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29.10.2013

06:00 Uhr

90 Jahre Radio

Wie das „Nebenbei-Medium“ sich behauptet

Über neun Jahrzehnte hinweg hat das deutsche Radio seinen Status als Massenmedium behauptet. Dabei begann der Hörfunk holprig.

Ein altes Transistorradio: Das Internet hat das Medium verändert. Reuters

Ein altes Transistorradio: Das Internet hat das Medium verändert.

BerlinAm 29. Oktober 1923 wurde Geschichte geschrieben: Vor 90 Jahren wurde die erste offizielle Radiosendung in Deutschland vom Berliner Vox-Haus aus gesendet. Nach einem schwierigen Start während der Inflation in der Weimarer Republik benutzte die NSDAP das neue Massenmedium für ihre Propaganda. Wie wichtig das Radio zukünftig bleibt und auf welche Weise das Internet das Medium heute schon verändert, erklärt Medienwissenschaftler Wolfgang Mühl-Benninghaus von der Humboldt-Universität Berlin im Interview.

Wie reagierten die Zeitgenossen vor 90 Jahren auf das neue Medium?
Antwort: Die Kosten für die ersten Rundfunkgeräte und auch die Gebühren waren sehr hoch. Das konnte sich kaum jemand leisten. Die Angst, dass der Rundfunk in falsche Hände geraten und es Anti-Staatspropaganda geben könnte, war dabei bis zum Ende der Weimarer Republik immer gegenwärtig. Man ging von einem beeinflussbaren Publikum aus, so dass man glaubte, über das Radio wieder eine Revolution auslösen zu können. Die frühen Inhalte der Sendungen orientierten sich vor allem an der sogenannten Hochkultur, während massenattraktive Programme die Ausnahme bildeten.

Wie kam es dann zum Durchbruch?
Die Geräte waren ja so teuer, weil Hersteller Telefunken ein wichtiges Patent hielt und dementsprechend einen Aufschlag forderte. 1932, als das Patent dann ausgelaufen war, gab es dann die ersten Überlegungen für einen Volksempfänger, der dann ja auch relativ kurz nach dem Antritt der Nazis produziert worden ist, und einen großen Teil der Bevölkerung vor das Radio geholt hat.

Wie wird der Hörfunk heute genutzt?
Radio ist ein „Nebenbei-Medium“. Das heißt, man wird geweckt mit dem Radio, man steht auf und rasiert sich mit dem Radio, frühstückt mit den Kindern und nebenbei läuft das Radio. Im Auto läuft es auch. In den Morgenstunden wird Hörfunk heute am häufigsten gehört.

Das Internet bildet eine starke Konkurrenz für den Print-Journalismus. Hilft oder schadet das Netz dem Radio?
Die Bindung des Hörers an das Radio wird durch das Internet gestärkt. Beliebte Moderatoren werden auf den Seiten der Sender vorgestellt und unterschiedlichste Aktionen durchgeführt - auch im direkten Bezug zu den gehörten Sendungen. Wir haben vor allem nach 2000 eine ganz enge Verbindung zwischen Internet und den Radiostationen. Radio ist eben nicht mehr nur der klassische UKW-Empfänger, wie wir ihn bis in die 90er-Jahre kannten. Heute ist es ein Medium, dass auf den unterschiedlichsten Plattformen abrufbar ist.

Ist die Zukunft nicht aber auch durch Musikstreaming-Angebote wie Spotify oder Napster gefährdet, bei denen Nutzer zeitlich unabhängig hören, was sie wollen?
Das ist völlig richtig, aber Spotify setzt voraus, dass Sie genau wissen, was Sie jetzt hören wollen. Im Radio bekommen Sie, ohne dass Sie irgendetwas tun müssen, die Musikrichtung, für die sie sich erwärmen können. Und das was Spotify eben nicht bringt, sind Servicedienste wie Nachrichten. Insofern glaube ich, dass das Radio mit diesem Mix an Wort- und Musikunterhaltung und an Serviceprodukten wichtig bleiben wird.

Von

dpa

Kommentare (1)

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29.10.2013, 09:58 Uhr

Für die damalige Attraktivität des Mediums Rundfunk spricht, dass es trotz aller staatlichen Obstruktion auch in Deutschland zu einem Erfolg wurde. Schließlich galt in Deutschland das aus dem Jahrhunderte alten Postmonopol abgeleitete Fernmeldemonopol, das selbst den Besitz eines Detektorempfängers unter Strafe stellte. 1923 durfte man dann endlich diese Empfangserlaubnis teuer kaufen.

Als "Nebenbeimedium" sollte man Radio nicht abtun: Wer aktuelle und gleichzeitig tiefgehende Informationen haben will, ist beim Radio deutlich besser aufgehoben als beim Fernsehen. Da ist beispielsweise die Kombination aus Bayern 2, Deutschlandfunk und BBC World Service kaum zu toppen. Allerdings kommt man hier zulande an die BBC nur noch per Internet ran.

Ein Aspekt des Radios wird zumindest in Nord- und Mitteleuropa gerade systematisch kaputt gemacht: Der länderübergreifende Aspekt. Auf Kurzwelle gibt es deutschsprachige Programme aus China oder Thailand, aber nicht mehr aus Deutschland.

Auf Mittelwelle ist Deutsch kaum noch zu hören. Das werden wir noch einmal bitter bereuen, wenn uns eine größere Naturkatastrophe heimsucht: UKW-Sender haben bestenfalls eine Reichweite von 100 km. DAB+ arbeitet mit Funkzellen, die 30 km Radius haben.

Falls mal in ganz Bayern der Strom ausfällt, können vielleicht noch ein paar Funkamateure kommunizieren. Sonst wird es nur noch einige wenige Inseln geben, denn längst nicht jeder Senderstandort verfügt über Notstromdiesel wie beispielsweise der Olympiaturm in München. Nur über die Mittelwelle könnte dann die Bevölkerung dann noch flächendeckend erreicht werden.

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