Intershop nicht erfolgsversprechend

Nicht jeder Zusammenschluß aber wird positiv gesehen. So führte die Spekulation über eine Übernahme Intershops durch SAP zwar zu Kurssteigerungen der Titel; die Experten betrachten die Übernahme aber kritisch. Der Thüringer Anbieter von Online-Shopware mit Hauptsitz in Kalifornien konzentriert sich auf die Verkaufsseite der Unternehmen. SAP aber auf die Einkaufsseite. Norbert Loecken hält solch eine Kooperation daher nur für eine zusätzliche Baustelle. SAP hat seiner Meinung nach "ganz andere Probleme". Intershop ist auf amerikanische Vertriebsprofis angewiesen, die über entsprechende Beziehungen verfügen. Um Kosten zu sparen, wird Intershop die Zahl seiner eigenen Vertriebsleute auf 20 reduzieren. Für Norbert Loecken "zu wenige".
Abweg ist die Idee einer Zusammenarbeit zwischeneinem ERP-Spezialisten wie SAP und einem Shop-Spezialisten wie Intershop aber nicht. Denn die Software Infinity von Intershop lässt sich sowohl für den Aufbau von Shop-Systemen für Online-Händler als auch für elektronische Geschäftsprozesse nutzen. Dies ist ein Anfang. Wenn es erst einmal gelingt den gesamten Betriebsablauf, von der Bestellunge des Kunden bis zu Auslieferung elektronisch zu vereinfachen, wird es auch keine Trennung mehr zwischen B2B und B2C geben.

Unternehmen beklagen mangelnde Rentabilität der Software

Dieses Ziel liegt aber noch in weiter Ferne. Denn die meisten Sodtwareprodukte sind nicht kompatibel. Viele Unternehmen können die CRM-oder SCM-Systeme nicht an ihre internen Prozesse anzupassen. Norbert Kettner, Geschäftsführer bei Accenture (früher: Anderson Consulting) kennt das Problem aus seiner Beratung. Hier gehe es oft um Schnittstellen bei den verschiedenen Systemen. Die Unternehmen haben in den letzten Jahren aufgerüstet und sich einen regelrechten IT-Rüstungswettlauf geliefert. Nun bleiben die Ergebnisse aus. Norbert Kettner meint, das hinge auch mit der mangelnden Umsetzung zusammen. So helfe die Software zwar Personalkosten einzusparen, aber die nun für das Betriebsergebnis überflüssig gewordenen Mitarbeiter würden nicht entlassen oder anderweitig effektiv eingesetzt.

Überzeugungsarbeit ist nötig

Die Kostenreduzierungsmöglichkeiten sind enorm. Im Bereich Automobil reduzieren Marktplätze für standardisierte Teile (z. B. Schrauben) die Kosten schon zwischen 8 und 15 %, meint Norbert Kettner. Je mehr Teile sich standardisieren lassen, desto größer die Einsparmöglichkeiten. Die Unternehmen von diesen Möglichkeiten zu überzeugen, bleibt eine dringende Aufgabe der Softwareunternehmen in den nächsten Monaten. Denn nach einer Umfrage von Morgan Stanley Dean Witter unter 400 großen europäischen Unternehmen will jede dritte Firma die Investitionen in E-Business-Lösungen nicht erhöhen. Das sind doppelt so viele wie noch vor 6 Monaten. Forrester Research resümiert für 2000, das es keinem der Anbieter gelungen ist anstelle von Insellösungen eine Gesamtlösung anzubieten. Akquisitionen und strategische Partnerschaften werden also in diesem Jahr eine große Rolle spielen.

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