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01.09.2014

09:59 Uhr

EEG-Novelle

Stadtwerke setzen auf Energiewende

Deutschlands Stadtwerke nehmen Milliarden für die Energiewende in die Hand. Die EEG-Novelle hat dem Markt Sicherheit gegeben: Auch mit den aktuellen EEG-Sätzen lässt sich vor allem mit Windanlagen Geld verdienen.

Windkraftanlagen in Bayern: Süddeutsche Stadtwerke investieren auch in Norddeutschland. obs

Windkraftanlagen in Bayern: Süddeutsche Stadtwerke investieren auch in Norddeutschland.

Aachen/MünchenBei Deutschlands größtem Stadtwerkeverbund Trianel in Aachen geht seit Anfang Juni auch mitten in der Nacht das Licht nicht mehr aus. Die vor kurzem bezogene Firmenzentrale hat jetzt einen Stromhandelsraum, in dem sieben Tage die Woche rund um die Uhr Kontrakte abgeschlossen werden. „Lamentieren über die Probleme hilft nicht, wir müssen die Chancen der Energiewende aufgreifen“, sagt Trianel-Chef Sven Becker.

Um die Erneuerbaren in den Strommarkt zu integrieren, hat Trianel den Kurzfrist-Börsenhandel mit den stark schwankenden Wind- und Sonnenstrommengen deutlich ausgebaut. Das Unternehmen sieht neue Chancen in der Betreuung der dezentralen Stromerzeuger, die ihren Strom nach dem Anfang August in Kraft getretenen EEG-Gesetz zunehmend nicht nur einspeisen, sondern am Markt verkaufen müssen.

Trianel will in den nächsten Jahren drei Milliarden Euro investieren – unter anderem für neue Wind- oder Wasserkraftwerke – und das trotz der branchenweiten Krise und abgestürzten Gewinne in der Stromerzeugung mit Gas und Kohle. Mut in schwierigen Zeiten zeigen auch sieben Ruhrgebiets-Stadtwerke: Sie gaben am Freitag den Kauf der zweiten Hälfte des Kohle-Verstromers Steag bekannt und wollen künftig vor allem in Erneuerbare Energien investieren.

Die EEG-Novelle war „ein Startschuss für neue Investitionen in erneuerbare Energien, denn jetzt herrscht Rechtssicherheit“, sagt der Hauptgeschäftsführer des Verbandes kommunaler Unternehmen (VKU), Hans-Joachim Reck. Die Erträge für Wind- und Sonnenstrom wurden zwar reduziert, es gibt Einschnitte etwa bei der EEG-Befreiung des Eigenstroms, aber „Investitionen in Erneuerbare sind – trotz insgesamt leicht reduzierter Vergütungen – immer noch relativ risikolos“, sagt Reck.

Münchens Stadtwerke investieren im Norden

Das sieht auch der Chef der Stadtwerke München (SWM) so. „Mit dem neuen EEG gibt es in Deutschland wieder verlässliche Rahmenbedingungen für Investitionen in Erneuerbare Energien. Dies greifen wir sehr gerne und sofort auf“, sagte Florian Bieberbach, als die SWM jüngst eine weitere Investitionen in einen Windpark auf hoher See bekanntgaben.

Haben Sie schon einmal den Stromanbieter gewechselt?

Die Bayern haben sich ehrgeizige Ziele gesetzt. „Bis 2025 wollen die SWM so viel Ökostrom in eigenen Anlagen produzieren, wie ganz München verbraucht“, heißt es bei dem kommunalen Unternehmen. Klappt das, kommen pro Jahr rund 7,5 Milliarden Kilowattstunden zusammen – das ist mit Anlagen in München oder der Region allein nicht zu schaffen. Bis 2025 wollen die SWM rund 9 Milliarden Euro investieren, daheim, aber auch in ganz Deutschland und etlichen europäischen Ländern.

Zusammen mit Vattenfall geben die Münchner rund 1,2 Milliarden Euro für den Windpark „Sandbank“ vor der Küste Schleswig-Holsteins aus. Auch an den Offshore-Windparks Dan Tysk, Gwynt y Môr und Global Tech I beteiligen sich die Bayern, dazu kommen Windparks an Land, etwa in Polen, Schweden oder Frankreich, aber auch das Solarthermie Großkraftwerk Andasol 3 in Spanien.

Windstrom weiterhin lukrativ

Doch Impulse setzt die EEG-Novelle nicht nur mit der Fortschreibung der Förderungen, sondern mit der Pflicht zur Direktvermarktung des Stroms an der Börse für viele neue Anlagenbetreiber. Hier liegen Chancen vor allem für die Stadtwerke, weil die nah an den kleinen Erzeugern sind, ist Trianel-Chef Becker überzeugt.

Denn die Unternehmen brauchen bei dem komplizierten Geschäft Hilfe. Trianel hat sein Direktvermarktungs-Portfolio in kurzer Zeit schon auf 3000 Megawatt ausgebaut – das entspricht der Leistung von zwei Atomkraftwerken.

„Die Novelle mit der Pflicht zur Direktvermarktung vergrößert den schon bestehenden Markt“, sagt auch VKU-Chef Reck. „In diesem Bereich kann man auch verdienen; sonst würden nicht so viele Unternehmen auf den Markt drängen.“

Paradoxien der Energiewende

Ökostrom-Umlage

Sie wurde vollgepackt mit immer weiteren Industrierabatten - die Bürger müssen dies über ihren Strompreis schultern. Sie steigt 2014 auf bis zu 6,5 Cent je Kilowattstunde, obwohl laut des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien 2,6 Prozent weniger Wind- und Solarstrom produziert wurden. Der Zubau neuer Anlagen macht nur 0,2 bis 0,3 Cent des Anstiegs um bis zu 1,2 Cent aus. Hauptgrund sind die massiv gefallenen Börsenstrompreise – sinkt der Verkaufserlös für Ökostrom, wächst die Differenz zu den festgelegten Vergütungssätzen für den Grünstrom.

Stromversorger

Sie profitieren von niedrigen Einkaufspreisen, während die Versorger durch diverse Energiewende-Umlagen immer mehr bezahlen, auch die Netzentgelte steigen. Das Beratungsunternehmen Energy Brainpool hat für die Grünen-Fraktion errechnet, dass sich für 2014 eine mögliche Senkung der Beschaffungskosten zwischen 0,57 und 1,97 Cent je Kilowattstunde abzeichnet. Damit könnte womöglich der gesamte Anstieg der Ökostrom-Umlage kompensiert werden, wenn die Versorger diese Ersparnisse im Stromeinkauf weitergeben würden.

Klimaschutz ade?

Gaskraftwerke stehen still und sollen vom Netz genommen werden. Alte, klimaschädliche Braunkohlekraftwerke laufen hingegen oft durch, da der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte extrem niedrig ist. Trotz immer mehr Ökostrom sind daher im vergangenen Jahr die CO2-Emissionen in Deutschland um 2,2 Prozent gestiegen. Ohne Reformen – etwa einer Verteuerung der CO2-Ausstoßrechte – könnte der Kohleanteil weiter steigen und diese Kraftwerke den Atomausstieg kompensieren. Eigentlich sollen dies CO2-ärmere Gaskraftwerke tun.

Kraftwerks-Probleme

Insgesamt funktioniert der Strommarkt bei 25 Prozent massiv gefördertem Ökostrom nicht mehr richtig. Soll es Sonderprämien dafür geben, dass Kraftwerke, die sich nicht mehr rechnen, am Netz gehalten werden? Denn gerade im Winter wird deren Leistung gebraucht. Doch ein solches System – für das hochmoderne Gaskraftwerk Irsching in Bayern wurde das bereits eingeführt – würde die Strompreise noch weiter steigen lassen. Daher muss eine Reform der Ökoenergie-Förderung zusammen mit einer Strommarktreform angegangen werden. Einzige Gewissheit: Es wird nicht billig.

Verheddert im Interessendickicht

Jeder will etwas anderes. Die Länder im Norden und Osten wollen die Windkraft massiv ausbauen, Bayern träumt von einer weitgehenden Energieautarkie. Auch die Parteien haben unterschiedliche Ansätze, zudem kämpfen die großen Versorger gegen immer mehr dezentrale Akteure. Ein gemeinsamer Konsens ist bisher nicht in Sicht. Das macht Reformen so schwer. Gerade das Kostenproblem droht die Akzeptanz der Energiewende zu gefährden – über die mittelfristigen Vorteile redet kaum noch jemand.

Trianel plant bis 2019 die zweite Ausbaustufe des Windparks Borkum in der Nordsee mit rund 800 Millionen Euro Kosten – trotz mancher schmerzhaften Erfahrung der Vergangenheit. Der Anschluss der ersten Stufe hatte sich um rund zwei Jahre verzögert. Daneben sind vor allem Millioneninvestitionen in neue Windräder im Landesinneren geplant.

„Weit mehr als 100 Stadtwerke sind in Windprojekten engagiert. Das Interesse ist riesig“, sagt Eckhard Kuhnhenne-Krausmann, Partner bei der Unternehmensberatung Enervis, die viele Stadtwerke berät. Schließlich lässt bei einem aktuellen EEG-Vergütungssatz von 8,9 Cent pro Kilowattstunde mit Windstrom weiterhin Geld verdienen – der Börsenstrompreis liegt bei etwa 4 Cent oder für viele Future-Kontrakte noch darunter.

Von

dpa

Kommentare (9)

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Herr Erich Görgens

01.09.2014, 10:43 Uhr

Wann wird auch dieses Strohfeuer wieder erlöschen (wie die Solarprojekte) damit und unsere Investoren und Politiker endlich aufwecken...? Sie stecken Milliarden € in einen Markt, der schon jetzt in den letzten Zügen liegt. Der Wettbewerb von außen rüstet erfolgreich auf, Gegner und Geschädigte leisten immer mehr Widerstand und der technische Fortschritt hat bereits eine Wende in Vorbereitung. In Kürze werden die Unbelehrbaren sich von alldem überrascht zeigen und vergeblich um Verständnis ringen. Das passiert so, wo die Zeichen der Zeit aus Arroganz, missachtet werden.

Unbegründete Kritik...? Nein, Ursache unserer Umwelt- und Energieprobleme ist zweifelsfrei die Nutzung kinetischer Energie. Die Lösung wäre ebenso klar deren Ersatz durch potenzielle Energie. Aufzüge mit Gegengewicht sparen im Idealfall 100% umweltschädigende, kinetische Energie durch den Einsatz völlig umweltfreundlicher, potenzieller Energie. Millionenfach in täglichem Einsatz, zeigen diese real existierende Maschinen "was Stand von Wissenschaft und Technik" ist. Aber Wissenschaftler und Techniker wollen diese Erkenntnis mit dem Energieerhaltungssatz oder dem Perpetuum mobile in Frage stellen. Was ist das für eine verkehrte Welt die so agieren darf...?

Account gelöscht!

01.09.2014, 15:03 Uhr

Die Stadtwerke setzen schon lange auf die sog. Erneuerbaren Energien und fahren seitdem Verluste ein. Die Stadtwerke verbrennen das Geld in der EE-Welt und gehen dabei pleite. Energiewende/EEG = Armut und Mangel!

Herr Hans Maiser

01.09.2014, 16:13 Uhr

Journalisten führen regelmäßig so genannte Gespräche „unter drei“. Der Code bedeutet: Was Politiker oder Chefs von Unternehmen und Organisationen dort sagen, darf nicht zitiert werden, auch nicht camoufliert. Also nicht einmal in der Form: „sagte ein Mitglied des Bundeskabinetts“. Wozu finden solche Gespräche dann überhaupt statt? Weil Amtsträger auch gern einmal aussprechen, was sie wirklich denken, was sie wiederum nur in einer geschützten Atmosphäre tun können, eben unter drei beziehungsweise unter vier Augen.Die interessantesten, saftigsten und überraschendsten Äußerungen unter drei, die ich in den letzten zwei Jahren zu hören bekam, betrafen ausnahmslos die Energiewende.
1. Ein Vorsitzender einer großen, einflussreichen Organisation, der öfters sowohl mit Angela Merkel als auch mit Sigmar Gabriel und etlichen Abgeordneten spricht: „Die Parteien in Berlin unterscheiden sich bei der Energiewende nur durch die Grade ihres Irrsinns.“

2. Ein Unionspolitiker, der einmal zu den Wichtigen in der Partei gehörte: „Ich habe mit Angela Merkel oft über die Energiewende gestritten. Sie ist da stur bis zum ideologischen Starrsinn.“

3. Ein führender Unionspolitiker: „Mit der Energiewende ist es wie mit einem Fuhrwerk, das in eine Sackgasse fährt. Da braucht man nicht hinterherzulaufen, denn das kommt genau dort wieder heraus, wo es eingebogen ist. Von Unterhaltungswert ist nur das Wendemanöver.“

4. Ein Politiker, der sich mit Angela Merkels duzt: „Haben Sie einen Ofen? Ich meine, einen Ofen, in den Sie richtig Holz verbrennen können? Nein? Ich habe einen Ofen, ein Grundstück, und Holzvorräte. Mir würde ein Blackout nichts ausmachen.“

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