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14.07.2000

19:01 Uhr

Grassierendes Desinteresse drückt die Preise

Boris Becker über die Zukunft des Tennissports

VonERICH AHLERS

Es war Wimbledon, und keiner hat?s gemerkt. Sogar ein Ex-Champion wie Boris Becker war nicht richtig bei der Sache, als an der Stätte ruhmreicher Leimener Erfolge seine deutschen Nachahmer im Einsatz waren. Das bereits malade Produkt Tennis wird nach Ansicht des 32-Jährigen weiter an Wert verlieren.

MEXIKO-STADT. Als Pete Sampras am vergangenen Sonntag seinen siebten Titelgewinn bei den Offenenen Englischen Tennis-Meisterschaften feierte, saß sein einstiger Rivale Boris Becker in einer Lufthansa-Boeing. Der Flug LH 498 brachte den deutschen Sport-Promi nach Mexiko, eine von vielen Dienstreisen des Wahl-Müncheners.

Nach der Landung auf dem Flughafen Benito Juárez fragte Becker zwar nach dem Londoner Finalergebnis, doch das grassierende Desinteresse am Tennissport hat auch den ehemaligen Weltklassespieler erfasst. "Ich war kürzlich bei einem Arbeitsessen, als mein Gesprächspartner sagte, dass es heute in Wimbledon losgeht. Ach Gott, dachte ich, stimmt ja", erzählt Becker im Gespräch mit dem Handelsblatt und verdeutlicht damit an der eigenen Person, dass die einstmals traumhafte Einschaltquoten erzielende Sportart malade und hier zu Lande auf dem absteigenden Ast ist.

Gleichwohl lässt der dreimalige Wimbledon-Sieger den Kontakt zur Szene nicht abreißen. Genau verfolgt er zum Beispiel die Entwicklung seiner deutschen Nachahmer Nicolas Kiefer und Thomas Haas. "Auch wenn es bei ihnen zuletzt nicht so gut lief, haben beide absolut das Zeug dazu, auch in Wimbledon mal weit nach vorne zu kommen", prognostiziert Becker. Kiefer habe in jüngster Vergangenheit unter Verletzungen gelitten, während Haas "zwar gesund war, aber gespielt hat, als sei er verletzt".

Das stagnierende und gemeinhin zur Selbstkritik unfähige Duo, das zudem mit dem umstrittenen Einfluss elterlicherseits zu kämpfen hat, hat sich zu einem Problemfall des deutschen Tennissports entwickelt. Auch Becker kommt zu einer ähnlichen Diagnose: "Als Einzelsportler müssen Nicolas und Thommy konsequent sein, um sich ein Umfeld zu schaffen, dass Erfolge zulässt. Zumal sie ja schon seit Jahren Profis sind. Als ich mich damals von Trainer Bosch und Manager Tiriac getrennt habe, hatte ich das auch selbst zu verantworten - und das in jungen Jahren."

Dass Kiefer, der bekanntlich nicht zu Beckers besten Freunden zählt, seinen Streit mit dem Deutschen Tennis-Bund beigelegt hat und bei den Olympischen Spielen in Sydney an den Start geht, befürwortet der bisweilen als Tennis-Kanzler bezeichnete 32-Jährige inzwischen: "Der DTB braucht Kiefer, er zählt zu den Medaillenanwärtern." Im Gegenzug verpflichtete sich der Daviscup-Verweigerer, künftig für die deutschen Farben in dem traditionsreichen Mannschaftswettbewerb anzutreten. Die Einigung nach monatelangem Streit bewertet Becker als "logische Konsequenz des Erwachsenwerdens".

Der Weltstar weiß, wovon er spricht. Er selbst durchlief seinerzeit ähnlich rebellische Phasen und ist sich der seit Jahren schwierigen Situation im deutschen Tennis bewusst. Stichwort Daviscup. Sein Intermezzo als deutscher Teamchef ist für ihn im Rückblick eine Fehlentscheidung gewesen. "In der damaligen Situation war es ein Fehler, es zu machen. Es war einfach zu früh - für die anderen", befindet Becker und erläutert den Scheidungsgrund: "Der DTB wollte einen Diktator, ich aber bin ein Teamspieler."

Das soll in Zukunft auch Mark Philippoussis zu spüren bekommen. Mit dem australischen Profi wird Beckers international ausgerichtete Marketingagentur BBI nächste Woche in Miami einen Vermarktungsvertrag abschließen. Die Ausrüsterkontrakte des Spielers werden weiter von der Agentur Octagon betreut, alle weiteren Werbeengagements laufen künftig über die Firma des Deutschen.

Der verweist auf üppige Erfahrung, wenn es darum geht, Sportler in attraktiver Verpackung anzubieten. "Schon als ganz junger Spieler musste ich die Marke BB in Eigenregie positionieren. Am Anfang ist das in erster Linie eine Sache des Instinkts: Man merkt, hoppla, das kommt an, man gewinnt neue Kundschaft hinzu. Irgendwann spielt der Intellekt eine immer größere Rolle, das ist ein ganz natürlicher Prozess", meint Becker.

Für den ehemaligen Wimbledon-Triumphator stehen die Aktivitäten im Tennis zwar nicht mehr an erster Stelle, doch gescheiterte Projekte könnten seiner Meinung nach durchaus neue Aktualität erhalten. Seine Ideen zur Neugestaltung der ATP-Tour, dargeboten mit der Kirch-Gruppe im Rücken, fanden bekanntlich keinen Anklang. "Doch jetzt", sagt Becker mit einer Spur Genugtuung, "klopfen dieselben Leute wieder bei mir an".

Die Direktoren der betroffenen Top-Turniere, die sich seinerzeit für das höher dotierte Angebot des Konkurrenten ISL entschieden hatten, seien nunmehr unzufrieden, "weil die Refinanzierung ungewiss ist". Der Bewerber Becker kommt daher zu einem hoffnungsvollen Schluss: "Vielleicht wird aus der Sache ja doch noch etwas. Dann aber zu einem geringeren Preis, denn Tennis wird bis dahin mit Sicherheit weniger wert sein."

Was nicht weiter verwundert. Schließlich war Wimbledon, und keiner hat?s gemerkt. Nicht einmal der berühmte Ex-Champion war richtig bei der Sache.

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