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04.04.2003

06:00 Uhr

Graben zwischen Amerika und Europa

Transatlantische Achterbahn-Fahrt

VonMichael Backfische und Thorsten Riecke Von Michael Backfische und Thorsten Riecke

Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 zeigen sowohl Paris als auch Berlin Solidarität mit Washington. In Deutschland kommt Misstrauen auf, als US-Verteidigungsminister Rumsfeld von iner "Koalition der Entschlossenen" spricht.

WASHINGTON/NEW YORK. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ist die transatlantische Welt noch in Ordnung - auf den ersten Blick zumindest. Die französische Zeitung "Le Monde" titelt mit der Zeile: "Wir sind alle Amerikaner." Und Bundeskanzler Gerhard Schröder versichert US-Präsident George W. Bush der "uneingeschränkten Solidarität" Deutschlands.

Starke Worte, die in Washington als Reflex des jahrzehntelangen Bündnispartners dankbar registriert werden. Als der Kanzler wenige Wochen später im Reichstag den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr mit der Vertrauensfrage durchpaukt, hat Amerika Respekt. "Deutschland nimmt eine neue Rolle in der Welt ein - für eine rot-grüne Bundesregierung ist dies eine erstaunliche Leistung", schwärmt Jeff Gedmin, Leiter des Aspen-Instituts in Berlin. Doch die Euphorie hält nicht lange an.

Als US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld bereits im Oktober von einer "Koalition der Entschlossenen" im Kampf gegen den weltweiten Terror spricht, kommt in Deutschland das alte Misstrauen wieder hoch: Die einsame Supermacht USA zieht unilateral ihre Kreise, befürchtet man. Kyoto-Protokoll, Internationaler Strafgerichtshof und ABM-Vertrag lassen grüßen. Als Bush dann am 29. Januar 2002 den Irak, Iran und Nord-Korea als "Achse des Bösen" brandmarkt, läuten in der Bundesregierung die Alarmglocken. Schröder warnt in einer Wahlkampf-Rede am 5. August vor dem "Abenteuer" eines Irak-Krieges. In der US-Regierung regen sich erste Zweifel. "Wer ist denn nun der Böse für Deutschland?", will Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice von Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhahn wissen, "Bush oder Saddam?"

Dann geht es Schlag auf Schlag. US-Vizepräsident Dick Cheney hält am 26. August ein flammendes Plädoyer für einen "Regime-Wechsel" im Irak. Am 5. September vergleicht SPD-Fraktionschef Ludwig Stiegler den amerikanischen Botschafter Daniel Coats mit dem früheren Sowjet-Emissär Pjotr Abrassimov in der DDR. Und am 18. September nennt Justizministerin Herta Däubler-Gmelin Bush in einem Atemzug mit Adolf Hitler.

Im US-Außenministerium, das die schärfer werden Töne aus Deutschland bislang als "reine Wahlkampf-Rhetorik" abgetan hat, sieht man plötzlich rot. "Sind denn in der Bundesregierung sämtliche Sicherungen durchgebrannt?", ereifert sich ein hochrangiger Mitarbeiter im US-Außenministerium. Einen Tag vor der Bundestagswahl am 22. September bezeichnet Sicherheitsberaterin Rice die deutsch-amerikanischen Beziehungen als "vergiftet": Tiefpunkt einer von den USA seit Ende der 40er Jahre stets romantisierten Polit-Liaison. Bush ist tief gekränkt - zurück bleibt kalte Wut. "Das Tischtuch zwischen ihm und Schröder ist zerschnitten", sagt einer, der den Chef des Weißen Hauses gut kennt.

Dennoch setzt die US-Administration alle Hebel in Bewegung, um in der Irak-Frage den Segen der Uno zu bekommen. Als Außenminister Colin Powell am 2. November 2002 den Telefonhörer auflegt, glaubt er, seinen größten außenpolitischen Erfolg in der Tasche zu haben. Gerade hat er sich mit seinem französischen Kollegen Dominique de Villepin auf die letzten Formulierungen der Irak-Resolution 1441 geeinigt: Entweder Saddam Hussein legt alle Waffen nieder, oder es drohen ihm "ernsthafte Konsequenzen" - das ist die Botschaft der Uno-Resolution, die der Weltsicherheitsrat sechs Tage später einstimmig verabschieden wird. Powell ist überzeugt, dass die Franzosen und alle anderen Mitglieder des Sicherheitsrates notfalls auch einen Krieg gegen den Irak gutheißen würden.

Rückblickend markiert die Uno-Resolution 1441 den Anfang der größten außenpolitischen Schlappe Amerikas seit Jahrzehnten. Wie sich bereits wenige Wochen später herausstellt, ist 1441 ein Scheinkompromiss, der unvereinbare Positionen zwischen Frankreich und Deutschland auf der einen Seite auf den USA auf der anderen Seite verschleiert. "Für die Amerikaner war die Resolution ein Schritt zum Krieg, für die Europäer ein Mittel, den Krieg zu verhindern", sagt ein Uno-Diplomat heute. Das Scheitern der Diplomatie sei deshalb absehbar gewesen.

Powell wird erst am 20. Januar 2003 bewusst, wie sehr er sich verrechnet hat. De Villepin hatte ihn zu einer Uno-Sicherheitsratssitzung zum Thema Terrorismus nach New York eingeladen. Im Anschluss daran tritt der Franzose zur Verblüffung der Amerikaner vor die Kameras und hält eine engagierte Rede gegen den Krieg. "Nichts rechtfertigt ein militärisches Eingreifen" gegen den Irak, betont der französische Außenminister. Powell fühlt sich hintergangen und realisiert, dass die internationale Allianz auseinander gebrochen ist. US-Verteidigungsminister Rumsfeld hängt Frankreich und Deutschland das Etikett "altes Europa" an.

Was folgt, ist ein beispielloser diplomatischer Kleinkrieg vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Verbündete sprechen auf einmal von "der Gegenseite" - und meinen damit nicht etwa Saddam Hussein, sondern ihre langjährigen Bündnispartner. In den Uno-Missionen werden Strategien entworfen, um den Gegner international bloßzustellen. Der vielzitierte Brief des deutschen Uno-Botschafters Günter Pleuger ist dafür nur ein Beispiel. Dass der Diplomat in einem Schriftwechsel mit dem Außenministerium in Berlin ganz offen von dem Ziel spricht, die USA vor der Uno zu isolieren, wird von deutscher Seite nicht dementiert. Die Amerikaner sind darüber noch heute stinksauer. "Franzosen und Deutsche haben gezielt gegen uns gearbeitet", heißt es in der amerikanischen Uno-Mission.

Nachdem die USA auch Russland nicht auf ihre Seite ziehen konnten, kommt es im Sicherheitsrat zum offenen Schlagabtausch mit den widerspenstigen Europäern. De Villepin hält nach Vorlage des ersten Berichts der Uno-Waffeninspektoren eine stark emotionale Rede gegen den Krieg und reklamiert für Frankreich die Rolle des Friedenshüters. Im Auditorium erhält er dafür offenen Bei-fall, die Amerikaner fühlen sich von ihren Verbündeten erneut bloßge-stellt. Powell kontert am 5. Februar mit einer öffentlichen Anklage gegen den Irak vor dem Uno-Sicherheitsrat. Er legt Abhörprotokolle und Luftaufnahmen vor, die beweisen sollen, dass Saddam Hussein die Welt an der Nase herumführt. Von den Verbündeten Frankreich und Deutschland erntet er jedoch nur Skepsis und Zweifel. Der US-Außenminister fühlt sich im Stich gelassen und schwenkt auf den Kriegspfad der Falken in Washington ein.

Zwei Wochen nach Beginn der Irak-Krieges sucht die US-Administration wieder den Brückenschlag zur Uno: Dieses Mal geht es um den Wiederaufbau des Landes. "Europäer und Amerikaner müssen aufhören, sich gegenseitig zu brandmarken", unter-streicht ein hochrangiger Beamter im US-Außenministerium. Für die Vereinten Nationen haben die USA allerdings nur die Nebenrolle einer General-Managerin für humanitäre Hilfe übrig. Die Supermacht, die am 11. September von einer nie gekannten Verwundbarkeit erschüttert wurde, hat sich gewandelt: Sie ist mehr denn je egozentrisch, trotzig, machtbewusst und ohne jeden Funken Illusion auf die eigenen Interessen fixiert.

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