Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

25.03.2014

15:24 Uhr

EU und Russland

Energiepolitik als Machtinstrument

VonMoritz Koch

Eine westliche Energieallianz wirkt stärker als Sanktionen gegen Russland. Hier können Europäer und die USA ihre Stärke nutzen. Denn Putins System funktioniert nur so lange, wie der Preis für Öl und Gas stimmt.

Die EU Staats- und Regierungschefs, hier der slowakische Premierminister Robert Fico, haben ein Einreiseverbot für zwölf Russen verhängt – wirksamer wäre eine westliche Energieallianz. Reuters

Die EU Staats- und Regierungschefs, hier der slowakische Premierminister Robert Fico, haben ein Einreiseverbot für zwölf Russen verhängt – wirksamer wäre eine westliche Energieallianz.

Das 8000-Wörter-Telegramm, das zum Drehbuch für den Kalten Krieg werden sollte, ging am 22. Februar 1946 um 15.52 Uhr in Washington ein. Der Verfasser entschuldigt sich gleich zu Beginn für seinen ausufernden Text. Die zu behandelnden Fragen seien jedoch so komplex, dass es unmöglich sei, die Antworten ohne einen „gefährlichen Grad an Pauschalisierung“ zu verdichten. Was folgt, ist eine messerscharfe Analyse des Sowjetsystems, jeder Satz ein Schnitt, mit dem George Kennan, damals „chargé d’affaires“ an der US-Botschaft in Moskau, die Motive und Urängste, die Widersprüche und Schwachstellen der russischen Außenpolitik offenlegt.

Das Telegramm und ein späterer Essay in „Foreign Affairs“ haben Kennan zum Ghostwriter der Truman-Doktrin gemacht. 68 Jahre später, zur Europareise von Barack Obama, lohnt es sich, Kennan wiederzuentdecken, seine Logik des Containments neu zu denken und mit ihr ihre Institutionalisierung durch die Nato und den Marshallplan. Nicht weil der Kalte Krieg zurückkehrt. Sondern weil die Paranoia, von der sich die Sowjetunion treiben ließ, erneut zum Leitmotiv russischer Außenpolitik geworden ist.

Putins Nationalismus liegt eine verzerrte Wahrnehmung zugrunde, die auch die UdSSR befallen hatte. „Hinter der neurotischen Sicht des Kremls auf internationale Angelegenheiten steht das traditionelle und instinktive russische Unsicherheitsempfinden“, analysierte Kennan - ein Satz, der sich Wort für Wort auf die Gegenwart übertragen lässt. Putin ist mehr als nur ein Revanchist, der seinen Landsleuten verspricht, sie von ihren imperialen Phantomschmerzen zu befreien. Er wähnt Russland von Gegnern umringt, die Annexion der Krim war für ihn ein Akt der Notwehr. Westliche Sanktionen bestärken ihn in dieser Weltsicht eher, als dass sie ihn zur Umkehr bewegen.

Kennan forderte, dass "das Kernelement jeder US-Politik gegenüber der Sowjetunion eine geduldige, langfristig angelegte und doch standhafte und wachsame Eindämmung der expansiven Tendenzen" Moskaus sein müsse. Zugleich aber erkannte er, dass, „verglichen mit der westlichen Welt als Ganzes, die Sowjets immer noch die bei weitem unterlegene Macht sind“. Seine Empfehlung lautete: keine Anbiederung, aber auch keine überstürzte Konfrontation, stattdessen Entschlossenheit demonstrieren, Grenzen aufzeigen, Ruhe bewahren.

Kommentare (3)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

25.03.2014, 18:37 Uhr

"Er [gemeint ist Putin] wähnt Russland von Gegnern umringt", heißt es in dem Artikel.

Wie soll denn ein Präsident Russlands, an dessen Grenzen die USA Raketen aufstellen, die im Zweifelsfall geeignet sind, das nukleare Gleichgewicht der Abschreckung zu unterlaufen, indem sie die Fähigkeit Russlands zum Zweitschlag in Frage stellen, zu einer anderen Einschätzung der Situation kommen?

Kennedy ist im Jahr 1962, als die damalige Sowjetunion Raketen auf Kuba stationiert hat, zu genau derselben Lagebeurteilung gekommen. War er etwa ebenfalls von Paranoia getrieben?

Das Märchen, dass die Raketen in Polen und Tschechien gegen den Iran gerichtet seien, können durch nur Zeitgenossen glauben, die nicht ganz bei Verstand sind.

Wenn Chrutschow 1962 erklärt hätte, die Raketen auf Kuba hätten nichts mit den USA zu tun, sondern seien gegen z.B. gegen Südafrika gerichtet, hätte Kennedy ihm wohl Glauben geschenkt? Ich glaube nicht. So paranoid ist er gewiss nicht gewesen.

Account gelöscht!

25.03.2014, 19:49 Uhr

@ Antiillusionist

Zitat : Das Märchen, dass die Raketen in Polen und Tschechien gegen den Iran gerichtet seien, können durch nur Zeitgenossen glauben, die nicht ganz bei Verstand sind.

- die Amis sehen das anders.

Die sagen ganz einfach, falls Iran mal beabsichtigen sollte, das NATO-Land Estland anzugreifen, ist der Raketenschild in Polen und Tschechien GOLD RICHTIG !

Dagegen wäre eigentlich nichts einzuwenden.......oder..:-)

Account gelöscht!

26.03.2014, 17:06 Uhr

Ein klares Feindbild, das der Autor Koch hier aus dem kalten Krieg sogar mit Datumsangabe 1946 wieder aufwaermt. Der boese Russ hatte Paranoia, nur weil er ab und an mal von den Deutschen ueberfallen wurde, also eher ein Fall fuer die Couch des Psychiaters, als ernstzunehmender Gegner. Genauso muss man ihn jetzt wieder behandeln.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×