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11.06.2014

16:13 Uhr

Energieeffizienz

Der ignorierte Hebel

Die Politik scheut vor den vielen notwendigen Einzelmaßnahmen zur Verbesserung der Energieeffizienz zurück. Doch sie muss das Thema endlich angehen. Das Einsparpotenzial in der industriellen Produktion ist enorm.

Die Energiewende kann nur zum Erfolg werden, wenn es gelingt, erneuerbaren Strom zu speichern, so dass er je nach Bedarf abrufbar ist. dpa

Die Energiewende kann nur zum Erfolg werden, wenn es gelingt, erneuerbaren Strom zu speichern, so dass er je nach Bedarf abrufbar ist.

Die Energiewende hat drei Ziele: Klimaschutz - Wirtschaftlichkeit - Versorgungssicherheit. Beim ersten Ziel, dem Klimaschutz, wurde mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien auf 70 Gigawatt (GW) für Wind und Photovoltaik einiges erreicht.

Das ist eine Leistung, die eigentlich an den meisten Tagen zur Versorgung ausreichen würde. Tut sie aber nicht. Weil die Sonne nicht immer scheint und der Wind nicht immer bläst. Also müssen konventionelle Kraftwerke die Lücke schließen. Kritisch war die Situation zum Beispiel am 13. März 2014: Von den 70 GW war an diesem Tag jeweils frühmorgens und abends praktisch nichts verfügbar. Da wir aber 24 Stunden am Tag mit Strom versorgt sein wollen, heißt das, dass wir die gleiche Leistung, wie sie die erneuerbaren Energien bringen könnten, auch aus konventionellen Kraftwerken bereithalten müssen.

Der Autor: Heinz Dürr ist Beiratsvorsitzender des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) und Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Dürr AG. dapd

Der Autor: Heinz Dürr ist Beiratsvorsitzender des Instituts für Energieeffizienz in der Produktion (EEP) und Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Dürr AG.

Diese arbeiten dann auf Teillast äußerst unwirtschaftlich, was zu einer kritischen Lage bei den Stromversorgern geführt hat. Dass jetzt eine Vergütung für eine notwendige Kapazitätsreserve gefordert wird, erscheint logisch. Dass dies den Strompreis zusätzlich erhöhen wird, auch. Auf der anderen Seite wird an manchen Tagen erheblich mehr Strom aus erneuerbaren Quellen produziert, als wir brauchen. Dann zahlen wir Geld dafür, dass uns dieser überschüssige Strom vom Ausland abgenommen wird. Und damit sind wir vom zweiten Ziel, der Wirtschaftlichkeit, weit entfernt.

Im Jahr 2013 lieferten die erneuerbaren Energien in Deutschland einen passablen Anteil von 23 Prozent am verbrauchten Strom. Das bedeutete eine fast 50-prozentige Ausnutzung der Kapazität. Aber diese Zahl gilt eben nur im Durchschnitt des Jahres. Wenn jetzt konventionelle Kraftwerke abgeschaltet werden, ist das dritte Ziel, die Versorgungssicherheit, infrage gestellt.

Eine Verbesserung der Situation kann zwar durch intelligentes Lastmanagement, also durch Optimierung im Netz, erreicht werden, aber eine echte Lösung des Problems wird es nur geben, wenn es gelingt, erneuerbaren Strom zu speichern, so dass er je nach Bedarf abrufbar ist. Das ist die größte Herausforderung der Energiewende, und sie wurde bislang nur zögerlich angegangen.

Die Entwicklung von Speichertechnik wird Zeit brauchen. Bis dahin sollte man sich dringend um die zweite Säule der Energiewende kümmern: die Energieeffizienz. Denn, so schreibt das Bundesumweltministerium, "die Philosophie der Energiewende besteht schlicht und einfach in dem weitgehenden Verzicht auf tradierte Energieträger und Energieversorgungsstrukturen und stattdessen in der Dominanz von Energieeffizienz und erneuerbaren Energien".

Dafür, dass Energieeffizienz bislang stiefmütterlich behandelt wird, gibt es zwei Gründe: Für die Politik ist das Thema nicht kampagnenfähig, und es gibt nicht den großen Wurf. Es sind unendlich viele Einzelmaßnahmen zu ergreifen.

Was in größerem Maßstab erreicht werden kann, zeigt folgende Zahl: In der industriellen Produktion, die knapp 40 Prozent des Energiebedarfs und über 40 Prozent des Stromverbrauchs ausmacht, ließen sich bis zu 30 Prozent einsparen. Das wären etwa 60 Terawattstunden, was etwa der Hälfte des Stromverbrauchs der privaten Haushalte in Deutschland entspricht. Bei der energetischen Gebäudesanierung gelten ähnliche Werte.

Die Politik muss das Thema Energieeffizienz endlich auf die Agenda setzen. Viele fordern das, zuletzt ein Bündnis aus Industrievereinigungen, Umwelt- und Sozialverbänden und Gewerkschaften. Wir brauchen eine klare und detailbewusste Gesetzeslage, die genau definiert, wie Energie- effizienz auf Basis der eingesparten volkswirtschaftlichen Kosten belohnt wird. Sei es über steuerliche Sonderabschreibungen, eine branchenspezifische Förderung für Energieeffizienzmaßnahmen, die Übernahme von Beratungskosten oder unbürokratische Finanzierungshilfen.

Ohne Energieeffizienz ist die Energiewende in einem überschaubaren Zeitraum und zu wirtschaftlich tragbaren Bedingungen nicht zu schaffen. Energieeffizienz allein ist nicht die endgültige Lösung, wenn wir fast alles auf erneuerbare Energien umstellen wollen. Sie ist aber eine notwendige Überbrückungsstrategie. Wenn wir hier nichts machen, landen wir mit der Energiewende in einer Sackgasse.

Von

Heinz Dürr

Kommentare (11)

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11.06.2014, 17:44 Uhr

Die einfachste Methode dem Klima zu helfen -und dem Geldbeutel des Bürgers- wäre es gewesen, Energieeffizienzmaßnahmen staatsseitig zu fördern.Das Betätigungsfeld ist riesig. Wenn wir nun aber alle Glühlampen durch LED, alle alten, energiefressenden Hausgeräte und Multi-Mediageräte, Kühlgeräte und Klimaanlagen durch energieeffiziente ersetzt, die Häuser gedämmt und die Autos verbrauchsoptimiert hätten, dann hätte der Staat ein RIESENPROBLEM. Denn durch den geringeren Verbrauch hätte er deutlich geringere Mineralöl-, Gas-, Strom- und Mehrwertsteuern auf die abgesetzte Energie berechnen können. Oder er hätte alternativ bei immer geringerem Verbrauch den Bürger mit immer höheren Steuersätzen bestrafen müssen - mit der Folge, dass immer mehr wenig begüterte Bürger sich die entsprechenden Energieformen gar nicht mehr leisten könnten. Das wäre wahltechnisch langfristig problematisch.

Das ist der Grund, warum die Regierung an diesem klimarelevanten Thema so wenig Interesse zeigt.

Lieber "fördert" man unter dem Deckmantel des Natur- und Klimaschutzes sogenannte "Erneuerbare Energien". Dies ist zwar eine sagenhafte Ressourcenverschwendung und Fehlallokation eines Multi-Milliardenbetrages, weil der Zufallsstrom tendenziell keinen Wert hat, aber das bringt doch wenigstens munter Zusatzsteuern in Kasse! Im Jahr 2013 alleine 7,00 MRD Euro an Stromsteuern und 7,5 MRD Euro an Mwst::

Nachweis:
http://www.bdew.de/internet.nsf/id/123176ABDD9ECE5DC1257AA20040E368/$file/131120_BDEW_Strompreisanalyse_November%202013.pdf

Sie Seite 29, beachten Sie das*.


Also: es mach durchaus steuertechnisch Sinn, das eine (Energieeffizienzmassnahmen) zu lassen und das andere (Erneuerbare) zu tun. Klimafördernd ist natürlich beides nicht. :-)

Account gelöscht!

11.06.2014, 18:39 Uhr

Natürlich kann der Staat alles mögliche "fördern". Da der Staat jedoch keine himmlischen Konten hat, bezahlen die Menschen über diverse Steuern letztlich alle Wohltaten aus der eigenen Tasche.

Kein Mensch mit Restverstand dämmt sein Haus freiwillig wie es einer Polarregion angemessen wäre (ENEV2009) weil dies extrem unwirtschaftlich ist. Gleiches gilt für andere "energieeffiziente" Wunderwerke. Es bedarf des Zwangs, oder der Subvention.

Warum sollen Menschen anderen Glaubens für Ihre Ökoreligion mitbezahlen?
Warum möchten Sie Ihre Mitmenschen bevormunden?

Account gelöscht!

11.06.2014, 19:24 Uhr

Wichtiger Beitrag eines erfahrenen Mannes. Ein riesiges Potential an Effizienzverbesserungen wird nicht genutzt. Direkt könnten mehr als 50% Einsparpotential an fossilen Brennstoffen genutzt werden. Zukünftig ist der wertschöpfende Markt industrieller Produkte und Verfahren. Betonköpfe bei dem Oligopol der Energieversorger und Lobbyisten hinter den Politikern verschlafen bräsig die Entwicklung zum Schaden unserer aller Kinder und Enkel. Auf Druck der Atomlobby wurden in den 70 er Jahren elektrisch betrieben Widerstandsheizungen sogenannte Nachtspeicheröfen eingeführt um die schlecht regulierbaren Atomkraftwerke auch in der Nacht laufen lassen zu können. Heute könnte man Wärmepumpen einsetzen um Stromspitzen sinnvoll verbrauchen zu können. Dabei wird aus einer KWh Strom dann 3 bis 4 KWh Wärme. Dieser vergleichsweise viel größere Wärmemarkt liegt den Oligopolisten zu Füßen ohne dass diese es bemerken. Im Sommer könnte man jedes Überangebot an Strom sofort dezentral in Eisspeichern von Klimaanlagen verbrauchen. Unter diesen Aspekten gibt es viel zu wenig Windräder und Photovoltaikanlagen. Die Sonne und der Wind werden direkt genutzt - ohne jegliche Brennstoffe. Riesig ist auch das Potential der Solarthermie - wenn man sie richtig nutzt sowohl bei Heizung und Warmwasser als auch bei Kühlung. In vielen Industriebereichen bleibt der Strompreis seit Jahren gleich oder sinkt sogar - dass ist nicht gerade ein Anreiz für die Entwicklung effizienterer Maschinen. Riesig ist auch die Effizienzsteigerung insgesamt wenn Elektroautos dezentral geladen werden und so das Stromnetz stabilisieren. Bei der industriellen Abgasbehandlung werden ungeheure Mengen an Wärme verbraucht um die Abgase nachzubehandeln, dabei gibt es die Möglichkeit Katalysatoren direkt in den Abgasstrom zu integrieren und so um den Faktor 20 bis 30 effizient Abgase zu reinigen. Alles ist vorhanden es muss nur genutzt werden - es bedeutet keinerlei Rückschritt bei unserem Wohlstand.

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