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07.06.2000

15:05 Uhr

"Gläserne Emission" gegen Anlegerfrust

Kein Bürgerrecht auf Aktien

Obwohl längst nicht mehr jeder Börsenneuling mit starken Kurssprüngen aufwartet, ist die Enttäuschung bei vielen Anlegern immer noch groß, wenn sie bei der Verteilung der vermeintlichen "Lizenz zum Gelddrucken" leer ausgehen.

dpa FRANKFURT. Nach einem Bürgerrecht auf neue Aktien werden sich frustrierte Kleinanleger auch künftig vergeblich sehnen. Zumindest "gläserne Emissionen" sollen aber dafür sorgen, dass sich Enttäuschung und Misstrauen bei stark überzeichneten Papieren in Grenzen halten. Dazu hat die Börsensachverständigenkommission (BSK) beim Bundesfinanzministerium nun "Grundsätze für die Zuteilung von Aktienemissionen" aufgestellt, die am 1. Juli in Kraft treten sollen. "Der Anleger soll vor dem Beginn der Zeichnungsfrist erfahren, wie und nach welchen Kriterien" der Börsenneuling und seine Banken die Verteilung der Aktien abwickeln wollen, sagte der BSK-Vorsitzende und Siemens-Aufsichtsratschef Karl-Hermann Baumann am Mittwoch in Frankfurt.

Nicht erst seit der heftigen Kritik an der Zuteilung der Infineon - Aktien herrscht nach Expertenmeinung dringend Handlungsbedarf. Mit dem Börsengang des Münchner Chipherstellers schlug Mitte März ein dreiwöchiger Aktienrausch schlagartig in Katerstimmung um. Wegen 33- facher Überzeichnung waren die meisten Kleinanleger leer ausgegangen, und Infineon musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, es sei nicht alles mit rechten Dingen zugegangen. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), jetzt selbst an der Erstellung der Zuteilungsgrundsätze beteiligt, kritisierte damals: "Dem haftet der Geruch der Mauschelei an."

Zwar verlangt das Wertpapierhandelsgesetz bereits seit Mitte der 90er Jahre durchschaubare Zuteilungsverfahren - doch wenige Emittenten und Banken haben sich strikt daran gehalten. Eine Untersuchung des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel (BAWe) habe dies eindeutig gezeigt, berichtete BAWe-Präsident Georg Wittich. "Es mangelte in vielen Fällen an Transparenz - Transparenz über das Zuteilungsverfahren als solches, aber insbesondere über das Verfahren bei der Überzeichnung." Im Posteingang der Behörde sind Beschwerden von Anlegern daher bereits seit längerer Zeit Thema Nummer eins. Das BAWe soll darüber wachen, ob sich dies bessert. "Schwarze Schafe" können nach Wittichs Darstellung mit Strafgeld belegt werden. Die Autoren sind aber davon überzeugt, dass dies gar nicht nötig wird. "Ich denke, dass der Markt das selbst regelt", betonte DG Bank - Vorstandsmitglied Uwe Flach.

Der Frust nicht bedachter Kleinleger liegt vor allem an den kräftigen Kursgewinnen, die in den vergangenen Jahren bei etlichen Börsenneulingen möglich waren. Dies führte dazu, "dass der Eindruck quasi sicherer Zeichnungsgewinne bei den Anlegern erweckt wurde", sagte BSK-Chef Baumann. Trotz der sprunghaft gestiegenen Zahl der Börsengänge - bis zu 200 allein in diesem Jahr nach durchschnittlich 17 pro Jahr im Zeitraum 1985 bis 1996 - sind immer noch viele Emissionen stark überzeichnet. Obwohl längst nicht mehr jeder Börsenneuling mit starken Kurssprüngen aufwartet, ist die Enttäuschung bei vielen Anlegern immer noch groß, wenn sie bei der Verteilung der vermeintlichen "Lizenz zum Gelddrucken" leer ausgehen.

Daran wird sich allerdings auch in Zukunft nichts ändern - nur wissen die Anleger dann besser und schon im Vorfeld Bescheid, warum aus der erhofften Aktienzuteilung nichts werden könnte. Die Grundsätze schrieben "kein Recht des Anlegers auf Zuteilung fest", betonte Baumann. Jeder Emittent habe weiterhin die Freiheit, in eigenem Ermessen das Verfahren und "die Anlegergruppen zu bestimmen, bei denen die Emission platziert werden soll". Schließlich sollen auch Kleinstzuteilungen von zwei oder drei Aktien verhindert werden, die für den Anleger schon wegen der in jedem Fall anfallenden Spesen nicht sinnvoll sind.

Was besser funktionieren soll, sind also lediglich die Informationen, die dem Anleger helfen, "die Chancen auf eine Zuteilung zu beurteilen", sagte Flach. Dazu gehören etwa Angaben, wie viele Aktien für "Family und Friends", Kunden oder Manager eines Unternehmens reserviert werden. Bei der Zuteilung kommt beispielsweise das Losverfahren in Betracht, das - wie bei Infineon - auch mit einer nach Ordergröße gestaffelten Zuteilung kombiniert werden kann. Auch das Prinzip "wer zuerst kommt, mahlt zuerst" wäre eine Möglichkeit.

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