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29.07.2014

11:04 Uhr

Energiepolitik

USA exportieren klimaschädliche Kohle

Im eigenen Land schränkt die US-Regierung die Verbrennung von Kohle ein, doch deren Ausfuhr nach Übersee hat zugelegt. Damit verbessert sich zwar die amerikanische Umweltbilanz, aber dem Weltklima kommt dies nicht zugute.

Kohleabbau in Oregon: Immer mehr des im eigenen Land ungeliebten Rohstoffs wird nach Übersee exportiert. ap

Kohleabbau in Oregon: Immer mehr des im eigenen Land ungeliebten Rohstoffs wird nach Übersee exportiert.

Die Regierung von Präsident Barack Obama versucht, den Verbrauch von klimaschädlichen fossilen Brennstoffen in den USA einzudämmen. Doch die Energiefirmen schicken immer mehr dieser im eigenen Land unerwünschten Energieträger einfach nach Übersee. Dieser Handel droht Obamas Strategie für eine Reduzierung der Treibhausgase zu untergraben. Den Beitrag dieser exportierten Verschmutzung zur Klimaerwärmung will das Weiße Haus nicht beziffern, es will sogar nicht einmal darüber sprechen.

„Das ist das größte Manko der US-Klimapolitik“, sagt Roger Martella, unter dem früheren Präsidenten George W. Bush Chefjurist der Umweltschutzbehörde (EPA). Zwar treibe die Regierung die Bestimmungen zum Klimaschutz im eigenen Land voran, doch werde nicht berücksichtigt, wie politische Entscheidungen in den USA Emissionen von Treibhausgasen in anderen Teilen der Welt beeinflussen.

In den vergangenen sechs Jahren haben US-Energiefirmen mehr Kohle als je zuvor nach Übersee geliefert, in einigen Fällen an Orte, wo laschere Umweltstandards gelten. Die Folge: Das globale Hütchenspiel lässt die USA erfolgreicher im Kampf gegen die Klimaerwärmung erscheinen als sie es tatsächlich sind. Denn sie verlagern einen Teil der Verschmutzung - und die Verantwortung dafür - auf andere Länder.

Unternehmen beabsichtigen, die US-Kohleexporte mit Hilfe von drei neuen Terminals an der Westküste zu verdoppeln. Damit könnten die USA die Nachfrage nach Kohle weltweit sogar anheizen. Doch die Regierung hat Forderungen der Gouverneure der Staaten Washington und Oregon zurückgewiesen, derartige Folgen zu bewerten und offenzulegen. Sie argumentiert, wenn die USA die Kohle nicht lieferten, würde dies ein anderes Land tun.

Exporte verbessern die Einspar-Bilanz erheblich

Im Jahr 2012 gingen neun Prozent der weltweiten Kohleexporte auf das Konto der USA. „Möglicherweise gibt es bei den Kohleexporten eine sehr geringe Zunahme, die auf unsere Klimapolitik zurückgeht“, sagt Rick Duke, stellvertretender Klimaberater Obamas, in einem Interview der Nachrichtenagentur AP. Aber da Kohle aus vielerlei Quellen reichlich vorhanden sei, sei es wichtiger, darauf hinzuarbeiten, die Nachfrage einzudämmen.

„Die USA müssen diesbezüglich pragmatisch sein“, sagt Jason Bordoff, Direktor des Zentrums für globale Energiepolitik der Columbia- Universität. „Wenn unsere Kohleexporte sehr gering sind und keinen oder kaum Einfluss auf die weltweiten Emissionen von Treibhausgasen haben, muss die Regierung die wirtschaftlichen und außenpolitischen Kosten einer Beschränkung von Exporten berücksichtigen.“ Bordoff war bis Januar 2013 im Nationalen Sicherheitsrat Berater Obamas für Energie- und Klimawandelfragen.

In den vergangenen sechs Jahren senkten die USA ihren Kohleverbrauch um 195 Millionen Tonnen. Dies trug dazu bei, dass der Energiesektor den Ausstoß von Kohlendioxid um zwölf Prozent senkte. Doch etwa 20 Prozent der nicht verbrauchten Kohle wurden laut einer AP-Analyse der Daten des Energieministeriums exportiert. Berechnungen deuten darauf hin, dass die Exporte die Einsparungen in den USA durch die Umstellung von Kraftwerken von Kohle auf Erdgas um die Hälfte reduzieren oder gar ganz zunichte machen könnten.

Doppelt soviel Kohle nach Deutschland

Dies lässt sich in Norfolk im US-Staat Virginia beobachten, von wo mehr Kohle als irgendwo sonst im Land exportiert wird. Der Frachter „Prince Lilly“ stach dort kürzlich mit 80 000 Tonnen Kohle in See. Sie waren für Kraftwerke und Fabriken in Südamerika bestimmt. Die darin enthaltenen 228 000 Tonnen Kohlendioxid werden von der Verschmutzungsbilanz der USA abgezogen. Dennoch verschmutzen sie den Planeten.

Die Kohleexporte der USA nach Deutschland haben sich seit 2008 mehr als verdoppelt - Kohle stellt im Zeitalter des Atomausstiegs eine billigere Alternative zum umweltfreundlicheren Erdgas dar. Im vergangenen Jahr stiegen die Kohlendioxidemissionen in Deutschland um 1,2 Prozent, überwiegend wegen einer Zunahme der Kohleverbrennung. Der jüngste Boom bei der Stromerzeugung mit Kohle erschwere das Erreichen der Klimaschutzziele, erklären Umweltvertreter der Regierung.

Aktivisten machen dafür die USA mitverantwortlich. Es handele sich um einen klassischen Fall politischen Greenwashings, also ökologischer Schönfärberei, sagt Dirk Jansen, ein Sprecher des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Obama hübsche seine eigene Umweltbilanz auf, doch nütze es dem Weltklima in keiner Weise, wenn Obamas Kohlendioxid dann eben aus Schornsteinen in Deutschland komme, erklärt Jansen.

Von

ap

Kommentare (1)

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Herr Riesener Jr.

29.07.2014, 12:54 Uhr

Was für eine irrwitzige Diskussion! Klar, dass so etwas aus Deutschland kommt - wir winden uns wie eine angeschossene doppelzüngige Schlange, weil wir auf der einen Seite klimafreundliche Kernkraftwerke abschalten und damit unseren CO2-Ausstoß erhöhen (weil die wetterabhängigen Erneuerbaren den Atomstrom nicht ersetzen können), aber auf der anderen Seite als Klimaretter dastehen wollen.

Um unsere Schuld zu verschleiern, beschimpfen wir zischend andere, statt nach einer konsistenten Energiepolitik im eigenen Land zu suchen.

Letztere wird nur in einer marktwirtschaftlichen Umgebung erfolgreich sein, in die der Staat nur eingreift, wenn es unbedingt nötig ist. So ein Eingriff kann z.B. eine relativ hohe CO2-Steuer sein. Mit den Einkünften aus dieser CO2-Steuer könnte man dann die Erneuerbaren Energien fördern. Dann hätte man auch eine Obergrenze für diese Förderung und würde nicht jede Stunde (!) etwa 3 Mio EUR an Subventionen für die Erneuerbaren ausgeben müssen.

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