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23.07.2014

11:25 Uhr

Erster Weltkrieg

Katalysator für die Medizin

Gasangriffe, Gesichtsschüsse, Front-Traumata: Der Erste Weltkrieg stellte auch die Medizin vor riesige Herausforderungen. Und führte zu einem Entwicklungsschub. Es gab messbare Fortschritte – und echte Sündenfälle.

Immense Anforderungen an Ärzte und Pfleger: Verwundete Soldaten werden in einem Lazarett in der Stadthalle Heidelberg im Jahr 1915/1916 versorgt. dpa

Immense Anforderungen an Ärzte und Pfleger: Verwundete Soldaten werden in einem Lazarett in der Stadthalle Heidelberg im Jahr 1915/1916 versorgt.

Berlin Männer, die wie Espenlaub zittern und einfach nicht mehr damit aufhören. Soldatengesichter, die zur Hälfte weggeschossen sind. Tuberkulose-kranke Mütter, die bleich und umgeben von einer Kinderschar im schmutzigen Bett liegen. Der Erste Weltkrieg ist der Krieg, dessen Opfer erstmals in Fotos und Filmen dokumentiert sind. Neue Waffen wie Gas und Panzer, Granaten, Flammenwerfer und Maschinengewehre stellen auch die behandelnden Ärzte vor immense Aufgaben.

„Dieser Krieg hatte auch medizinisch eine neue Dimension. Zum ersten Mal übertraf die Zahl der Verletzungen die der Durchfallerkrankungen durch schlechtes Wasser, Ruhr oder Cholera“, sagt der Medizinhistoriker Wolfgang Eckart (Universität Heidelberg).

Eindrückliches Beispiel dafür ist der junge Leutnant Karl Hasbach: Ein Granatsplitter zertrümmert ihm 1915 Nase und Oberkiefer. Er überlebt schwer entstellt, und nach der Notversorgung an der Front beginnt für ihn eine dreijährige Odyssee: Vergeblich versuchen Chirurgen an der Uniklinik Bonn in 19 Operationen, Hasbach eine neue Nase aufzubauen. Doch dort, wo einmal seine Nase war, ist noch immer ein verknorpeltes, mühsam zugeflicktes Loch.

Fortschritte in der plastischen Chirurgie

Nach einem Nervenzusammenbruch hört Hasbach durch Zufall von einem begabten Chirurgen an der Berliner Charité, Jacques Joseph. Dem gelernten Ingenieur, der von den Berlinern „Nasen-Joseph“ genannt wird und sich Instrumente und OP-Liegen selbst baut, gelingt es in weiteren zehn Operationen mit Knochenstücken aus Hasbachs Schienbein und Hautlappen aus der Stirn eine neue Nase aufzubauen. „Alles mit örtlicher Betäubung, die immer wieder erneuert werden musste. So dauerte eine Operation mal fünf Stunden. Eine Schwester musste Joseph den Schweiss den Rücken hinunter wischen“, erinnert sich Hasbach später in einem Brief.

Doch Fotos aus dem Medizinhistorischen Museum der Charité dokumentieren: Der junge Mann erhält eine ansehnliche Nase zurück, die ihm ein normales Leben ermöglicht. 1916 richtet die Charité in ihrer Nasen- und Ohrenklinik erstmals eine Abteilung für Gesichtsplastik ein - geschuldet der immer größeren Zahl von Soldaten mit schwersten Gesichtsverletzungen.

„In der plastischen Chirurgie gab es durch den Krieg große Fortschritte, aber neu waren auch die Entwicklungen in der Neurochirurgie“, sagt Eckart. Durch den langen Stellungskrieg in den Schützengräben sind die Köpfe der Soldaten besonders gefährdet: Es gibt zahllose Verletzungen und Durchschüsse, oft auch Teilausfälle bestimmter Hirnregionen. „Das war aufschlussreich zum Beispiel für die Aphasieforschung, um festzustellen, welche Hirnbereiche für Merkfähigkeit und Sprache wichtig waren.“

"Gegenschocks" für traumatisierte Soldaten

Völlig neu sind die Bandbreite und das Ausmaß der psychischen Versehrungen: Schocks und Traumata, zuvor nur in Einzelfällen von ersten Eisenbahnunglücken oder dem Untergang der Titanic bekannt, erschüttern nun Hunderttausende Frontsoldaten. Viele werden zu sogenannten Kriegszitterern. „Heute spricht man von Posttraumatischer Belastungsstörung. Aber da man damals keine körperlichen Gründe für die Leiden finden konnte, hieß es, die Leute würden ihre Krankheit unbewusst instrumentalisieren, weil ihr Überlebenswille zu stark sei“, berichtet Eckart.

Die primäre Therapie dafür war, diesen Willen zu brechen. Mit Gegenschrecken soll der Schrecken kuriert werden, um die Soldaten möglichst schnell an die Front zurückschicken zu können. Die Methoden: Anschreien, Starkstrombehandlungen, Dauerbäder, Schein-Operationen oder gar Schein-Exekutionen. „Das war der erste Sündenfall der Psychiatrie“, bilanziert Eckart. „Und die Behandlung der Betroffenen verschärfte sich im Laufe des Kriegs.“

Verletzungen durch perfide Kampfgase kommen hinzu, für die es noch wenig Gegenmittel gibt. Einen starken Schub bekommt jedoch die Transfusionsmedizin, denn durch Nitrat kann das Blut flüssig gehalten werden. Doch an der Front fehlen Kühlketten - deshalb gibt es viele Transfusionen von Mann zu Mann.

Leiden der Zivilbevölkerung lindern

Neue medizinische Herausforderungen gibt es auch weit weg von den Frontlinien: Denn nicht nur mit Prothesen und Gehwägelchen versehene Kriegsversehrte bringen den Krieg in den Alltag, sondern auch die immensen Versorgungsengpässe. Im Winter 1916/17, dem sogenannten Kohlrübenwinter, haben Kinder, Frauen und Alte an der sogenannten Heimatfront kaum noch etwas zu essen. Tuberkulose macht sich breit, in manchen Regionen wird das von Läusen übertragene Fleckfieber zur Seuche.

An der Ostfront wird die Ausbreitung der Erreger armen Bewohnern der jüdischen Schtetel angelastet, es kommt zu antisemitischen Attacken. Der Medizinhistoriker Eckart bilanziert: „Hier und auch in den psychiatrischen Heimen, wo viele Patienten vor Hunger starben, fängt das nationalsozialistische Denken an.“

Von

dpa

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