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22.06.2000

10:31 Uhr

afp HO-CHI-MINH-STADT. Die ersten Erfahrungen wurden hinter verschlossenen Türen gesammelt. In Vietnam traf sich diese Woche eine Handvoll Händler und Finanzexperten in aller Diskretion, um einen ersten Problelauf der neuen Börse von Ho-Chi-Minh-Stadt zu absolvieren. Dort sollen ab Juli nach mehrjährigen Vorbereitungen Aktien und Obligationen gehandelt werden - ein Novum für das kommunistisch regierte Land. "Es geht noch ziemlich langsam zu auf dem Parkett, wir müssen alle noch lernen", räumt Börsensprecher Vu Tien Dzung ein. Ein erster Testlauf am Montag musste kurzfristig wegen eines Stromausfalls abgesagt werden, am Dienstag konnte dann für zwei Stunden versuchsweise, aber unter realen Bedingungen gehandelt werden. Mit dabei ist die Deutsche Bank, die sich als eines der ganz wenigen Auslandsinstitute zumindest am Rande einbringen will.

Fünf Wertpapierhäuser haben sich laut Dzung eine Lizenz für den Börsenhandel in einem alten französischen Kolonialgebäude am Ufer des Saigon-Flusses gesichert. "Diese Leute müssen erst Erfahrungen sammeln, sie müssen sich mit der Software anfreunden und lernen, wie man Aktienorders eingibt." Ob der bereits mehrfach verschobene Starttermin Juli zu halten ist, lässt der Börsensprecher offen: "Ganz sicher ist das nicht, aber meine persönliche Überzeugung ist, dass wir es rechtzeitig schaffen." Doch auch nach Börsenstart dürfte es keineswegs hektisch, sondern eher überschaubar zugehen: Nur zwei Unternehmen wollen sich vom Start weg an der Börse notieren lassen, der Rest des Handels dürfte sich auf Staatsanleihen konzentrieren.

Ausländische Firmen halten sich bislang auffallend zurück. Für sie hat die Börse, die Anfang der 90-er Jahre erstmals angekündigt wurde, eher symbolischen Wert als wirtschaftliche Substanz. "Die Börse ist natürlich eine positive Botschaft an alle ausländischen Investoren", sagt ein westlicher Banker, der lieber ungenannt bleiben möchte, "aber in der Praxis gibt es einen Berg von Restriktionen, die Investoren abschrecken werden." So dürfen Ausländer im ehemaligen Saigon ausschließlich über einen staatlich bestellten Broker spekulieren. Außerdem darf der Auslandsanteil einer börsennotierten vietnamesischen Firma keinesfalls 20 Prozent übersteigen, dann ist Schluss mit dem Aktienerwerb.

Die Regierung habe die Idee einer Börse anfangs engagiert verfolgt, die Begeisterung sei inzwischen aber Skepsis gewichen, schildern westliche Beobachter ihre Eindrücke. Die kommunistische Führung ziehe jetzt offenkundig andere, kontrolliertere Wege vor, um ausländisches Kapital in das südostasiatische Land zu holen.

Die vielen Erschwernisse bremsen auch den Elan der Deutschen Bank und der in Hongkong und London ansässigen Großbank HSBC. Beide haben als einzige ausländische Institute Lizenzen für die Wertpapierverwaltung - also die technische Abwicklung von Wertpapiergeschäften wie etwa Umbuchungen in Aktiendepots - beantragt. Den Aktienhandel wollen sie vorerst anderen überlassen. HSBC-Sprecher Johan Nyvene ist dennoch zuversichtlich: "Irgendwann werden wir sicher dankbar sein, dass wir von Anfang an dabei waren.

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