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07.01.2003

11:28 Uhr

Große Marke, kleines Unternehmen

Deuter klettert Schritt für Schritt nach oben

VonMartin W. Buchenau

Ein Augsburger Traditionsbetrieb schickt sich an, mit Sportrucksäcken weltweit ins Geschäft zu kommen - und das ganz aus eigener Kraft.

HB Augsburg. Michael Franke will hoch hinaus. Deutschlands traditionsreicher Marktführer für Sportrucksäcke hat den internationalen Gipfel vor Augen. "Wir haben das Zeug dazu, binnen drei Jahren Weltmarktführer für Sportrucksäcke zu werden", sagt Deuter-Chef und-Eigentümer Franke.

Was nach Gipfelstürmer-Mentalität klingt, ist aber bei näherer Betrachtung eher die Entdeckung der Langsamkeit. Ein Aufblasen des Umsatzes mit Hilfe von Discountern kommt für Franke nicht in Frage. "Das würde die Marke ruinieren. In der Branche darf man sich nicht zu schnell bewegen", hält sich der Chef an das Motto erfahrener Bergsteiger. Jedes Jahr legt das Unternehmen dennoch aus eigener Kraft beachtliche 20 % beim Umsatz zu. Verkaufte Deuter 1990 noch für 5 Mill. DM Rucksäcke, flossen im abgelaufenen Jahr bereits gut 20 Mill. Euro in die Kasse. Franke vertraut im Vertrieb als Anbieter im oberen Preissegment auf den Fachhandel. Denn Sportrucksäcke gelten als beratungsintensives Produkt. "Wir haben kein andere Chance", ergänzt Franke. Unteres und mittleres Preissegment seien fest in der Hand der Einkaufskooperationen Intersport und Sport 2000. Umso mehr brauche der Handel auch die teureren Spitzenmodelle des Markenherstellers.

Das Unternehmen kann sich auf eine lange und wechselhafte Tradition berufen. Seit gut 100 Jahren gibt es die Firma Deuter, seit den 30er Jahren stellt sie Rucksäcke her. Deutsche Soldaten schleppten sie schon im Zweiten Weltkrieg, auch später noch so mancher Bundeswehrsoldat. Doch dieses Geschäft hat Franke abgestoßen. Die Beschaffer auf der Hardthöhe wollten weiter die schweren Baumwollrucksäcke. Anfang der 90er musste Franke deshalb 200 Beschäftigte entlassen, weil der Bund nicht mehr bestellte.

Franke hat das Traditionsunternehmen auf nicht ganz alltägliche Weise übernehmen können. Die Augsburger Firma stellte in den 50er Jahren neben Rucksäcken auch Großzelte her, der Sohn des Firmengründers Hans Deuter beschäftigte nach dem Krieg über 2000 Menschen in Augsburg.

Doch der Erbe lebte in Saus und Braus - bis die Firma vor dem Ruin stand. Den Folgen entzog er sich durch Freitod. Eine Berliner Immobilienfirma kaufte den Betrieb auf und führte ihn weiter. Ende der 80er Jahre wurde das Rucksack- und Reisegepäckgeschäft vom Zeltbau (Deuter AG) abgekoppelt. Bis heute stammt ein Großteil der Zelte auf dem Münchner Oktoberfest aus den Werken der Deuter AG.

Franke kam erst 1989 vom Handschuhhersteller Röckl zu Deuter und konnte die Eigentümer von einem Management buy out überzeugen. Franke konzentrierte sich voll auf Rucksäcke . Das hat sich ausgezahlt. Mit 45 Beschäftigten entwickelt und vertreibt Deuter in Gersthofen bei Augsburg Rucksäcke. Genäht wird längst in Vietnam.

Franke hat in seiner Karriere schon so manche Pleite in der Textilindustrie erlebt. Sein oberstes Ziel ist deshalb die Unabhängigkeit vor allem von Banken. Das Unternehmen ist schuldenfrei. Aber auch Franke will das Angebot verbreitern. Zehn Prozent des Umsatzes des Herstellers entfallen schon nicht mehr auf Rucksäcke.

So kann sich der Chef inzwischen auch die Übernahme einer Outdoor-Firma vorstellen. Aber er bleibt vorsichtig. "Vielleicht kooperiert man lieber, bevor man gleich heiratet." Mit dem Stockhersteller Leki und dem renommierten Wanderschuhfabrikanten Meindl ist Deuter "freundschaftlich verbunden" - mehr nicht.

Rucksäcke für alle Fälle

Für das Sponsoring eines Alpinisten- Stars wie etwa Reinhold Messner haben die Augsburger kein Geld. Deuter setzt dagegen auf die Qualität der eigenen Produkte und eine sehr breite Palette. Sie reicht vom himalayatauglichen Rucksack bis zum "Wickelbär", einem speziellen Tagesrucksack mit Wickelutensilien für Kleinkinder. Insofern bietet Deuter alles, was sich beim Wandern, Bergsteigen, Skaten oder Radeln so auf den Rücken schnallen lässt. Der vergleichsweise kleine Hersteller versucht, der starken Konkurrenz von Vaude, Tatonka oder Salewa immer einen Schritt voraus zu sein - sei es durch ultraleichte Rucksäcke mit einem Gewicht unter einem Kilo, mit pfiffigen Trage- und Lüftungssystemen oder kleinen Details wie alpinen Erste-Hilfe-Tipps im Rucksackdeckel. So hat sich Deuter einen Namen gemacht, was auch große Fachhändler wie Sport-Scheck oder Sport-Schuster bestätigen. Ganz neu ist ein Tagesrucksack, der sich mit einem Handgriff zur Trage für Kleinkinder umbauen lässt. Außerdem stellt Deuter auch Reisegepäck und Schlafsäcke her. Deuter hat freilich seinen Preis. Unter 50 Euro gibt es nur wenige einfachere Modelle.

Quelle: Handelsblatt

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