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28.05.2014

16:55 Uhr

Energiewende

Der Osten zahlt mehr

VonKlaus Stratmann

In den neuen Ländern fallen die Stromrechnungen höher aus. Das Problem liegt nicht nur in der ungleichen Kostenbelastung für die privaten Haushalte – sondern auch im Standortwettbewerb.

Strommasten: Die Netzkosten im Süden der Republik sind deutlich niedriger als im Osten. dpa

Strommasten: Die Netzkosten im Süden der Republik sind deutlich niedriger als im Osten.

BerlinWas unterscheidet das brandenburgische Havelland vom nordbayerischen Aschaffenburg? Einiges. Zum Beispiel die Höhe der Netzentgelte, die Stromkunden zahlen müssen. In Aschaffenburg sind es 4,1 Cent je Kilowattstunde, im Havelland 9,5 Cent. Dazwischen liegt der Faktor 2,3. Für eine fünfköpfige Familie mit einem jährlichen Stromverbrauch von 5 000 Kilowattstunden bedeutet das: Sie wird im Havelland mit 475 Euro für die Nutzung der Netze herangezogen, in Aschaffenburg mit 205 Euro. Fachleute und Politiker kritisieren die Spreizung der Netzentgelte in Deutschland und fordern eine Angleichung.

Tendenziell gilt: In den neuen Bundesländern sind die Netzentgelte, die mit der monatlichen Stromrechnung erhoben werden, höher als im Rest der Republik. Dafür gibt es zwei Gründe. Einerseits musste in Ostdeutschland nach der Wiedervereinigung in den vergangenen beiden Jahrzehnten massiv in den Ausbau der Netzinfrastruktur investiert werden. Aber wichtiger noch: In Ländern wie Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern schreitet der Ausbau der erneuerbaren Energien rasant voran. Das macht zusätzliche Stromleitungen erforderlich, mit denen etwa Windparks ans Stromnetz angeschlossen werden.

Was ist im Sinne der Stromversorgung am wichtigsten?

Der sächsische Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) gehört zu den Landespolitikern, die das Thema auf die politische Agenda in Berlin heben wollen. "Die Energiewende betrifft uns alle, daher sollten die Netzentgelte bundeseinheitlich umgelegt werden", fordert er. Aus Tillichs Perspektive geht es nicht nur um die Kostenbelastungen für die privaten Haushalte in seinem Bundesland. Die hohen Netzentgelte seien vielmehr auch ein Problem im Standortpoker. "Die Spreizung der Netzentgelte ist für ostdeutsche Kommunen im Standortwettbewerb eine Bürde geworden", sagt auch Dirk Biermann, Geschäftsführer beim Netzbetreiber 50Hertz. "Unternehmen schauen sehr genau auf die Energiekosten, die an einem Standort anfallen. Netzentgelte, die in einigen Regionen um den Faktor zwei höher sind als in anderen, machen sich da deutlich bemerkbar", sagt Biermann.

Das Unternehmen, das die Übertragungsnetze in den neuen Ländern betreibt, teilt die Forderungen des sächsischen Ministerpräsidenten. "Es ist nicht einsehbar, dass ganz überwiegend ostdeutsche Stromkunden dafür zahlen müssen, dass die Netze wegen der Einspeisung erneuerbarer Energien ausgebaut und mit großem Aufwand stabil gehalten werden müssen", sagt 50Hertz-Manager Biermann.

Er warnt vor einer "regionalen Entsolidarisierung". Bundeseinheitliche Netzentgelte seien die richtige Antwort auf die wachsenden Problem. Aus Biermanns Sicht hätte eine Vereinheitlichung der Netzentgelte einen weiteren Vorteil: "Derzeit gibt es 900 Netzbetreiber, die jeweils ihre Netzentgelte berechnen. Das ist für jeden überregional agierenden Stromvertrieb ein gewaltiger Aufwand und ein Hemmnis für effizienten Wettbewerb."

Zusätzliche Argumente für einheitliche Netzentgelte liefert eine Studie der Universität Dresden: Wenn sich an der derzeitigen Regelung nichts ändere, werde sich die Schere zwischen hohen und niedrigen Netzentgelten weiter öffnen, prognostizieren die Wissenschaftler um Dominik Möst.

Das Argument, mit einem einheitlichen Netzentgelt sinke der Effizienzdruck bei jedem einzelnen Netzbetreiber, wollen die Befürworter deutschlandweit einheitlicher Netzentgelte nicht gelten lassen. "Wer so argumentiert, unterstellt zugleich, dass die Regulierung nicht funktioniert. Das sehe ich aber nicht so. Im Netz muss der Effizienzdruck über die Regulierung und nicht über den Preis funktionieren", sagt Biermann.

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