Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

18.10.2013

12:02 Uhr

China

Massiver Ausbau der Atomkraft besorgt Experten

VonFinn Mayer-Kuckuk

China setzt auf den massiven Ausbau der Atomkraft. Doch mit der steigenden Zahl neuer Meiler werden auch die Zweifel an der Sicherheit der Anlagen größer. Nuklearexperten beklagen ein erhöhtes Unfallrisiko.

Arbeiter vor einer Atomanlage in Qinshan, China: Das Reich der Mitte setzt verstärkt auf Kernkraft. Reuters

Arbeiter vor einer Atomanlage in Qinshan, China: Das Reich der Mitte setzt verstärkt auf Kernkraft.

PekingEin durchschnittlicher Tag in Peking liefert viele gute Argumente für die Kernenergie. Der Smog, der Chinas Hauptstadt einhüllt, kommt zum größeren Teil von den Kohlekraftwerken der Nachbarprovinzen. Der Strombedarf des Landes steigt unterdessen weiter steil an. China baut daher ein Kernkraftwerk nach dem anderen. Derzeit befinden sich 27 Reaktoren im Bau. Bis 2020 soll die Zahl der Kraftwerke von derzeit 15 auf 71 steigen.

Nahm die Öffentlichkeit den Ausbau bislang klaglos hin, mehren sich zumindest bei Fachleuten die Zweifel an deren Sicherheit. Erstmals hat nun ein Vertreter der Nuklearindustrie öffentlich Bedenken geäußert. „Die ausführenden Baufirmen haben oft nicht immer das gleiche Qualitätsverständnis wie die Regierung und die Ingenieure“, sagte Li Yulun, ein ehemaliger Vizechef des Atomkonglomerats China National Nuclear Corporation (CNNC), bei einem Branchentreffen in Macao.

Die Kritik Lis bezieht sich auf die Arbeit von Baufirmen, die die Anlagen im Auftrag der Betreiber errichten. Pfusch ist in China weitverbreitet - warum sollten Kraftwerke da eine Ausnahme sein? Zwar haben sich die Planer in Peking nach der Katastrophe im japanischen Fukushima entschieden, nur modernste Baupläne zu akzeptieren, die internationale Anbieter wie Areva aus Frankreich oder die japanische Toshiba-Westinghouse anbieten können. Und auch eigene Hersteller sind angewiesen, deutlich höhere Standards einzuhalten als bisher üblich. Doch Branchenveteran Li fürchtet sicherheitsrelevante Mängel vor allem bei der Umsetzung.

Schrumpfende Vorräte: Wie lange reicht die Weltölreserve noch?

Schrumpfende Vorräte

Wie lange reicht die Weltölreserve noch?

Alle reden vom Ende des Ölzeitalters – doch ein Detail wird dabei oft übersehen.

Konkret konzentriert sich das öffentliche Interesse derzeit auf ein Leuchtturmprojekt: den Bau des ersten Reaktors vom Typ AP1000 durch Westinghouse bei der westchinesischen Stadt Sanmen. Der AP1000 ist ein Flaggschiff-Modell von Westinghouse. Die hier verwendeten Reaktoren der dritten Generation sollen stärker, wartungsärmer und deutlich sicherer sein als alles, was sonst auf dem Markt ist. Es handelt sich aber auch um eine Weiterentwicklung, die bisher nur wenig erprobt ist.

Nuklearexperte Li fordert nun vor allem, dass Westinghouse und CNNC offenlegen, welche Firma an dem Projekt was und wie baut. „Die Führung in Peking legt großen Wert auf höchste Sicherheitsanforderungen“, sagt Li. Nun sei es Zeit, entsprechend transparenter zu werden. Seine Sorge speist sich auch aus Alltagserfahrungen. Chinesische Baufirmen knapsen immer wieder bei der Qualität, um den Profit hochzutreiben - und das ist zahlreichen Neubauten im Lande anzumerken, die oft wenige Monate nach der Fertigstellung schon bröckeln.

Verdächtig war bisher jedenfalls, wie wenig von langen Verzögerungen und von Beanstandungen bei den Projekten zu hören war. Während Areva beim Bau eines Reaktors vom Typ EPR im finnischen Olkiluoto endlos nachbessern musste (der Abgabetermin hat sich von 2011 auf 2016 verschoben), konnte der Hersteller ein Schwesterprojekt im südchinesischen Taishan glatt durchziehen. Obwohl die Errichtung drei Jahre nach dem Projekt in Finnland begann, soll die Anlage bereits 2014 Energie erzeugen.

Kritiker sehen in dem raschen Hinklotzen so vieler Meiler ein steil steigendes Risiko für einen Unfall. Der Theorie-Physiker He Zuoxiu beispielsweise hält beim derzeitigen Ausbautempo einen schweren Atomunfall bis 2030 für sehr wahrscheinlich. He hat in den 60er-Jahren an der Entwicklung von Chinas erster Atombombe mitgearbeitet. Heute hält er schon die chinesische Grundeinstellung zur Kernkraft für gefährlich: China wolle überall zur Nummer eins aufsteigen und baue daher nun auch mehr Kernkraftwerke als andere Länder. Diese Mentalität des „großen Sprungs nach vorn“ sei typisch für sozialistische Länder - und führe leicht zu einer Überstreckung der technischen Möglichkeiten.

Kommentare (10)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

HofmannM

18.10.2013, 12:39 Uhr

Welche Experten?! Die von Greenpeace oder die von der ökosozialistischen Medien-Politik aus Deutschland?!
Die Kernkraftwerke sind und bleiben die sicherste und billigste Art Strom zuverlässig für das Wohl einer energieintensiven industirebasiernenden Wohlstandsgesellschaft zu erzeugen! Und das auf tausende von Jahren!
Nur diese angstschreibende Ökosozialisten der deutschen Medienvertreter erzählen weiter hin das Märchen von der "Bösen Kernkraft"! Weltweit ist die Kernkraft gefragt und verbreitet weder Schrecken noch Tod! Im Gegenteil! Die Kernkraft schafft Wohlstand durch zuverlässige und billige Energieerzeugung/Versorgung!
ZUM WOHLE DER MENSCHEN!

norbert

18.10.2013, 12:44 Uhr

Jeder soll seine Fehler alleine machen.
Kernkraftverfechter kann man nicht überzeugen.

Account gelöscht!

18.10.2013, 13:35 Uhr

Liebe AKGs (Atomkraftgegner), da staunt Ihr, oder? "Bis 2020 soll die Zahl der Kraftwerke von derzeit 15 auf 71 steigen." Wo bleibt Euer Kampf dagegen??

"Verdächtig war bisher jedenfalls, wie wenig von langen Verzögerungen und von Beanstandungen bei den Projekten zu hören war."
Da staunt Ihr schon wieder oder? Die Chinesen reden nicht nur, sondern bringen Projekte zu Ende. Das schaffen wir Deutschen momentan nicht (Flughafen Berlin ist nur ein Beipiel). Und wenn die anderen uns abhängen, bleibt uns nur zu sagen: "Das ist verdächtig."

Wir müssen endlich unsere peinliche Technologie-Angst ablegen und wieder anpacken! Momentan haben wir noch das Glück, dass die Chinesen unsere Maschinen etc. kaufen, was uns z.Z. gut durch die Krise bringt. Aber wir müssen unseren Vorsprung aktiv verteidigen und nicht dauernd sagen "Das ist mir aber zu gefährlich."

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×