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19.03.2003

09:14 Uhr

Gewinnmitnahmen bei Kriegsbeginn wahrscheinlich

Gold bleibt für Überraschungen gut

VonWolfgang Drechsler

Gold ist seinem Ruf als Krisenindikator in den vergangenen Monaten zwar gerecht geworden. Der Preis des Edelmetalls stieg während des diplomatischen Tauziehens um dem Irak stark an. Gleichwohl fielen die Notierungen mit zunehmender Gewissheit, dass es zum Krieg kommt. Für Anleger ist also Vorsicht geboten.

KAPSTADT. Die Optimisten am Goldmarkt sind ratlos. Nachdem der Preis des gelben Metalls noch im letzten Monat mit 389 $ auf den höchsten Stand seit über sechs Jahren geklettert war und einige Experten bereits die Marke von 400 $ ins Visier genommen hatten, ist der Unzenpreis seither um fast 15 % auf Notierungen um 339 $ gesunken. Grund dafür war zunächst die zwischenzeitlich nachlassende Kriegsangst. Diese ist nun von der Gewissheit ersetzt worden, dass ein Angriff auf den Irak bevorsteht.

Vieles deutet darauf hin, dass Anleger auch diesmal in unruhigen Zeiten zunächst in den Goldmarkt flüchten - und bei einer Beruhigung der Lage ihr Geld ebenso schnell wieder in andere Anlageprodukte umschichten.

Verantwortlich für den Preisrückgang seit Ende Februar ist nach Ansicht von Wolfgang Wrzesniok-Rossbach, der den Edelmetall- und Rohstoffhandel bei Dresdner Kleinwort Wasserstein leitet, aber auch die ausgeprägte Illiquidität des Goldmarktes. Größere Zu- und Verkäufe von Gold würden dadurch rasch zu einem "marktbewegenden Ereignis". Außerdem gibt es nach Meinung des Edelmetallexperten eine Reihe spekulativ und sehr kurzfristig eingestellter Marktteilnehmer, die ihr Geld in der Hoffnung auf eine spekulative Blase in den Goldmarkt gesteckt hätten und nun wieder zum Teil wieder abziehen würden.

In die gleiche Kerbe schlägt auch Neil Behrmann, Herausgeber des Informationsdienstes Marketpredict.net. Auch er sieht gewisse spekulative Übertreibungen am Goldmarkt und verweist darauf, dass viele Fonds ihre im Goldmarkt investierten Mittel bei einem Rückgang des Preises in die Spanne zwischen 345 und 355 $ pro Unze abziehen würden. Bei einem Unterschreiten der Marke von 340 $ käme es dann zu größeren Verkäufen, weil viele Händler um ihre Gewinnmargen fürchten würden.

Auch ist daran zu erinnern, dass viele Fondsmanager den starken Anstieg des Goldpreises seit November für überzogen gehalten und einige bereits damals vor einer Blasenbildung gewarnt hatten. Ablesbar ist dies auch daran, dass die Aktien der südafrikanischen Goldförderer seitdem beträchtlich hinter dem Goldpreisanstieg zurückgeblieben sind. Dies steht in krassem Gegensatz zu dem überproportional starken Anstieg der Goldminenaktien zwischen November 2000 und Mai 2002, als der Aktienpreis einiger Förderer trotz einer nur geringfügigeren Zunahme des Goldpreises um 300 bis 400 % in die Höhe geschnellt war.

Den südafrikanischen Firmen war im letzten Jahr aber auch die schwache Währung Rand zugute gekommen. Daneben verkaufen immer mehr Produzenten inzwischen kaum noch Gold auf Termin und sind somit ganz unmittelbar an den Goldpreis gekoppelt, was viele Investoren bevorzugen. Gleichzeitig verlieren aber auch Konzerne, die kein Gold im voraus verkaufen und somit nicht gegen einen Preisverfall abgesichert sind, bei einem Preisrückgang des gelben Metalls unverhältnismäßig mehr als Terminverkäufer.

Ebenso wie der südafrikanische Goldriese Anglogold, der seit Jahresbeginn 15 % an Wert verloren hat, gelten auch die großen kanadischen Firmen Placer Dome und Barrick, die alle Gold auf Termin verkaufen, derzeit als vergleichsweise günstig bewertet.

Wie sich der Goldpreis in den nächsten Wochen entwickelt, wird entscheidend vom Verlauf des Krieges im Nahen Osten abhängen. Bereits zu Jahresbeginn hatten die in London ansässigen Edelmetallexperten von Gold Fields Mineral Services (GFMS) prophezeit, dass ein längerer Krieg den Goldpreis über die Schwelle von 370 $ drücken könne. Dieses Niveau war dann bereits Anfang Februar erreicht. Gleichzeitig könnte es GFMS zufolge bei einer Beruhigung der Lage und einem damit verbundenen Rückzug der Investoren aus dem Goldmarkt zu einem Preisverfall auf unter 310 $ kommen. Eine gewisse Vorsicht bleibt also geboten.

Dennoch dürfte Gold für Überraschungen gut bleiben. Eine Reihe von Experten wie Wrzesniok-Rossbach halten die positiven fundamentalen Gründe noch immer für gültig, obwohl die Notenbanken weltweit noch immer auf über 30 000 Tonnen Gold sitzen. Und mögliche Verkäufe der Notenbanken sind eine latente Belastung. Andere bezweifeln hingegen, dass die Angst vor einem Krieg und dessen Folgen für die Weltwirtschaft ausreichen werden, um den Goldpreis längerfristig wesentlich viel höher steigen zu lassen. Auch die Erfahrungen aus früheren Krisen zeigen, dass jeweils mit dem Ausbruch eines Krieges Gewinne realisiert werden und das Geld in Anlagen wie Aktien fließt, mit denen dann rasch mehr Geld zu verdienen wäre.

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