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30.12.2014

11:27 Uhr

Elektroautos

Ohne Emotion geht es nicht

VonChristian Schnell

Dass Elektroautos in Deutschland nicht gut ankommen, braucht niemanden wundern. Sie lösen weder die Glücksgefühle aus, die der Kauf eines „dicken“ Autos verspricht, noch sind sie für kleines Geld zu haben.

Grün aber ungeliebt: E-Autos müssen raus aus der reinen Vernunftschiene. dpa

Grün aber ungeliebt: E-Autos müssen raus aus der reinen Vernunftschiene.

Zwei Zahlen stehen zum Jahresende für Wunsch und Wirklichkeit in der deutschen Automobilwelt: 15.000 Deutsche haben in diesem Jahr ein Elektroauto gekauft, 540.000 dagegen einen sportlichen Geländewagen, neudeutsch SUV. Deren Marktanteil liegt nun bei knapp 18 Prozent. Neuer Rekord. In vielen anderen Ländern ist das Verhältnis ähnlich. Ebenso wie die bescheidene Nachfrage nach E-Autos.

An mangelnder politischer Unterstützung kann es nicht liegen, dass Elektrofahrzeuge noch immer eine eher überschaubare Fangemeinde haben. Die Kanzlerin steht dahinter, seit 2010 schon gibt es die Nationale Plattform Elektromobilität als Beratungsgremium der Bundesregierung. Und die Zahl der öffentlichen Stromtankstellen steigt zumindest in den Großstädten so, dass sie mittlerweile wenigstens von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Selbst die Industrie bedient das Thema mit einer durchaus beachtlichen Auswahl. 17 Modelle mit Elektroantrieb sind inzwischen auf dem Markt, zwölf weitere sollen im kommenden Jahr dazukommen. Auswahl ist also vorhanden.

Wäre da nicht nur ein Thema, für das der Elektroantrieb nun überhaupt nicht steht. Und das gerade beim Autokauf für die Masse noch immer eine besondere Rolle spielt: Emotion. Die Elektrischen lösen bei den Kunden einfach zu wenig Gefühl aus. Sie stehen für Vernunft, die Zukunft und das grüne Gewissen. Drei Punkte, mit denen SUVs tendenziell nicht in Verbindung gebracht werden. Und doch wird deren Anteil im Straßenbild auch in den kommenden Jahren weiter steigen. Hier treibt die Industrie mit einer Vielzahl von neuen SUV-Modellen, um Umsatz zu machen und keine Marktanteile zu verlieren. So ist es eben, wenn eine Mode zur Massenmode wird.

Vom Oberklasse- zum Massenphänomen

Die unterschiedliche Entwicklung der auf den ersten Blick so wenig vergleichbaren Elektro- und Geländeautos hat neben den Emotionen einen weiteren Aspekt: Das Preis-Leistungs-Verhältnis bei SUVs ist mittlerweile so, dass der Kunde für relativ überschaubares Geld ein großes, auffälliges und dazu noch praktisches Auto bekommt. Bei Elektrofahrzeugen muss er für seine umweltfreundliche Gesinnung indes in der Regel einen spürbaren Aufpreis im Vergleich zum gewöhnlichen Verbrennungsmotor zahlen. Dafür bekommt er dann einen Klein- oder Mittelklassewagen zum Preis, der in die Oberklasse reicht. Wer sich da einen Elektrowagen zulegt, der muss entweder sehr überzeugt oder gut betucht sein. Die breite Masse in der Bevölkerung muss hingegen mit ihrem Einkommen haushalten und versucht deshalb völlig zu Recht, das aus ihrer Sicht Beste daraus zu machen. Also SUV.

Ökologisch korrekt ist das natürlich nicht. Aber das sind die Deutschen trotz ständiger Aufklärung durch die Medien bei anderen Fragen ja auch nicht. Sonst dürften Produkte aus der Massentierhaltung keine Käufer mehr finden, ebenso wie Billigklamotten beim Mode-Discounter oder Reisen zu den Traumstränden dieser Erde, die oft günstiger sind als der gleiche Aufenthalt in guten Hotels an Nord- und Ostsee. Auch hier spielen die anfangs genannten Emotionen eine große Rolle. Urlaub unter Palmen war noch vor zwei Jahrzehnten das Privileg überdurchschnittlich gut verdienender Menschen. Heute tummelt sich an vielen Palmenstränden die Masse.

Das Gefühl des Habenwollens entscheidet

Auch große Geländewagen waren früher der finanziellen Oberklasse vorbehalten. Die ersten SUVs, die gewöhnlichen Allradautos für Wald und Flur zugleich Chic, Komfort und Coolness verliehen, kamen schließlich Ende der neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, unter anderem von BMW und Mercedes. Die Massenhersteller, zuerst die Japaner und Koreaner, kurz danach auch die Europäer, kapierten schnell, dass sich solche Fahrzeuge auch bei ihrer Kundschaft gut verkaufen lassen würden.

Deshalb gilt für die E-Autos, dass sie rausmüssen aus der reinen Vernunftschiene. Wer angesichts der Optik beim Ampelstopp von nebenan eher Mitleid als einen nach oben gestreckten Daumen erwarten kann, der wird beim nächsten Autokauf eher wieder zu Bewährtem greifen. Beispiele, wie es optisch auch anders geht, gibt es zwar mit BMWs Design-Ikone i8. Die liegt aber mit einem Preis von 126.000 Euro meilenweit vom Massenmarkt entfernt.

In einem können die Elektrischen jedoch tatsächlich von den sportlichen Geländewagen lernen: wenn sie es tatsächlich wie die in der zweiten Evolutionsstufe schaffen sollten, beim Kunden vom Massenmarkt ein Gefühl des Habenwollens zu generieren. Dann wären sie einen gewaltigen Schritt weiter. Im Moment sind sie davon indes noch weit entfernt.

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