Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

15.05.2014

09:48 Uhr

EU-Urteil

Streit um Gifte im Spielzeug

Spielzeug soll Kindern Spaß machen. Doch Schwermetalle können das Spielen mit Puppen und Feuerwehrautos trüben. Deshalb gelten für Schadstoffe in Spielwaren Obergrenzen. Diese Werte sind allerdings umstritten. Nun hat das EU-Gericht entschieden.

Gift in der Lieblingspuppe? Einem EU-Urteil zufolge muss Deutschland seine Grenzwerte für bestimmte Stoffe im Spielzeug anpassen. dpa

Gift in der Lieblingspuppe? Einem EU-Urteil zufolge muss Deutschland seine Grenzwerte für bestimmte Stoffe im Spielzeug anpassen.

LuxemburgAngesabbert, zerkratzt und zerschlissen: Kinderspielzeug macht so einiges mit. Damit das Lieblingsknuddeltier seinen Besitzer dabei nicht krank macht, gelten für Schadstoffe im Spielzeug europäische Grenzwerte. Deutschland ist mit den Obergrenzen für bestimmte Schwermetalle nicht einverstanden - und musste am Mittwoch vor dem EU-Gericht in Luxemburg eine Schlappe einstecken.

Bei den Schwermetallen Arsen, Quecksilber und Antimon muss sich Deutschland künftig an europäische Werte halten. Für Blei im Spielzeug darf Deutschland „seine strengen Grenzwerte“ hingegen behalten, erklärt das zuständige Landwirtschaftsministerium. Die EU berät nach Angaben der EU-Kommission gerade über neue Grenzwerte für Blei. Bestimmte Stoffe gelten auch als krebserregend.

Doch werden Spielzeuge nun sicherer? Mit einer Antwort tun sich selbst Experten schwer. „Man kann nicht eindeutig sagen, ob die Grenzwerte jetzt strenger oder weniger streng werden“, sagt etwa Jürgen Stellpflug, Chefredakteur der Zeitschrift „Öko-Test“. „Für Blei sind die deutschen Grenzwerte eindeutig strenger als die EU-Grenzwerte. Für die anderen Schwermetalle, für Arsen, Antimon und Quecksilber ist die EU in den meisten Fällen strenger.“

Augen auf in der Spielwarenabteilung

Welche Voraussetzungen müssen Spielsachen laut Gesetz erfüllen?

Spielzeuge dürfen unter anderem keine scharfen Kanten oder verschluckbare Teile haben. Elektrische Spielgeräte dürfen nur mit einer festgelegten Spannung betrieben werden, zahlreiche Schadstoffe sind verboten. Die Regelung gilt aber als lückenhaft – viele Schadstoffe sind weiter erlaubt.

Wie erkenne ich, ob ein Spielzeug die Mindestvorgaben erfüllt?

Das GS-Zeichen für geprüfte Sicherheit wird von unabhängigen Stellen, etwa dem TÜV, für die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben vergeben. Daneben gibt es unter anderem das private Proof-Siegel des TÜV Rheinland, das ebenfalls die gesetzlichen Mindestanforderungen prüft. Außerdem vergibt der TÜV Rheinland noch sein Toxproof-Zertifikat für besonders schadstoffarme Produkte. Auch Organisationen wie Stiftung Warentest oder Ökotest nehmen regelmäßig Produkte unter die Lupe. Ihre Testergebnisse lassen sich oft aber nur gegen Bezahlung bekommen.

Wie ändert das Urteil die Metallgrenzwerte für Spielzeug in Deutschland?

Im Grunde nicht viel. Das Gericht war ganz klar der Auffassung, dass deutsche Kinder durch die Neuregelung nicht schlechter geschützt seien als bisher. In erster Linie wird die Art und Weise verändert, wie Prüfer die Metallbelastung erörtern. Die deutschen Werte beschrieben bisher die maximal zulässige Menge eines Stoffs, die beim Spielen in den menschlichen Körper gelangen darf. Die EU bestimmt hingegen die Menge eines Stoffes, die durch ein Spielzeug freigesetzt werden darf, bevor ein Kind ihn aufnehmen kann. Bei flüssigen, haftenden, trockenen, brüchigen, staubförmigen und geschmiedeten Materialien seien die EU-Grenzwerte strenger als die der Deutschen, erklärte das Gericht. Nur bei den selteneren abgeschabten Materialien sei das Umgekehrte der Fall.

Was sollten Verbraucher bei Metall-Spielzeug generell beachten?

Gute Testergebnisse oder Gütesiegel können Hinweise darauf geben, dass ein Spielgerät unbedenklicher ist als ein anderes. Darauf sollten Käufer auch achten, denn erst vor Kurzem stellte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beispielsweise fest, dass viele Metallbaukästen zu viel Nickel freisetzten.

Wie sieht es bei Holz- oder Kunststoffspielzeug aus?

Auch Holzspielzeug kann Schadstoffe enthalten. Verbraucher sollten eher zu unlackiertem, gewachstem Holz greifen. Vollholz ist in der Regel unbedenklicher als geklebtes Holz. Spielsachen aus Plastik sollten frei von PVC und Weichmachern (Phtalaten) sein. Besser sind PP (Poly-Propylen) oder PE (Poly-Ethylen). Oft ist die Kunststoffart mit Zahlen von 1 bis 7 in einem Dreieck auf dem Produkt verschlüsselt. Hier steht die 3 für PVC. Die Kunststoffe der anderen Zahlen gelten als kaum bedenklich.

Was kann ich im Laden sonst noch tun?

Verbraucherschützer empfehlen, auch auf eigene Fast zu testen und etwa zu überprüfen, ob ein Spielzeug abfärbt oder unangenehm riecht. Beides kann ein Hinweis auf Schadstoffbelastung sein. Auch sollte geprüft werden, ob sich Kleinteile leicht ablösen.

Was kann ich tun, wenn ich gefährliche Mängel feststelle?

Wer einen Defekt bemerkt, sollte zum Händler gehen. Bei Spielwaren, die gegen die rechtlichen Regelungen verstoßen, können Kunden den Kaufpreis zurückverlangen. Wer glaubt, von einem Spielzeug gehe eine generelle Gefahr aus, kann dies den Gewerbeaufsichtsämtern melden.

Grund für den ganzen Ärger ist ein Streit unter Experten über die richtige Berechnung des Risikos für Kinder. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung hat andere Annahmen über das Risiko beim Umgang mit Plüschtier und Co. als in der EU-Richtlinie zur Spielzeugsicherheit vorgesehen. Deutschland plädiert für einen einzigen Grenzwert je Schadstoff, unabhängig vom Material. Die EU unterscheidet hingegen nach Konsistenz. Für flüssige Fingermalfarbe gelten dabei andere Obergrenzen als für Buntstiftminen oder Plastikpuppen, bei denen sich die Oberfläche abreiben kann.

Die Luxemburger Richter jedenfalls folgten der Argumentation der EU-Kommission. Aus dem Material gehe „klar hervor, dass die von der Bundesrepublik Deutschland mitgeteilten (...) umgerechneten Werte für flüssige oder haftende sowie für trockene, brüchige, staubförmige oder geschmeidige Materialien deutlich höher sind als die Werte der Richtlinie.“

Das Landwirtschaftsministerium zeigte sich nach dem Urteil unbeeindruckt und erklärte, die eigenen Werte seien „durchweg strenger“. Das Ministerium kündigte an, „die Urteilsgründe eingehend auch im Hinblick auf mögliche Rechtsmittel“ zu prüfen. Und immerhin habe der Rechtsstreit Aufmerksamkeit für das Thema Spielzeugsicherheit geschaffen.

Grund zur Panik gebe es aber nicht, beruhigt Kerstin Etzenbach-Effers von der Verbraucherzentrale NRW. „Eltern müssen auf keinen Fall das Kinderzimmer ausmisten und alles wegschmeißen.“ Sie sollten zudem beim Kauf auf schlechte Verarbeitung und intensiven Geruch achten. Eine sichere Wahl sei auch unbehandeltes und unverleimtes Holzspielzeug.Deutschland muss seine Grenzwerte für bestimmte Schwermetalle in Spielzeug den EU-Vorgaben anpassen. Dies hat das EU-Gericht in Luxemburg am Mittwoch entschieden (Rechtssache T-198/12).

Allerdings kann die Bundesregierung noch Rechtsmittel einlegen. Bei Arsen, Quecksilber und Antimon muss sich Deutschland demnach an die im europäischen Recht festgelegten Obergrenzen halten. Bei Blei muss die EU-Kommission neu entscheiden, bei Barium hatte Deutschland keine Bedenken mehr, nachdem die EU neue Grenzwerte festgelegt hatte. Die Stoffe gelten zum Teil als krebserregend. Die zuständigen Ministerien für Wirtschaft sowie Ernährung und Landwirtschaft prüfen nun, ob Deutschland gegen das Urteil vorgeht.

Deutschland hatte argumentiert, dass die eigenen Obergrenzen Kindern besseren Schutz böten als die europäischen Vorgaben. Diese Sicht teilen die Richter in Luxemburg nicht: Denn für bestimmte Materialien erlaube Deutschland sogar höhere Grenzwerte als im EU-Recht vorgesehen.

Die giftigen Stoffe kommen in vielerlei Form ins Kinderzimmer. Blei und Quecksilber etwa finden sich in Batterien, Antimon kann in Spielzeug aus Polyester enthalten sein. Vergiftungen mit Schwermetallen können je nach Stoff zum Beispiel zu Schäden des Nervensystems führen oder die geistige Entwicklung verzögern.

Von

dpa

Kommentare (2)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Account gelöscht!

15.05.2014, 10:33 Uhr

Und da ist er wieder der grünsozialistische Verbots- und Bevormundungs EU-Staat.
Am besten man schafft gleich ALLES ab und kehrt zu der Zeit der "Jäger und Sammler" zurück.
Mit der Angstwort "Krebsgefährdent" und "Gesundheitsgefährdend" lässt sich so ziemlich ALLES in unserer Gesellschaft verbieten.
Das ganze Leben ist nämlich gefährlich und endet IMMER mit dem Tod!
Diese Verbots- und Bevormundungsorgie einer grünsozialistischen EU ist einfach nur noch zum Kotzen!

Account gelöscht!

15.05.2014, 12:37 Uhr

Wieder stehen wir am Pranger! Wieder ist Frau Merkel Schuld! Erst will Sie tote Bürger (Energiesparlampen) und jetzt auch noch tote Kinder! Wer stoppt endlich diese Frau?? Warum darf Sie ungestraft wirken??

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×