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21.01.2003

09:55 Uhr

Große Marken - kleine Unternehmen

Thonet hat den Bogen raus

VonBert Fröndhoff

So etwas wie Shareholder-Value ist beim Möbelfabrikanten Thonet verpönt. Bei dem Hersteller exklusiver Designerstühle zählt vielmehr das Familienerbe.

HB FRANKENBERG. Wo begrüßen sich Manager noch so herzlich? Peter und Claus Thonet umarmen sich, drücken die Wangen aneinander und schütteln sich kräftig die Hände. Wer meint, die beiden Chefs des Möbelfabrikanten Thonet hätten sich seit Wochen nicht gesehen, liegt falsch. Für sie beginnt an diesem Morgen ein ganz normaler Arbeitstag.

Die innige Begrüßung der Brüder ist keineswegs Fassade. Bei Thonet, dem weltbekannten Stuhlhersteller aus Frankenberg an der Eder, ist die Familie fester Bestandteil der Marke. Statt Shareholder-Value zählt das Familienerbe; statt auf fremde Manager setzen die Thonets ausschließlich auf die eigene Führungskraft. "Unsere Kunden zeigen sich davon meist freudig überrascht", erzählt Peter Thonet. "Sie können sich mit unserem Familienbetrieb identifizieren."

Für viele dieser Kunden ist Thonet der Inbegriff für einfaches und zugleich exklusives Stuhldesign, und mancher ist sogar geneigt, den Familiennamen mit französischem Klang auszusprechen, obwohl Thonet ein deutsches Unternehmen ist und man es einfach so ausspricht, wie es geschrieben wird.

Ein guter Name allein nützt heute jedoch wenig, das spürt auch Thonet: In Zeiten, in denen sich Firmen und Privatleuten vornehm zurückhalten, wird auch der Verkauf von schnörkellosen, lang haltbaren und teuren Designstühlen zum schwierigen Geschäft. "Im vorigen Jahr haben wir bestenfalls Stagnation verspürt", sagt Geschäftsführer Claus Thonet.

In dem umkämpften Möbelmarkt hilft nur eins: mit Neuheiten der Konkurrenz zuvorkommen. Das versucht Thonet mit jährlich fünf bis sechs neuen Modellen für Konferenzräume und Esszimmer gutbetuchter Zeitgenossen. Wie einst mit Bauhausdesignern arbeitet Thonet heute ebenfalls mit bekannten Künstlern zusammen. Selbst Architektenkoryphäe Norman Foster steuerte schon seine Vorstellungen bequemen Sitzens zum Produktprogramm bei.

Dabei sollen die neuen Modelle gar nicht so viel anders aussehen als die traditionellen Stühle mit der gebogenen Rückenlehne und dem freischwingenden Stahlrohr. Denn die Veränderung hat bei Thonet ihre Grenzen - und die gibt selbstverständlich das Familienerbe vor: "Die Linie muss entsprechend unserer Verpflichtung konstant bleiben", so drückt es Peter Thonet aus, fürs Marketing zuständiges Familienmitglied. "Modeerscheinungen machen wir nicht mit."

Die Verpflichtung hat Tischlermeister Michael Thonet seinen Nachfahren mitgegeben, als er 1819 die ersten Stühle baute und sich mit seinen Entwürfen später am kaiserlichen Hof in Wien einen Namen machte: Aus wenigen Teilen wollte er nach einem Baukasten-Prinzip schlichte, hochwertige Möbel herstellen. Das klingt simpel, ist es aber laut Peter Thonet nicht, denn so ein Stuhl sei "voller Leidenschaft" und im Grunde "wahnsinnig kompliziert": Er muss eine einfache Form haben und dennoch stabil und bequem sein, er muss gefallen, darf nicht schnell kaputtgehen und zugleich nicht zu teuer sein.

Was dem Unternehmen Anfang des 20. Jahrhunderts eine lange Blütezeit brachte, ist heute jedoch kein Garant mehr für ungetrübte Geschäftsaussichten. Auf dem kränkelnden deutschen Markt ist selbst mit dem Thonet-Prinzip wenig Wachstum zu erzielen. Im Geschäft mit der Ausrüstung von Firmenkasinos oder Konferenzsälen verdrängen sich die Anbieter gegenseitig, und daher zieht es wie so viele Mittelständler auch Thonet ins Ausland - die Studenten der University of London etwa sitzen bereits auf Thonet- Stühlen, ebenso die Zuhörer im Vortragsraum der Börse Zürich.

Vor allem in Ländern mit aufstrebender Mittel- und Oberschicht will Thonet künftig Stühle verkaufen. Russland oder China zählt Geschäftsführer Claus Thonet dazu. Er will den Jahresumsatz damit über die 20 Mill. Euro-Marke bringen. Der Exportanteil soll über die derzeitige Marke von 28 % klettern.

Für das Unternehmen könnte sich dabei die Geschichte der Marke erneut als wertvoll erweisen: Russland war vor einem Jahrhundert der größte Exportmarkt für Thonet, seine Fabriken waren über ganz Osteuropa verteilt. Jüngst, so erzählt Claus Thonet, hätten Russen verwundert festgestellt, dass Thonet nicht in Russland verkaufe. Der Name sei dort nämlich immer noch ein Begriff - und das trotz fehlender Präsenz.

Das Produkt. Stühle für Stars und Sternchen

Pablo Picasso schaukelte gerne auf Stühlen der Marke Thonet, Marilyn Monroe machte es sich in Drehpausen auf den deutschen Möbeln bequem: Solche Fotodokumente zeugen von der weltweiten Verbreitung der Stühle der Gebrüder Thonet GmbH aus Frankenberg an der Eder.

Die Grundlage für die Marke schuf im Jahr 1836 Tischlermeister Michael Thonet in Boppard: Mit dem Biegen von Holz entwickelte er in dem Jahr eine neue Technik im Stuhlbau. Auf sie wurde der österreichische Staatskanzler Fürst von Metternich im Jahr 1841 beim Besuch im heimatlichen Rheinland aufmerksam. Er holte Thonet nach Wien, wo ihm mit dem "Stuhl Nr. 14" der Durchbruch gelang.

Der Stuhl mit der gebogenen Lehne wurde in Wien zum Klassiker in den entstehenden Kaffeehäusern. Durch den Siegeszug der Cafés sind der Stuhl und seine Kopien noch heute weltweit zu sehen. Die Nachfahren Michael Thonets wandten sich nach 1925 unter dem Einfluss von Bauhaus-Künstlern wie Mies van der Rohe Möbeln aus gebogenem Stahlrohr zu - den so genannten Freischwingern.

Nach dem zweiten Weltkrieg bauten die Thonets am deutschen Standort Frankenberg (Hessen) das Unternehmen wieder auf. Thonet hat heute in der der Bestuhlung von Kongresszentren und Konferenzräumen eine starke Marktposition: So sind etwa die Fraktionsräume des Deutschen Bundestages sowie die Deutsche Botschaft in Peking mit Stühlen des Unternehmens ausgerüstet.

Quelle: Handelsblatt

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