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20.01.2003

08:29 Uhr

Gesenkte Erwartungen dürften bereits eingepreist sein

Trübe Ausblicke verteuern die Kurse

VonUlf Sommer

Analysten sind sich einig, dass die Gewinnschätzungen für die Unternehmen in Europa und den USA drastisch heruntergenommen werden müssen. Die bisherigen Quartalsausblicke der Unternehmen geben ihnen recht. Von kräftigen Gewinnsteigerungen ist nichts zu sehen. Die meisten Unternehmen stellen sich auf magere Quartale ein.

DÜSSELDORF. "Die Enttäuschungen von Unternehmensseite reißen nicht ab", sagt Robert Bissell vom Anlagefonds Wells Capital Management. "Der Ausblick 2003 ist vor allem in Deutschland deutlich zu optimistisch", meint HSBC-Stratege Klaus Lüpertz. Konsensschätzungen wie die des Finanzdienstes Ibes gehen bislang von einem durchschnittlichen Gewinnsprung bei den Dax-30-Unternehmen von 50 % bis 70 % und mehr aus. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, dass viele Gesellschaften im vergangenen Jahr Einmalabschreibungen (Deutsche Telekom) vorgenommen haben. Zudem ist die Ausgangsbasis sehr gering. So dürfte sich der Gewinn bei der Allianz von wenigen Cents pro Aktie in 2002 auf mehrere Euro im kommenden Jahr vervielfachen. Ein Boom bedeutet das aber nicht.

Die trüben Ausblicke der Unternehmen stehen in Einklang mit den jüngsten Konjunkturdaten. So fiel das am Freitag veröffentlichte Handelsbilanzdefizit in den USA noch höher aus als befürchtet. Die Industrieproduktion und das von der Universität Michigan ermittelte Verbrauchervertrauen lag unter den Erwartungen. Besonders stark fiel die Erwartungskomponente der Konsumenten. Damit droht eine weitere Verlangsamung des Verbrauchs. Weil Investoren fürchten, dass die Wirtschaftserholung schwach ausfällt und die Verbraucher künftig nicht mehr die Stütze der US-Wirtschaft sein werden, setzten die Börsen zuletzt den Rückwärtsgang ein.

Trotz der unsicheren Konjunkturaussichten und trüben Ausblicke, die eine Revision der Gewinnerwartungen nötig machen, fürchten Analysten aber keinen Einbruch an den Börsen. "Die Märkte haben längst eingepreist, dass die Gewinnerwartungen nach unten angepasst werden müssen", sagt Carsten Klude von M.M. Warburg.

Viele Indizes, darunter auch der Dax, erscheinen im langfristigen Vergleich seit Monaten drastisch unterbewertet, sofern die bislang erwarteten Firmengewinne dem aktuellen Kursniveau gegenübergestellt werden. "Der Markt rechnet bei den Dax-Unternehmen nur noch mit einem Gewinnplus in diesem Jahr von 10 %. Damit sind Investoren sicherlich nicht zu optimistisch", sagt Klude. Sollten die Ergebnisse am Ende vielleicht doch etwas besser ausfallen, gebe es an den Börsen noch Luft nach oben. Ansonsten aber sei der Dax fair bewertet. "Die Märkte haben viel Negatives eingepreist und sind von starker Unsicherheit geprägt - in Europa, und vor allem in Deutschland mehr als in den USA", sagt Klude.

Sichtbar wird diese Wahrnehmung an der hohen Schwankungsbreite des Marktes: Seit Juli 2002 liegt der Dax-Volatilitäts-Index (V-Dax), der die von Marktteilnehmern erwarteten Kursschwankungen misst, bei 35 Punkten und mehr. Über einen so langen Zeitraum gab es das noch nie. Ein hoher V-Dax zog in der Vergangenheit fast immer höhere Kurse nach sich.

Auch bei der West LB fürchtet man trotz trüber Aussichten keine schweren Kursverluste. Zwar erwartet Andreas Hürkamp Korrekturen bei den Gewinnschätzungen - für den Dax auf ein durchschnittliches Plus von 28 % und für den Stoxx 50 auf 17 %. "Auf Basis 2003 liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis mit 14,8 beim Dax aber 20 % unter dem historischen Durchschnitt. Gemessen am niedrigen Zinsniveau sind Aktien sogar um 30 % unterbewertet", sagt der Stratege. Dies lasse noch viel Platz für Prognose-Korrekturen. Dabei sieht er die Analysten auf gutem Weg: "70 % der Gewinn-Revisionen der Analysten sind negativ. Das ist ein historisch hoher Wert. Vielleicht übertreiben die Analysten schon nach unten. Die Einschätzungen könnten sich als zu negativ erweisen."

Hürkamp ist sich sicher, dass die Aktienmärkte im Oktober ihre Tiefs gesehen haben, als der Dax bis auf 2 519 Zähler gefallen war. Positive Ausblicke erwartet der West-LB-Stratege im Frühjahr, wenn die Firmen auf die nächsten Quartale blicken. "Damit wäre der in der Vergangenheit typische Abstand von sechs Monaten hergestellt", sagt Hürkamp. Seinen Optimismus stellt er aber, ebenso wie alle anderen Strategen, unter dem Vorbehalt, dass der Irak-Konflikt gelöst wird. "Je näher das Datum eines möglichen US-Angriffs im Irak rückt, desto mehr ist die Angst an den Märkten zu spüren", sagt Roland Ziegler von der ING BHF-Bank.

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