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28.12.2011

01:11 Uhr

Gesichter der Krise

„Die Wirtschaftskrise hat mich mündig gemacht“

VonMaike Freund

Der Düsseldorfer Michael Latzel löste sein Bankkonto auf, gab seine Krankenversicherung auf und kündigte seinem Job – um bei der Occupy-Bewegung mitzumachen. Die Wirtschaftskrise war der Auslöser – aber auf der will er sich nicht ausruhen.

Michael Latzel hat durch Occupy seine Stimme gefunden. (Bild: Maike Freund)

Michael Latzel hat durch Occupy seine Stimme gefunden. (Bild: Maike Freund)

Heute ist er wieder den ganzen Tag vor Ort. Trotz des Regens, trotz der Kälte. Es gibt so viel zu tun. Und es geht im einfach nicht schnell genug. Sein Ziel: Die Bürger aufzurütteln. Am liebsten möchte er auch noch Alternativen aufzeigen. Alternativen zur jetzigen Politik, die die Banken, den Euro und die Wirtschaft in den Mittelpunkt stellt, nicht aber die Menschen. Deshalb ist er hier vor der Johanneskirche in der Zeltstadt der Occupy-Aktivisten, vis-à-vis mit der Kö, der exklusiven Einkaufsmeile von Düsseldorf.

Michael Latzel ist 26 Jahre alt und gelernter Gas- und Wasserinstallateur. Nach seiner Ausbildung wurde er vom Bund eingezogen, dann bewarb er sich. Aber immer wieder bekam er zu hören: keine Berufserfahrung – zu unsicher. Oder aber die Betriebe stellten gar nicht erst ein. Der Grund: die Krise. Also ging er zum Arbeitsamt, die ihm Angebote von Zeitarbeitsunternehmen nach Hause schickten.

Seitdem arbeitete er zehn, elf Stunden am Tag statt der vertraglich festgelegten sieben. Unterstützung seitens der Zeitarbeitsfirmen gab es nicht, nicht beim Arbeitsmaterial, nicht bei Problemen im Betrieb. Stattdessen wurde er herumgereicht. Und dafür gab es so wenig Geld, dass Michael gerade so davon leben konnte – ohne Aussicht auf eine feste Anstellung.

Auch hier sagten die Betriebe wieder: Schuld ist die Krise. Da begann es in Michael zu rumoren. Er fühlte sich ungerecht behandelt, ausgebeutet, sah keinen Ausweg. Und es kam der Punkt, an dem er es nicht mehr aushielt. Er kündigte – ohne Job-Alternative.

Also wieder das Arbeitsamt. Denen sagte er, „Ich mache alles, aber ich arbeite nicht wieder für eine Zeitarbeitsfirma“. Es gab jedoch keine anderen Jobs. Auf Kosten des Staats wollte er auch nicht leben, also lehnte er das Arbeitslosengeld ab. Seit dem ist er auch nicht mehr krankenversichert. Und fühlt sich damit eigentlich ganz gut.

Um die Zeit ging es auch mit den Occupy-Protesten los. Michael war neugierig – und Zeit hatte er ja jetzt auch. Die erste Demo in Düsseldorf musste er noch suchen. Dann ging er bei der kleinen Zeltstadt vorbei. Er hatte sich schon gefragt: Habe ich komische Ansichten? Ist mein Gerechtigkeitssinn übertrieben? Dort aber lernte er Menschen kennen, die sich genauso wie er empören. Darüber, dass den Banken Millionen in den Rachen gestopft werden, aber nicht genug Geld für Bildung da ist. Darüber, dass es  immer nur heißt: Wir müssen die Märkte beruhigen, die Lage stabilisieren, das Vertrauen der Wirtschaft in den Euro wiederherstellen. „Wer spricht eigentlich davon, das Vertrauen der Bürger in die Politik zu stärken?“, fragte sich Michael.

Kommentare (33)

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Der_Altruist

28.12.2011, 01:56 Uhr

Ein Idealist, wei die Welt sie braucht.

Weil 99,9% der Weltbürger zu feige sind dafür. Eher lassen sie sich noch aufhetzen und verfolgen solche Leute oder schweigen einfach, wenn solche Menschen unter ketzerischen Vorwänden vonseiten der Regierung inhaftiert werden, weil sich für Gerechtigkeit zu kämpfen versucht haben. Aber wer für Gerechtigkeit ist, muss bereit sein, die Reichen zu bekämpfen und notfalls zu enteignen. Jedes Volk wird diese Erfahrung machen müssen, auch ein faules Deutschland, das sich (noch!) in Sicherheit wiegt. Und Faulheit hat nichts mit Arbeitsfleiß zu tun - der Sklave ist immer schon der fleißigste aller Bürger gewesen. Je mehr Sklaven es gibt, umso fleißiger erscheint ein Volk!

kaburkabari

28.12.2011, 04:06 Uhr

Die Krise? Oder doch etwa die Kommunisten? Oder gar die, die schon immer am ganzen Elend der Menschen schuld waren, so wie damals im zaristischen Russland, als die von den Machtfunktionären des militaristich-feudalistischen Russlands initiierten Pogrome gegen "die Juden" fröhlich Urstände feierten, so wie später dann unter dem Genossen Stalin und dem Führer Adolf Schickelgruber, gen. Hitler?

Wohl eher nicht. Die Initiatoren und Gewinner der heutigen refeudalisierten Wirtschaft sind wohl eher doch jene, die von einem "global strategist" des WSJ (siehe: http://blogs.wsj.com/wealth/2007/01/08/plutonomics/) als "plutocrats" beschrieben werden und die wir heute wohl als die Neuen Feudalherrschaftsmitglieder einer Neuen Weltordnung verstehen sollen/sollten.

Dass da aber auch noch so etwas wie eine Weltwirtschaftskriegsbeziehung zu den mächtigen Playern des post-maoistischen Kaderfunktionärsfeudalsystems der VR China existiert, sollten wir aber nicht ausser Acht lassen.

In jedem Falle aber steht zu befürchten, dass dieses Feudalherrschaftssystem wohl auch nur durch das Instrumentarium des ersten Thermidor im Jahre 1789 zu lösen ist, als die Vermögenskonzentration und der Machtmissbrauch der damaligen Feudalelite etwa das gleiche Niveau erreicht hatten, wie dies im Jahre 2011 wieder der Fall war. Es wirden also keine "rolling stones" auf der Agenda stehen, sondern wohl wieder "rolling heads". Stimmen wir also alle fröhlich das Lied "rolling home"! an, weil es ja um nichts anderes geht, als um die Frage, ob wir als Menschen in unseren Heimaten leben oder aber als Humankapital mit feudalistisch gedeckelten Humankapitalkosten durch die Gegend vagabundieren wollen.

Eddie

28.12.2011, 04:59 Uhr

Schwache Story... Gerade das Handwerk hat einen massiven Fachkraefte-Mangel, da soll ein gelernter Gas- und Wasserinstallateur keinen Job finden? Das kann doch nur an der Person bzw. an einer schlechten Qualifikation oder fehlendem Koennen liegen. Ich finde, die ganze Geschichte klingt sehr nach einen Bubi aus "besserem Hause". Wer sonst kann es sich leisten, nicht nur den Job hinzuschmeissen sondern dann auch noch grosszuegig auf staatliche Hilfe zu verzichten? Wer zahlt die Unterkunft, Essen, Trinken? Wohl Mami oder Papi... Da braucht man auch kein Bankkonto und kann wochenlang mit den anderen Muttersoehnchen, Hartz IV-Empfaengern, Rentner und Tagedieben gegen Banken und den boesen Kapitalismus demonstrieren... Sogar erwachsen ist er jetzt geworden, sagt er - tolle Leistung... Mit dem neuen iPhone oder iPad(Kostet ja nur ca. 1 Jahreseinkommen in armen Laendern) kann man da natuerlich auch wunderbar facebooken, Musik hoeren und Videos aus dem Internet herunterladen, damit das Demonstrieren nicht langweilig wird...

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