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02.04.2003

06:10 Uhr

Hamburg fühlt sich in Favoritenrolle unwohl

Vorsicht, Lobbyisten

VonErich Ahlers (Handelsblatt)

Warum eigentlich ist Dieter Bohlen aus dem benachbarten Tötensen nicht als Olympia-Botschafter eingespannt? Hoppla, das irritiert Herrn von Livonius. "Diese Frage streichen wir dann mal lieber", sagt der Direktor für Wirtschaftspolitik und Kommunikation beim Otto-Versand. Sein Chef antwortet dennoch. "Herr Bohlen ist sicher so beschäftigt, dass er gar nicht dazu kommen würde, sich auch noch für Olympia einzusetzen", sagt Michael Otto, der Olympia-Beauftragte der Hamburger Wirtschaft.

Werbung für die Olympia-Stadt Hamburg. Foto: dpa

Werbung für die Olympia-Stadt Hamburg. Foto: dpa

HAMBURG. Superstar-Sucher Bohlen fehlt also beim hanseatischen Bemühen, das Ringe-Spektakel in den Norden zu holen. Dafür macht Johannes B. Kerner mit, der fleißig von Plakaten lächelt. Und auch Uwe Seeler, der in einem eigens kreierten Olympia-Comic auftaucht. Nicht zu vergessen Udo Lindenberg, der im Newsletter des Bewerbungskomitees grüßt: "Soviel ich weiß, waren die Olympier bei den alten Griechen vor allem eins: lebenslustig und weintrunken. Insofern habe ich rein gar nichts gegen Olympia in dieser Stadt."

Auch die meisten der NOK-Kommissionsmitglieder, Sportverbandschefs oder Journalisten, die mit der Barkasse "Edwin 2" durchs Hafenbecken geschippert wurden, um sich von den angedachten olympischen Örtlichkeiten ein Bild zu verschaffen, dürften angetan sein von den Olympia-Plänen. Um diese bestmöglich zu verkaufen, hat man ein illustres Team zusammengestellt. Da ist zum Beispiel Kommunikationschef Karl-Heinz Blumenberg. Einer mit praller journalistischer Vergangenheit: Er war bei "Bella", "Mach mal Pause", "Hörzu", "Neue Revue" und "Stern" und sieht ziemlich müde aus. Er raucht Kette, sagt ein wenig zu oft "Scheiße" und ist um keine Antwort verlegen.

Die Düsseldorfer und ihre guten Beziehungen zu den Sportverbänden? "Die haben einige sehr, sehr starke Bataillone." Die Leipziger und der Verweis darauf, wie gut Olympia dem Osten tun würde? "Wollen die Innenpolitik machen? Für das IOC wäre diese Argumentation herzlicher Mumpitz." Und dass Ole von Beust unlängst als einziger Bürgermeister der fünf Bewerberstädte einen Termin beim Bundespräsidenten sausen ließ und stattdessen in Urlaub fuhr? "Wir sind eben das einzige Bundesland, das Skiferien hat."

Gegenentwürfe zum verbal fetzigen Blumenberg sind Michael Otto und Horst Meyer. Der Versandhaus-Boss und der Unternehmensberater, der die Olympia-GmbH führt, formulieren bedächtiger. Meist. Meyer, einst Ruder- Olympiasieger, freut sich nicht zuletzt darüber, dass die Hamburger Wirtschaft mit Otto an der Spitze in die Bewerbungsphase investierte: "Ich hätte gar nicht gedacht, dass wir den Pfeffersäcken so in die Tasche fassen können." Für Nicht-Hamburger: Mit dem Begriff "Pfeffersäcke" meinte man früher die wohlhabende bürgerliche Oberschicht.

Otto gehört dazu. Dass er mitmacht, sei schon wichtig: "Es war hilfreich, dass ich mit gutem Beispiel vorangegangen bin." Zwölf Unternehmen zahlten je 250 000 Euro für die Bewerbung, die von der NOK-Kommission mit Höchstnoten bedacht wurde. Auf dieses Ranking setzt auch Otto: "Wozu hat man die Evaluierung gemacht, wenn sie später keine Bedeutung mehr hat?" Meyer ergänzt: "Kann es sich das NOK erlauben, eine Stadt zu wählen, die den letzten oder vorletzten Platz belegt hat?"

Gleichwohl gibt es durchaus Zweifel, ob diese Theorie eine tragfähige ist. Auch dem Magazin "Spiegel", das sich ebenso wie der "Stern" und andere Hamburger Medien früh zum wackeren Unterstützer hanseatischer Olympia-Ideen aufschwang, schwante Mitte März Böses: "Die Konkurrenten setzen auf einflussreiche Lobbyisten." Die Frage sei erlaubt: Hamburg etwa nicht?

Die Bewerber von der Elbe verfolgen die positive Presse mit sichtlicher Genugtuung. Auch Andreas Koeppen, der Leiter der Projektgruppe Olympia: "Ich weiß nicht, ob überhaupt jemand schlecht über uns geschrieben hat." Was Meyer nicht überrascht: "Kritiker gibt es hier nicht, weil man gegen unser Konzept nichts sagen kann." Schließlich sollen 90 Prozent der olympischen Wettbewerbe im Hafenbereich in einem Umkreis von zehn Kilometern stattfinden, die Gesamtkosten werden auf 3,5 Milliarden Euro taxiert.

Bevor das Geld ausgegeben wird, geht es aber erst einmal ums Herausstellen eigener Vorzüge. Dazu soll auch die Begeisterungsfähigkeit der Hanseaten zählen. "Wenn sich die Hamburger zu etwas bekennen, dann richtig", glaubt Versandhändler Otto. Ein Taxifahrer am Hauptbahnhof mag da nicht zustimmen: "Ich habe eher das Gefühl, dass Olympia die meisten kalt lässt."

Sei?s drum. Michael Otto wird am 12. April, wenn in München über die deutsche Bewerberstadt entschieden wird, so oder so feiern. Er wird 60.

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