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23.12.2014

09:44 Uhr

Energiewende in Brandenburg

Das autarke Dorf

VonSimon Book

Vor 20 Jahren entstand im brandenburgischen Feldheim die erste Windkraftanlage. Die Einwohner investierten in eigene Strom- und Wärmenetze. Heute ist die Gemeinde energieautark - und rentabel.

Stolzes Feldheim: Die rund 140 Einwohner des kleinen Orts in Brandenburg können sich selbst mit Strom und Wärme versorgen - erzeugt aus Windkraft- und Biogasanlagen. dpa

Stolzes Feldheim: Die rund 140 Einwohner des kleinen Orts in Brandenburg können sich selbst mit Strom und Wärme versorgen - erzeugt aus Windkraft- und Biogasanlagen.

Zur Insel sind es nur noch wenige Baggerschaufeln. Seit einigen Wochen sind die schweren Maschinen angerückt in Feldheim, Brandenburg, 60 Kilometer vor Berlin. Unablässig graben sie sich in die Erde, schaufeln ein Loch für den Energiespeicher. Eine riesige Batterie bauen sie hier, zehn Megawatt stark, um Feldheim im Notfall tagelang mit Strom zu versorgen. Es ist der letzte Baustein im Energienetz des Dorfes. Dann könnten sie sich endgültig abkoppeln vom Rest der Republik - Insel werden im deutschen Stromozean.

Siegfried Kappert zeigt stolz auf das Schild, das vor dem Zaun um das Loch prangt. Feldheim Energie GmbH steht dort. Das kleinste Stadtwerk der Bundesrepublik. "Das gehört uns allen hier", sagt Kappert, ein kauziger Mann in den 70ern, der ehrenamtlich Besucher herumführt. 140 Menschen, 40 Haushalte. Sie alle sind Kommanditisten, erzeugen ihren Strom, ihre Wärme, betreiben ihr eigenes Netz. Ein Energiewende-Wunder und ein kapitalistischer Modellversuch: Wo vor 25 Jahren noch Planwirtschaft herrschte, leben nun ausschließlich Unternehmer. "Bis vor kurzem hatten wir keine Ahnung, was eine GmbH ist", sagt Kappert. "Jetzt gehört uns eine. Das macht mich schon stolz." Begonnen hat alles 1995. Michael Raschemann, damals Student der Ingenieurwissenschaften in Potsdam, reiste durch Brandenburg auf der Suche nach einem geeigneten Standort für ein paar Windkraftanlagen. Feldheim liegt auf einer Erhebung in der Nauener Platte, 150 Meter über null. Die Bauern hatten von Windenergie nicht viel gehört.

Dann kam Raschemanns Angebot: Land wollte er pachten für Jahrzehnte. Er begann sie zu überzeugen, sprach von einem zweiten Standbein für die Genossenschaft, von steten Einnahmen. Irgendwann schlugen die Bauern ein.

Zunächst baute er fünf kleine Windmühlen auf dem Feld. Parallel errichtete Raschemanns Energiequelle in ganz Deutschland mehr und mehr Anlagen. Auch in Feldheim wuchs der Windpark: aus fünf wurden zehn, dann zwanzig, dann dreißig. "Und von jeder Mühle hatten die Bürger etwas", sagt Michael Knape, Bürgermeister von Treuenbrietzen, der Stadt in die Feldheim eingemeindet wurde. "Es wurde ein neuer Sportplatz mit Flutlicht gebaut, neue Straßenlaternen, ein Bushäuschen, Gehwege. Es gab von Anfang an Verträge, so dass was ins Dorf zurückfloss. Damals ging das noch."

Knape glaubt, dass dies das Schlüsselmoment war. So klappte in Feldheim das, woran es gerade im Rest der Republik hapert.

2009 hatten sie 850 000 Euro Fördergelder zusammen, die Hälfte der benötigten Summe. Den Rest, so der Plan, sollten die Feldheimer selbst aufbringen. "Dann kam natürlich die Frage: Wenn wir schon unsere Wärme selbst erzeugen, sollen wir dann nicht auch unseren eigenen Strom nutzen?", sagt Knape. Bislang verkaufte die Energiequelle ihren Strom an der Börse, speiste ihn ins öffentliche Netz ein. Nun wollten die Feldheimer die Energie ihrer Felder direkt nutzen. Sie fragten Eon Edis, den bisherigen Netzbetreiber. Der Energieriese lehnte ab: man habe kein Interesse das Netz zu verkaufen. "Aber der Ort war ja ohnehin schon aufgebuddelt für das Wärmenetz", erklärt Knape. "Da haben wir dann einfach gleich noch ein Stromkabel mit reingeschmissen."

Drei Bürgerversammlungen brauchte es, um den Plan zu beschließen. Dann waren die Feldheimer überzeugt. Sie gründeten die Feldheim Energie GmbH, die das Netz betreibt: Wer an das Strom- und Wärmenetz angeschlossen werden wollte, legte 3 000 Euro ein. Wer nur eines von beiden wollte, zahlte die Hälfte. Parallel dazu verhandelte Bürgermeister Knape mit den Ministerien. Ein eigenes Wärmenetz konnte man sich in Potsdam noch vorstellen, aber ein eigenes Stromnetz? Die Politik machte Auflagen, wollte eine Holzschnitzelheizung als Back-up, einen Wärmepufferspeicher. Irgendwann gab das Ministerium grünes Licht. Die Feldheimer buddelten, am 28. Oktober 2010 ging ihr eigenes Netz in Betrieb.

Und so kam Siegfried Kappert zu seinem Job als ehrenamtlicher Gästeführer. Inzwischen ist er vom Batteriebauplatz hinübergelaufen ins "Neue Energien Forum". Kapperts ganzer Stolz ist die Gondel des ersten Feldheimer Windrads, die inzwischen im Garten des Zentrums steht. Mit einem geschickten Schlag öffnet er die Luke, klettert hinein, erklärt, wie aus Wind Strom gewonnen wird. "Vor ein paar Jahren hatte ich da noch keine Ahnung von", sagt er. "Heute weiß ich genau, was hinter der Steckdose passiert. Das hätte ich auch nicht geahnt."

Kommentare (14)

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23.12.2014, 10:47 Uhr

Die sollen sich endlich vom öffentlichen Kraftwerksstromnetz abtrennen. Erst dann ist das Dorf nämlich auch autark und bedarf keiner EEG-Einspeisevergütung und keinen Einspeisevorrang in das übrige Wohlstands-Stromnetz (Kraftwerkmixpark) in Deutschland.
Sobald die EEG Einspeisevergütungen (EEG Zwangsabgabesubvention) nämlich nicht mehr fließen, wird dieser Gigantismus der Energiewende in sich zusammenbrechen. Und die Natur und die Landschaft ist mit diesen sog. Erneuerbaren Energien massiv geschädigt. In so einer Umbegung will KEIN Mensch und Tier mehr LEBEN!

Herr Nikolai Ziegler

23.12.2014, 12:01 Uhr

Auf wenigen Quadratkilometen zeigt dieser Ort exemplarisch den ganzen Wahnsinn der „Energiewende“ und des Strebens nach Pseudo-Autarkie auf:

Rund 50 Windkraftanlagen (Tendenz steigend) beliefern rund 150 Einwohner (Tendenz fallend)dieses zunehmend trostloseren Dorfes.

Von „versorgen“ kann nicht die Rede sein, denn bei tagelanger Flaute kommt der Strom aus dem allgemeinen „Ozean“ - das Batterieprojekt dient i.W. der Vortäuschung von Innovation zwecks Bespaßung der öffentlichen Geldgeber.

Die WKA liefern auch dort nur zufallsabhängig - was in Feldheim relativ gut verkraftbar ist. Schließlich findet wettbewerbsfähige, wertschöpfende (Industrie-)produktion dort nicht statt. Versorgungssicherheit ist also nachrangig.

Drei Einwohner pro Windkraftanlage.

Wollte das nahe Berlin diesem „Vorbild“ folgen, so wären demnach über 1 Million Windkraftanlagen aufzustellen. Deutschlandweit wären es dann rund 27 Millionen.

Wer diese „idiotie en miniature“ zur Nachahmung und großen Skalierung empfiehlt, tendiert angesichts der ökologischen und ökonomischen Implikationen zur Gemeingefährlichkeit.

Das „Feldheimer Unternehmertum“ beruht allein auf einem völlig aus dem Ruder gelaufenen Subventionssystem - das Hobby der Herren Raschemann und Knape wird von allen deutschen Stromkunden per Zwang teuer bezahlt. Insofern ist deren „Geschäftsmodell“ inhärent parasitär.

Dieses Modell überträgt Herr Raschemann übrigens fleißig an andere Orte: Aktuell bemüht er sich intensiv, das Waldgebiet Zossener Heide zu industrialieren und damit den Lebensraum vieler seltener Fledermausarten zu zerstören.

Schwer verständlich, dass sich das Handelsblatt für so eine Propaganda hergibt – und dies so kurz vor Weihnachten.

Übrigens: Alles, was man über Feldheim wissen muss, findet man unter http://www.vernunftkraft.de/energiewende-endlich-erlebbar-feldstudie-fokussiert-feldheim/

Herr Holger Narrog

23.12.2014, 12:16 Uhr

Die Überschrift ist bewusst irreführend

Das Dorf ist und wird nicht energieautark sein. Man installiert zwar eine Batterie die den Strom einiger Tage speichern kann, allerdings ist das Dorf nach wie vor an das Netz angeschlossen.

Im Grunde schmarotzt das Dorf vom Europäischen Verbundnetz das Netz- und Erzeugerkapazitäten bereit halten muss, ohne dies vergütet zu erhalten.

Im Winter 12/13 gab es eine wochenlange düstere und windarme Periode. Dem Dorf wäre der Strom ausgegangen, die Heizungen und Warmwasserboiler hätten mangels Strom versagt und die Häuser wären durch den Frostschaden ziemlich zerstört worden.

Am Europäischen Verbundnetz sind viele 1000 grosse Kraftwerke und 100erte Millionen Verbraucher angeschlossen. Dadurch erlaubt dieses Netz eine Stabilität und Sicherheit die ein Dorfnetz nie erreichen kann.

Hinsichtlich der Kosten ist ein solches Netz natürlich nur mehr als (religiöses) Hobby zu verstehen.

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