Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

07.01.2001

19:12 Uhr

Gespräche mit der Kirch-Gruppe in der Krise

Die Zukunft von EM.TV ist offen

VonCASPAR BUSSE

EM.TV und die Kirch-Gruppe stoßen bei ihren Gesprächen auf ernste Schwierigkeiten. Der Chef des EM.TV-Aufsichtsrats, Becker, weist zwar Forderungen nach einem Rücktritt zurück, lässt sich aber eine Hintertür offen.

HB MÜNCHEN. Die Wellen schlagen hoch bei den Gesprächen zur Rettung des schwer angeschlagenen Medienunternehmens EM.TV & Merchandising AG. Offiziell betonen zwar sowohl die Kirch-Gruppe als auch EM.TV, die Verhandlungen liefen normal. Doch hinter den Kulissen ist von erheblichen Differenzen zu hören. Ein Scheitern der Gespräche wird nicht ausgeschlossen.

Am Sonntagnachmittag ging der Vorsitzende des EM.TV-Aufsichtsrats, Nickolaus Becker, mit einer Erklärung an die Öffentlichkeit. Ein Rücktritt sei "kein Thema", teilte der 51jährige Münchener Rechtsanwalt darin mit. Leo Kirch habe ihn Anfang Dezember persönlich gebeten, den Aufsichtsrats-Vorsitz bei EM.TV zu behalten, wenn die Kirch-Gruppe wie geplant bei dem angeschlagenen Medienunternehmen einsteigt, so Becker. Er hintertreibe die Gespräche mit Kirch nicht und habe auch nichts zu vertuschen.

Trotzdem lässt sich Becker in seiner Erklärung eine Hintertür offen. "Generell gilt jedoch, dass die Zukunft des Unternehmens, seiner Mitarbeiter und seiner Aktionäre für mich ungleich wichtiger ist als das Festhalten an meiner Person", schreibt Becker weiter. Dies könnte darauf hindeuten, dass Becker seinen Posten doch im Interesse von EM.TV aufgeben wird.

Die Kirch-Gruppe hatte zuvor hinter vorgehaltener Hand eine Ablösung Beckers gefordert und dieses unter anderem mit der fehlenden "persönlichen Integrität" des Managers begründet. Zwischen dem Vizechef der Kirch-Gruppe, Dieter Hahn, und Becker war es schon vor Weihnachten zu erheblichen Differenzen gekommen (Handelsblatt vom 5.1.2001). Der Grund: Becker drängt offenbar auf bessere Konditionen für den Einstieg der Kirch-Gruppe. Ohnehin bestehen bei EM.TV Ängste, dass die Kirch-Gruppe das Unternehmen nach dem Einstieg ausschlachtet.

Am Dienstag tagt der Aufsichtsrat. EM.TV-Chef und-Großaktionär Thomas Haffa, der bisher im Weihnachtsurlaub auf Mallorca weilte, soll sich bereits eingeschaltet und mit Becker Kontakt aufgenommen haben. In München kursieren Spekulationen, bei einer Ablösung Beckers könnte Haffa auf den Chefsessel im EM.TV-Aufsichtsrat wechseln. Eine Bestätigung dafür gibt es noch nicht.

Fest steht, dass bisher kaum Fortschritte bei den Verhandlungen der Kirch-Gruppe mit EM.TV erzielt wurden. Derzeit läuft eine Sorgfältigkeitsprüfung ("Due Diligence"), deren Ergebnis für Februar erwartet wird. Aus Branchenkreisen verlautete, dass eine Reihe von Verträgen sehr ungünstig für EM.TV seien und nachverhandelt werden müssten. Betroffen sei vor allem der Einstieg von EM.TV in die Formel-1-Holding SLEC von Bernie Ecclestone. Geplant ist bisher, dass die Kirch-Gruppe Junior-TV, ein Joint-Venture für Kinder- und Familienprogramme, ganz bei EM.TV einbringt. Dafür erhält Kirch 16,7 % an EM.TV. Die genaue Höhe der Beteiligung ist abhängig vom Ergebnis der Due Diligence. Zudem wird Haffa eigene Stimmrechte ohne Gegenleistung übertragen, so dass Kirch auf eine Sperrminorität von 25,1 % kommen wird. Außerdem soll die Kirch-Gruppe 550 Mill. $ für 49 % am Formel 1-Paket zahlen. Bisher verhandeln EM.TV und die Kirch-Gruppe exklusiv. Eine andere Lösung als der Einstieg von Kirch ist problematisch, da beide Unternehmen über Junior-TV eng miteinander verbunden sind.

Die EM.TV-Aktie stürzte am Freitag auf Grund der unsicheren Lage zunächst auf ein neues Tief von knapp über 4 Euro. Zum Wochenschluss erholte sich das Papier wieder auf 5 Euro, was aber immer noch ein Minus von 10 % ist. Die Analysten von ABN Amro haben erneut zum Verkauf der Aktie geraten, weil die Zukunft von EM.TV weiter unklar sei.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf "Zum Home-Bildschirm"

Auf tippen, dann "Zum Startbildschirm hinzu".

×