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11.03.2014

09:32 Uhr

Auszeichnung für Therapie

Breitseite gegen Krebs und Infektionen

VonSascha Karberg

Jeden Tag besiegt das Immunsystem Krebs. Aber bei den jährlich 400.000 Krebspatienten in Deutschland hat die Körperabwehr den Feind aus den Augen verloren. Krebs-Impfungen sollen Immunzellen wieder auf Kurs bringen.

Eine Impfung soll das menschliche Immunsystem wieder flott im Kampf gegen Krebs und Infektionen machen . Imago

Eine Impfung soll das menschliche Immunsystem wieder flott im Kampf gegen Krebs und Infektionen machen .

Zwischen Bornholm und Rügen, irgendwo auf der Ostsee bei Windstärke sieben, wäre im Mai 1998 beinahe die Hoffnung auf eine neue Krebstherapie versunken. Gemeinsam mit ein paar Forscherkollegen war Ingmar Hoerr, Doktorand an der Universität Tübingen und frischgebackener Skipper, zu einem Symposium der anderen Art aufgebrochen – einem Segeltörn, auf dem neben Halsen und Kehren über „Anwendbare Wissenschaft“ diskutiert werden sollte.

Tagsüber trotzten die süddeutschen Landratten dem schlechten Wetter und hielten abends seekrank Vorträge über Unternehmensgründung. „Es war eine „Alle-in-einem-Boot“-Extremsituation“, sagt Hoerr und gibt zu: „Wir wären fast abgesoffen.“ Ideal also, um zu testen, mit wem man zukünftig so ein waghalsiges Unternehmen wie eine Biotech-Firma starten könnte, die oft mit Gegenwind kämpfen und nicht selten auch mal untergehen.

Arbeiten nach dem Krebs: Zurück im Bürosessel

Arbeiten nach dem Krebs

Zurück im Bürosessel

Wer wieder gesund wird, muss plötzlich auch wieder in der Arbeitswelt klar kommen.

Unerschrocken gründet Hoerr nach dem Törn auf Tübinger Festland die Biotech-Firma CureVac, die eine neuartige Impfung gegen Krebs und Infektionskrankheiten entwickelt. Jetzt wird seine Mannschaft von der Europäischen Kommission mit dem „Impfstoff-Preis“ ausgezeichnet – zwei Millionen Euro für eine Therapie, mit der das Immunsystem des Menschen gegen Viren und Bakterien aber auch gegen Krebs flott gemacht werden kann.

Krebsimpfung – Signalflagge fürs Immunsystem

Die Idee der Krebsimpfung ist, dem Immunsystem wieder beizubringen, wie es Krebszellen von gesunden Zellen unterscheiden und bekämpfen kann. Normalerweise schafft die Körperabwehr das mühelos, doch wenn Krebs entsteht, scheint diese Fähigkeit verloren zu gehen. Seit über zwanzig Jahren versuchen Forscher schon, dem Immunsystem krebstypische Proteine zu zeigen, so dass es wieder lernt, gegen Krebszellen mit diesen Proteine vorzugehen. Wenn sie also ein krebstypisches Protein spritzen, wirkt es wie eine Piratenflagge auf königliche Kriegsschiffe.

2009 war diese erste therapeutische Krebsimpfung erfolgreich genug, um von den Behörden in den USA zugelassen zu werden: Die Impfung „Provenge“ der Biotech-Firma Dendreon verlängert das Leben von Prostatakrebs-Patienten im Durchschnitt um knapp vier Monate. Kein überwältigender Erfolg, vor allem angesichts des hohen Preises von über 90.000 Dollar pro Jahr. Doch Provenge zeigt, dass das Prinzip der therapeutischen Krebsimpfung funktionieren kann, und sich weitere Forschungen lohnen könnten. Das unterstreicht auch der Wirkstoff Ipilimumab („Vervoy“) der britischen Pharmafirma Bristol-Myers-Squibb. Damit bekommen Ärzte Immunzellen wieder flott, deren Abwehrreaktion gegen den Krebs wie durch Dutzende Anker blockiert war. Vervoy kappt diese Anker und kann damit Erfolge gegen den bislang fast unbehandelbaren schwarzen Hautkrebs erzielen.

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