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16.12.2011

11:48 Uhr

Gesichter der Krise

Italiens „Grüne Pavillons“ kämpfen ums Überleben

VonRegina Krieger

Danilo Cinti besitzt einen Zeitungskiosk in Rom und hat es nicht leicht: die Italiener lesen in der Krise weniger Zeitungen, sparen, greifen zu den Gratisblättern, die am Bahnhof ausliegen. Die Serie im Jahresrückblick.

Danilo Cinti besitzt in Rom einen Zeitungskiosk in bester Lage. Regina Krieger

Danilo Cinti besitzt in Rom einen Zeitungskiosk in bester Lage.

RomDer Arbeitstag von Danilo Cinti beginnt morgens um halb fünf. Dann schließt er den sechseckigen grünen Zeitungskiosk an der Via Nazionale in Rom auf und wartet auf den Grossisten, der die Zeitungen bringt. „Bis vor kurzem gab es in Rom sechs Agenturen, die die Zeitungen liefern, heute sind es nur noch drei, zwei für die italienischen Zeitungen und Magazine, eine für die Auslandspresse“, sagt der 45-Jährige. Ja, die Krise sei sehr stark zu spüren in seinem Metier, ergänzt er. „Wir haben diesen Kiosk seit zwölf Jahren, zu sechst haben wir damals eine Gesellschaft gegründet, kurz vor der Einführung des Euro war das, und alle hatten gut zu tun.“ Doch heute sind sie in dem Familienunternehmen nur noch zu dritt.

Der für Rom so typische grüne Pavillon mit den vielen Zeitungen und Magazinen, die ausgebreitet und angerichtet sind wie das Käse- und Schinkenangebot in einem Lebensmittelgeschäft, müsste eigentlich eine Goldgrube sein: direkt an der zentralen und immer vollen Via Nazionale gelegen, die vom Bahnhof zum Zentrum führt, und nur 50 Meter vom großen Traventinpalast der Banca d’Italia entfernt, vor dem mächtige Palmen stehen. Aber die Zeiten haben sich geändert, die Italiener lesen weniger Zeitungen, sparen, greifen zu den Gratisblättern, die am Bahnhof ausliegen.

Auch Danilo Cinti hat die Krise getroffen. Regina Krieger

Auch Danilo Cinti hat die Krise getroffen.

„Ohne die Bank hätten wir große ökonomische Schwierigkeiten, denn von der Laufkundschaft allein könnten wir nicht mehr leben“, sagt Cinti. Denn obwohl er neben Zeitungen, Magazinen und Büchern auch noch Postkarten, Lotterielose und Bus-Tickets verkauft, ist die Nachfrage nach gedruckter Information gesunken und das spürt Cinti.

Sind die umliegenden Büros geschlossen, sinkt die Zahl der Kunden. Samstags ist deshalb nur bis mittags geöffnet, sonntags bleibt der Kiosk geschlossen. 

Damit die Geschäfte laufen, bringt einer der „società V. Cinti“ jeden Morgen Pakete mit Zeitungen in die Zentrale der Notenbank und in die umliegenden Büros. In Italien kauft man seine Zeitungen am Kiosk, Abonnements gibt es nicht, dafür eben den privaten Lieferservice.

Aber auch hier ist die Krise zu spüren: „Den Bankern und Beamten bringen wir mittlerweile nur noch die internationalen Wirtschaftstitel, Economist, Wall Street Journal, Financial Times“, sagt Cinti, denn die nationalen Tageszeitungen wie Corriere della Sera, La Repubblica oder das Wirtschaftsblatt Il Sole-24 ore würden die Banker online im Abonnement lesen.

Handelsblatt-Serie: Vorhang auf für die „Gesichter der Krise“

Handelsblatt-Serie

Vorhang auf für die „Gesichter der Krise“

Eine Euro(pa)-Reise der besonderen Art haben die Korrespondenten des Handelsblatt im Jahresrückblick unternommen: Quer durch die Krisenzone suchten sie Einzelschicksale, Geschichten von Menschen auf der Straße.

Ein Zeitungskiosk ist in Italien Kontaktbörse, Treffpunkt und Informationsaustausch wie die Kaffeebar. Was die Leute bewegt, bekommt Danilo von seinen Kunden genau mit.

„In diesen Tagen sind die Angestellten aus den Büros – auch der Verfassungsgerichtshof ist nur ein paar Schritte entfernt – sehr besorgt über ihre Rente“, sagt er. Jeden Tag stehen auf den Titelseiten der Blätter Schlagzeilen über die Einschnitte, die den Italienern bevorstehen. „Die Angst vor Abzügen und die Unsicherheit der Zukunft ist groß“, berichtet Cinti, „aber zum Glück für uns auch das Bedürfnis, sich zu informieren – nicht online, sondern mit der Zeitung..“

 

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