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22.12.2011

16:59 Uhr

Gesichter der Krise

Eine irische Erfolgsgeschichte

VonKatharina Slodczyk

Während des irischen Immobilienbooms verdiente Brendan Byrne als Elektriker gutes Geld. Doch 2008 platzte die Blase und der 38-Jährige musste umsatteln. Heute führt er in Dublin ein kleines Restaurant. Bereut hat er das nicht. Im Gegenteil.

Brendan Byrne: „Essen und Trinken müssen die Leute immer, selbst in der Krise.“ Slodczyk, Katharina

Brendan Byrne: „Essen und Trinken müssen die Leute immer, selbst in der Krise.“

DublinEs waren zwei völlig zusammenhanglose Gedanken, die dem Leben von Brendan Byrne eine komplett neue Richtung gegeben haben: „Die Geschäfte laufen viel zu gut“, dachte sich der Dubliner Elektriker vor gut vier Jahren. Sein Betrieb war damals gerade auf neun Mitarbeiter gewachsen, und die Auftragsbücher waren so voll, dass er weiteres Personal hätte einstellen können. „Das Frühstück ist einfach viel zu eintönig und lieblos“, dachte er jedes Mal, wenn er morgens an einem Café haltmachte, das auf dem Weg zwischen seiner Wohnung und der Arbeit lag.

Heute ist der 38-Jährige Betreiber dieses Cafés, er hat es zu einem kleinen Restaurant ausgebaut. Sein Elektroinstallationsbetrieb ist im Zuge der Finanz- und Immobilienkrise, die in Irland die tiefste Rezession seit Jahrzehnten stürzte, auf gerade mal zwei Mitarbeiter geschrumpft. Dafür beschäftigt Byrne in seinem Restaurant sieben Leute – und es sollen noch mehr werden. Denn er würde am liebsten weitere Cafés und Bistros übernehmen. „Essen und Trinken müssen die Leute immer, selbst in der Krise“, sagt Byrne, „und jetzt in der Rezession gibt es die besten Möglichkeiten, billig an Räume und Ausstattung dranzukommen.“

Der Mann wirkt genauso wie er spricht: geradeaus und pragmatisch, nüchtern und trocken. Byrne sitzt an einem der Fenster-Tische in „Josh’s Place“. Das Restaurant, benannt nach seinem vierjährigen Sohn, liegt im Südosten von Dublin in einem Einkaufs- und Gewerbegebiet. Es ist Nachmittag, der Mittagsansturm ist inzwischen vorbei, einige Gäste sitzen noch im Restaurant, nippen an einem Tee oder Kaffee und bearbeiten mit dem Mobiltelefon ihre Elektropost.

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Der Raum ist eher funktional als gemütlich mit seinem grauen Fliesenboden, weißen Säulen und viel Glas. Die Holzmöbel mit den grünen Sitzbezügen wirken etwas zu rustikal, sie passen nicht ganz. „Die waren billig, ich habe sie bei einer Auktion ersteigert“, sagt Byrne und schaut sich um. Sind die Gäste zufrieden und funktioniert die schnelle, drahtlose Internetverbindung via WLAN, die er ihnen kostenlos anbietet? Haben seine Mitarbeiter schon angefangen, die Theke abzuräumen, wo gerade noch dampfenden Suppen standen, wo Sandwiches und Salate vorbereitet wurden und jetzt Kuchen und Muffins liegen?

„Jedes Mal, wenn ich früher in diesem Restaurant war, hab ich mir gedacht: ich könnte es besser machen“, erzählt Byrne. „Es war so offensichtlich, was hier schief lief.“ Das Essen war zu teuer und zu schlecht. „Es wurde mittags nichts frisch gemacht, das meiste wurde einfach nur in der Mikrowelle aufgewärmt“, zählt Byrne auf, „und zum Frühstück war die Auswahl viel zu klein.“ Die beiden Vorbesitzer des Cafés seien in erster Linie daran gescheitert, mit der Krise habe das nichts zu tun gehabt. Diese habe die Pleiten allenfalls beschleunigt.

Die Krise in Irland hat ihren Kern im heimischen Bankensektor. Die laxe Regulierung der Branche, kombiniert mit den niedrigen Leitzinsen der Euro-Zone, verlockte die Institute dazu, einen Immobilienboom von enormem Ausmaß zu finanzieren. Auf dem Höhepunkt dieser Blase 2006 sorgte der Bausektor für 15 Prozent des irischen Bruttoinlandsprodukts. 1996 waren es gerade mal sechs Prozent. In Deutschland trägt die Branche seit Jahren etwa fünf Prozent zur Wirtschaftsleistung bei.

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