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15.12.2011

15:29 Uhr

Gesichter der Krise

Die neuen Obdachlosen

VonGerd Höhler

Nicht nur Banken und Politik kämpften 2011 mit der Euro-Krise. Auch für viele Menschen geriet das Leben aus den Fugen. Im Jahresrückblick porträtieren Handelsblatt-Korrespondenten in einer Serie „Gesichter der Krise“.

Giorgos Barkouris hat seinen Job als Computertechniker bei einer Versicherung verloren. Gerd Höhler

Giorgos Barkouris hat seinen Job als Computertechniker bei einer Versicherung verloren.

AthenNoch vor wenigen Jahren schlug am Omoniaplatz das Herz Athens, pulsierte das Leben rund um die Uhr. Ob es einen Sieg von Olympiakos Piräus zu feiern galt oder von Panathinaikos Athen: der Omoniaplatz war der Brennpunkt. Hierher strömten Tausende, als es 2004 die Fußball-Europameisterschaft zu bejubeln galt, hier huldigten die Athener zwei Monate später ausgelassen ihren Olympioniken. 2004 war das Jahr der Griechen. Nichts schien unmöglich. Das Land strotze vor Selbstvertrauen und Zuversicht. Auch Giorgos Barkouris war damals hier, in den heißen Sommernächten während der Olympischen Spiele. „Es war Magie“, sagt er.

Heute trifft man hier nur wenige Menschen an. Griechen meiden die Gegend. Manchmal verirren sich noch Touristen hierher, deren Reiseführer nicht auf dem neuesten Stand sind. Armutsflüchtlinge aus Asien und Afrika haben den Platz und die umliegenden Straßen in Besitz genommen. Fast jeder zweite Laden ist zu. Wirres Graffiti überzieht die heruntergelassenen Blechrolladen. Überall liegt Müll. Die meisten Hotels des Stadtviertels haben aufgegeben. Die einzigen Geschäfte, die hier noch florieren, sind Drogenhandel und Prostitution. Polizisten ziehen schusssichere Westen an, wenn sie in dieser Gegend auf Streife gehen. Der Absturz Griechenlands: Am Athener Omoniaplatz zeigt er sich wie unter einem Vergrößerungsglas.

Wer vom Omoniaplatz die Piräus-Straße hinuntergeht, kommt zum Kerameikos. Hier begruben die Athener in der Antike ihre Toten. Sie errichteten ihnen prächtige Denkmäler, legten ihnen reiche Gaben ins Grab, in der Hoffnung auf ein besseres Los im Jenseits. Heute kämpfen viele Bewohner des heruntergekommenen Viertels um ihr Überleben im Diesseits. Das einstöckige Haus an der Konstantinopel-Straße hat keine Fenster zur Straße sondern eine hohe Mauer. So bauten die Athener schon zu Zeiten des Perikles ihre Atrium-Häuser. Hinter der schmalen Tür öffnet sich ein Innenhof. In seiner Mitte breitet ein großer Zitronenbaum wie ein schützendes Dach seine immergrünen Äste aus. Darunter sitzen Männer an kleinen Tischen. Sie trinken Kaffee oder Wasser. Man hört das Klicken von Würfeln. Einige spielen Tavli, andere brüten über Schachbrettern. Viel gesprochen wird nicht.

Handelsblatt-Serie: Vorhang auf für die „Gesichter der Krise“

Handelsblatt-Serie

Vorhang auf für die „Gesichter der Krise“

Eine Euro(pa)-Reise der besonderen Art haben die Korrespondenten des Handelsblatt im Jahresrückblick unternommen: Quer durch die Krisenzone suchten sie Einzelschicksale, Geschichten von Menschen auf der Straße.

Eine Kulisse, wie man sie auf einem griechischen Dorf, nicht in der Fünfmillionenstadt Athen erwarten würde. Aber dies ist keine Idylle sondern ein Treffpunkt der Verzweifelten. Die letzte Anlaufstelle für Leute wie Giorgos Barkouris. Mitte 2010 hat er seinen Job als Computertechniker bei einer Versicherung verloren – „wegen der Krise“, wie ihm der Chef achselzuckend erklärte. Er suchte nach einem neuen Job. Aber wer stellt einen 59-Jährigen ein? „Ein Jahr später, als die Arbeitslosenhilfe auslief, wurde mir klar, dass ich meine Miete nicht mehr bezahlen konnte und meine Krankenversicherung verlieren würde“, erzählt Giorgos. Zuletzt wohnte er in einem kleinen Apartment im Stadtteil Ano Patissia – ein Wohnschlafzimmer, winziges Bad, eine Kochecke. Stolze 300 Euro kosteten die 35 Quadratmeter. Als Giorgos begriff, dass er ausziehen musste, verkaufte er nach und nach seinen spärlichen Hausrat. Nicht mal 200 Euro bekam er dafür. Als nur noch ein Stuhl und ein Matratze übrig waren, hat er sich auf das Dasein als Obdachloser vorzubereiten versucht und in den letzten Wochen vor dem Auszug immer wieder „zur Probe“ im Freien geschlafen. „Die anfangs schlaflosen Nächte auf Parkbänken oder in Hauseingängen waren erschöpfend“,  erzählt der nunmehr 60-Jährige, „aber das Schlimmste waren die Depressionen – der ständige Druck, der auf dir lastet, das Gefühl völliger Leere und Sinnlosigkeit.“

Giorgos fand einen Ausweg - in dem Haus an der Konstantinopel-Straße, dem Obdachlosenasyl der Hilfsorganisation Klimaka. Der Name ist Programm: Klimaka bedeutet Strickleiter. Die Organisation will abgestürzte Menschen zurück in die Gesellschaft holen. Klimaka ist die Leiter – klettern müssen die Menschen allerdings selbst. Giorgos kletterte. Er fand hier nicht nur ein Bett sondern auch eine Aufgabe: „Ich bin von morgens bis abends beschäftigt“, erzählt er begeistert. Giorgos erledigt Botengänge, organisiert Spenden, kümmert sich um die Computer und die Webseite und das Internetradio von Klimaka. „Die Depressionen sind weg, ohne Medikamente“, sagt er.

Kommentare (12)

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Pro-D

15.12.2011, 15:40 Uhr

Stimmt, an dieser Krise verdienen sich vieel dumm und dämlich.

1. Der Autor von diesem Artikel,
denn er bekomtm Geld dafür. Man kann Sagen, das HB macht GELG mit Leid.

2. Rastani, ein Brite: Leute wie Rastani träumen von Krisen und Rezessionen.

"Ich habe von diesem Moment seit drei Jahren geträumt. Ich gehe jede Nacht zu Bett und träume von einer Rezession", erklärte er, weil man in der Situation "mit dem richtigen Plan eine Menge Geld verdienen kann", spielt er auch auf die große Depression der 1930er Jahre an, in der vorbereitete Investoren viel Geld verdient hätten.

Selten reden Aktienhändler so klar wie der Brite. "Wir sind Trader, wir interessieren uns nicht wirklich dafür, wie sie die Wirtschaft reparieren und die Situation lösen. Unsere Aufgabe ist, Geld damit zu verdienen." So bestätigt er indirekt, dass es die Wetten gegen den Euro gibt, mit denen sich eben viel Geld verdienen lässt. Er bestätigt auch die Einschätzung, dass Länder wie Portugal regelrecht abgeschossen wurden, schließlich kann man an der sich verschärfenden Krise noch mehr verdienen.

IRR

15.12.2011, 15:56 Uhr

Es ist traurig. Alles Geld, das Griechenland erhält, bekommen die Banken.
Für den kleinen Mann bleibt nichts mehr übrig. Dem wird noch der letzte Cent aus der Tasche geschüttelt.
Wie soll so ein Land und die Menschen überleben?

Uns wird es irgendwann auch so ergehen. Es wird kein Geld mehr da sein für die Menschen. Alles für die Banken. Siehe Commerzbank und wie sie alle heissen. Wieviele Milliarden müssen noch dahin fliessen, dass es reicht?

Die Banken haben fertig in meinen Augen. Das Geschäftsmodel ist nicht überlebensfähig.

ForzaEURO

15.12.2011, 16:02 Uhr

Ach, wissen Sie, ich hätte jetzt eher erwartet, dass Sie Ihre Hilfe anbieten.

Ich halte es nicht für ein Problem, wenn Leute wie Rasanti Möglichkeiten sehen Geld zu verdienen. Ich hielte es aber für ein Problem, wenn er den Armen nichts geben würde.

So, ich werde mich jetzt darum kümmern, dass eine gute Obdachlosenorganisation in Griechenland eine Spende von mir bekommt.

Ich wünsche Ihnen ansonsten noch viel Genugtuung beim Herumlästern und der Suche der Schuld bei anderen.

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