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16.08.2013

16:38 Uhr

Bad Energy

Der Staat wird zum Ausputzer für Energie

VonHeinz-Jürgen Schürmann

Durch die Stilllegung von Kernkraftwerken und die Privilegien für Ökostrom ist eine Interventionsspirale entstanden. Experte Heinz-Jürgen Schürmann erwartet, dass weitere staatliche Energiepuffer notwendig werden.

Kohlekraftwerk in Hessen: Viele konventionelle Kraftwerke sind unwirtschaftlich geworden. dpa

Kohlekraftwerk in Hessen: Viele konventionelle Kraftwerke sind unwirtschaftlich geworden.

Die Energiewende ist ein Experiment ohne Erfahrungswissen. Noch ist offen, wie teuer die Umstellung der deutschen Stromversorgung auf erneuerbare Energien am Ende volkswirtschaftlich wird. Dass die Verbraucher für ihre Elektrizitätsbezüge wesentlich mehr als früher bezahlen müssen, ist unbestritten. Unklar bleibt hingegen, ob energieintensive Branchen hierzulande dauerhaft überleben können.

Doch noch wesentlich ernster ist die Lage der deutschen Kraftwerksbetreiber bereits jetzt. Nicht nur die vier großen, ehemals vertikal über alle Marktstufen integrierten Energiekonzerne - Eon, RWE, Vattenfall, EnBW - stehen wegen der Risiken mit dem Rücken zur Wand, sondern auch viele Stadtwerke stellen fest, dass ihre Gas- und Kohlekraftwerke unwirtschaftlich geworden sind. Installierte Anlagen werden stillgelegt, neue nicht mehr gebaut.

Angesichts der expandierenden Beiträge durch Photovoltaikanlagen und Windkraftwerke können konventionelle Stromproduktionsstätten immer weniger ausgelastet werden. Nur fällt der Ökostrom unregelmäßig an; es müssen Kohle- und Gaskraftwerke auch längerfristig als Ausgleichspuffer bereitstehen. Hinzu kommt, dass die Infrastruktur der Stromtransporte überhaupt nicht auf die neuen Schwerpunkte der Ökostromerzeugung - Windkraft im Norden, Photovoltaik im Süden Deutschlands - ausgerichtet ist. Und wirtschaftliche Speicherkapazitäten in größerem Umfang existieren bisher nicht.

Vor dem Hintergrund der unwirtschaftlich gewordenen historischen Stromproduktionsstrukturen stellt sich die Gretchenfrage, auf welche Weise in Zukunft genügend Reservekapazitäten an Kohle- und Gaskraftwerken am Netz gehalten werden können. Es spricht einiges dafür, dass weitere staatliche Energiepuffer notwendig sind. Die angeordnete Stilllegung von Kernkraftwerken und die Privilegien für Ökostrom haben auf den Märkten ein Chaos verursacht, das nun eine Interventionsspirale verursacht.

Dem Staat wächst die Aufgabe zu, für die künftig weiter notwendigen Kapazitätsreserven von Kohle- und Gaskraftwerken zu sorgen. Die radikalste Lösung wäre eine Lösung wie im Bankensektor mit der Einrichtung von "bad banks".

Die unwirtschaftlichen Gas- und Kohleanlagen würden dann aus den Unternehmen als "bad energy" ausgegliedert. Im Idealfall könnten diese Teile an der Börse verwertet werden - interessant ist das für hochspekulative Anleger, die auf neue Verknappungen mit Strompreissteigerungen setzen. Oder der Staat übernimmt angesichts der strategischen Bedeutung von Kohle- und Gaskraftwerken für die Sicherheit der Stromversorgung - hier gilt das Kriterium der Systemrelevanz wie im Bankensektor - die "bad energys" gleich selbst. Das wäre zweifellos eine teure Lösung, denn der Staat erweist sich in der Regel als schlechter Unternehmer.

Der Autor ist Herausgeber des Energie-Informationsdienstes.

Kommentare (16)

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vandale

16.08.2013, 18:47 Uhr

Das Hauptproblem besteht darin, dass es sich bei der "Energiewende" um eine religiöse Visison handelt. Die Wirklichkeit wird als Illusionsbremse abgelehnt. Die Medien berichten grösstenteils bewusst fiktiv. So stand vor wenigen Tagen im Handelsblatt, dass die Energiewende die Haushalte aktuell mit 185 €/Jahr belasten würde. Wenn man die 30 Mrd. €/43 Mio. Haushalte dividiert, ergeben sich 700 €/Jahr ohne Gemeinkosten und MwSt.

Da alle ernsthaften Pläne eben mit diesen Illusionen in Konflikt stehen gibt es bis heute keinen Plan für die Energiewende.

Die notwendigen Schritte wie die Schaffung von Kapaztätsmärkten, Subventionierung und Neubau von Speicherkapazitäten, Entschädigung der Eigner der Kernkraftwerke sind ausgeblieben.

Bislang wurden abseits solcher Blogs wie EIKE keine einigermassen realistischen Kostenbetrachtungen der Energiewende veröffentlicht. Und die Autoren die dies auf diesem Blog versucht haben können nur im Nebel bohren, da es keinen Plan für die Energiewende gibt.

Die Energiewende wurde zu grossen Teilen vom BMU begleitet. Das BMU ist weitgehend mit berufsfremden Oekoaktivisten besetzt und sind einer solchen Aufgabe nicht gewachsen.

Vandale

SteuerKlasseEins

16.08.2013, 19:48 Uhr

Die Ideologie der Ökologen hat einen Funken Wahrheit, wenn sie eine "dezentrale" Versorgung anpreist. Nur verstehen sie nicht worum es wirklich geht.

"dezentral" wäre es, wenn man einen freien Markt über alle Aspekte der Stromversorgung bestimmen ließe. Wenn dann ein Unternehmen ein Großkraftwerk baut, weil das effizienter ist, dann ist das kein Widerspruch, denn es gibt dann auch keine zentrale Planwirtschaft, die den Bau des Kraftwerks beschlossen hat. In einem freien Markt halte sich erfahrungsgemäß auch Kartelle nicht sehr lange, bzw. sie sind gezwungen auf Dauer günstige Preise anzubieten.

"zentral" wie kein anderes System ist das was wir jetzt mit der Energiewende sehen: über 50% Staatsanteil am Strompreis, es wird mit zentraler Planwirtschaft beschlossen, welche Kraftwerke stillgelegt werden, welche Subventionen die einen, welche Steuern die anderen erhalten. Es wird der Energieverbrauch des Bürgers bereits heute für das Jahr 2050 "verplant". Der Spielraum dem man dem Markt noch zuläßt ist winzig - die Stromanbieter können nur noch konkurrieren, indem sie ihr Verwaltungspersonal schlechter bezahlen als andere, "echten" Wettbewerb (z.B. Steinkohle gegen Braunkohle, Erdgas gegen Öl, Atomkraft gegen Wasserkraft) gibt es im Strommarkt nicht mehr.

Account gelöscht!

16.08.2013, 21:43 Uhr

Der Artikel beschreibt in sehr plausibler Weise, was diejenigen, die die vier Grundrechenarten beherrschten und im Physikunterricht in der Schule nicht geschlafen hatten, von Anfang an gewusst haben. Die Energiewende fährt vor die Wand, weil sie nicht gelingen kann.

Man kann die Stromversorgung eines Landes nicht durch Zufallskraftwerke (Wind- und Solarkraftwerke) gewährleisten, weil es keine wirtschaftlichen großen Stromspeicher gibt und im Rahmen der heute bekannten auch nicht geben kann. Kein einziger Physiker in der Welt weiß, wie man solche Speicher bauen könnte. Es geht einfach nicht.

Windmühlen und Solarzellen können einfach nicht aus eigener Kraft die im Wechselstromnetz notwendige Frequenzstabilität sichern. Die Frequenzstabilität kann nur durch die großen rotierenden Massen der Synchrongeneratoren in konventionellen Kraftwerken gewährleistet werden. Das ist einfach so.

Schließlich kann niemand die Wahnsinnskosten, die die Energiewende verursacht (siehe Artikel), bezahlen.

Angesichts dieser offenkundigen und unbestreitbaren Tatsachen frage ich: Kann es eigentlich irgendeinen Zweifel daran geben, dass die Energiewende unmittelbar nach der Wahl gestoppt werden wird, egal, wer die Wahl gewinnt?

Was nicht geht, geht nicht. Die geballte, in kollektivem Wahnsinn gefangene energiepolitische Dummheit unserer Politiker wird an der Realität zerschellen. Es geht einfach nicht anders. Auch die ökoreligiösen Spinnereien unserer Politiker und der sie unterstützenden Journalisten werden und können keinen Bestand haben.

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