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07.08.2014

06:00 Uhr

F wie Fracking

Zwischen Gasboom und Gefahren

VonChristina Stahl

Für die Energielobby ist klar: Fracking ist ein Heilsbringer. Ebenso klar ist, dass die langfristigen Folgen der chemischen Erdgasförderung aus grundwassernahen Gesteinsschichten nur schwer abschätzbar sind.

Fracking-Anlage in Kalifornien: Unter hohem Druck werden Wasser und Chemikalien in den Boden gepumpt. AFP

Fracking-Anlage in Kalifornien: Unter hohem Druck werden Wasser und Chemikalien in den Boden gepumpt.

Es ist in aller Munde und heftig umstritten: Fracking ist eine Methode, um Gas und Öl aus der Tiefe zu fördern. Dazu wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und chemischen Zusätzen unter hohem Druck in den Boden gepumpt. Dabei entstehen Risse im Gestein, das Gas wird freigesetzt und kann nach oben gepumpt werden.

Fracking-Gegner warnen vor unvorhersehbaren Folgen für die Umwelt: Durch den Einsatz giftiger Chemikalien könne das Grund- und damit auch das Trinkwasser verunreinigt werden. Die langfristigen Folgen seien nicht abzusehen. In der Kritik steht auch der massive Wasserverbrauch beim Fracking. Zwischen acht und 19 Millionen Liter Wasser werden für die Ausbeutung einer Gasquelle benötigt. Bei 50.000 Quellen, die jährlich in den USA erschlossen werden, summiert sich der Wasserbedarf auf 530 Milliarden Liter.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Die Befürworter des Frackings halten dagegen, dass es beim Chemikalien-Einsatz bereits erhebliche Fortschritte gegeben hat. So benötigen die Energiegesellschaften für ihre Bohrungen heute nur noch ein Fünftel der anfänglich 150 chemischen Beimischungen. Auch alternative Verfahren werden bereits getestet: Hier ersetzt zum Beispiel Propangas in Gelform die sonst verwendeten Chemikalien wie Kaliumchlorid und Isopropanol. Die chemischen Beimischungen sind nötig, um die die Bohranlagen vor Korrosion und Bakterien zu schützen und sie geschmeidig zu halten.

Konventionelles und unkonventionelles Fracking

Der Begriff Fracking meint grundsätzlich das Aufbrechen des Speichergesteins in der Tiefe. Unterschiedlich ist aber der genaue Ablauf des Frackens: Wie viel Flüssigkeit wird mit welchen Zusätzen versehen und unter welchem Druck ins Erdreich gepumpt? Konventionelles Fracking zur Gasförderung wird in Deutschland bereits seit den Sechzigerjahren angewandt Dabei wird das Gestein in bis zu fünf Kilometern Tiefe aufgebrochen. In diesen sehr tiefen Gesteinsschichten bestehe keine Gefahr für das Grundwasser, betonen Unternehmen. Auch seien die eingesetzten Chemikalien ausreichend erforscht und unbedenklich.

No Fracking: Auch in den USA gibt es öffentliche Proteste gegen das Fracking. AFP

No Fracking: Auch in den USA gibt es öffentliche Proteste gegen das Fracking.

Bei der aktuellen Debatte geht es zumeist um das sogenannte unkonventionelle Fracking, wie es in den USA angewandt wird. Hier werden bisher unerschlossene Gasreserven in nahe an der Oberfläche liegenden Schichten von Ton- und Schiefergestein gefördert. Um das Gas aus den mikroskopisch kleinen Räumen zu fördern, sind jeweils mehrere Bohrungen und eine große Menge Wasser notwendig. Riesige Mengen von wieder an die Oberfläche geleitetem Abwasser müssen sicher entsorgt werden. Die Unternehmen müssen zunächst nicht angeben, welche Chemikalien sie einsetzen. Hinter den Folgen für das Ökosystem stehen viele Fragezeichen

Energiewirtschaft: Politik verbaut Chancen

Gas aus Schiefergestein zu fördern, wäre auch in Deutschland möglich. Schiefergasreserven gibt es vor allem im Norden und vereinzelt im Süden der Bundesrepublik. Die Schätzungen über das Volumen schwanken. Die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) geht davon aus, dass die technisch-förderbare Schiefergasmenge dem Zwei- bis Siebenfachen der derzeitigen deutschen Erdgasreserven entspricht. Mit ihrer Ausbeutung ließen sich die Abhängigkeit von Energie-Importen und die Gaspreise senken, sagen die Befürworter der Technologie. Vor allem Förderfirmen betonen die Vorteile des Frackings und versuchen, Bedenken durch wissenschaftliche Gutachten zu zerstreuen.

Die Energiewirtschaft sieht das Fracking-Verbot als Wettbewerbsnachteil: Deutschland verbaue sich die Chance, von Energie-Importen unabhängiger zu werden, bemängelt etwa der Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung. Durch den Fracking-Boom haben sich die USA enorme Gasreserven erschlossen. Das Erdgas kostet dort zurzeit nur ein Drittel dessen, was Europa für seine Gasimporte zahlen muss. Führende Wirtschaftsverbände warnen vor einer Abwanderung deutscher Unternehmen in die USA.

Keine Schiefergas-Bohrungen in Deutschland

Die Bundesregierung arbeitet zurzeit an einer gesetzlichen Regelung zum Fracking. Unkonventionelles Fracking, also die Förderung von Schiefergas, soll nur zu Testzwecken und nur jenseits von 3000 Metern unter der Oberfläche gestattet sein. Erlaubt bleiben soll dagegen das konventionelle Fracking, also Bohrungen in tiefer liegenden Gesteinsschichten. Das kritisieren die Bierbrauer und Mineralwasserhersteller: Die Risiken seien zu hoch, die Schlupflöcher zu hoch. Fracking müsse auch in tiefen Gesteinsschichten verboten werden.

Generell folgen die zuständigen Ministerien den eher kritischen Stimmen aus der Wissenschaft: Sowohl der Umweltrat der Bundesregierung als auch das Institut für Weltwirtschaft in Kiel kommen zu dem Schluss, dass Fracking in Deutschland weder für mehr Unabhängigkeit in der Energieversorgung noch unmittelbar für sinkende Energiepreise sorgen werden. Der Umweltrat sprach sich eindeutig gegen die Methode aus: Es bestehe eher ein betriebswirtschaftliches Interesse der Industrie als ein öffentliches Interesse an der Erschließung der Schiefergasreserven. Auch bestünden gravierende Wissenslücken hinsichtlich der Folgen für die Umwelt. Das Umweltbundesamt forderte in einem Gutachten Ende Juli 2014 ein weitgehendes Verbot: "Fracking ist und bleibt eine Risikotechnologie - und braucht daher enge Leitplanken zum Schutz von Umwelt und Gesundheit", erklärte Präsidentin Maria Krautzberger: "Solange sich wesentliche Risiken dieser Technologie noch nicht sicher vorhersagen und damit beherrschen lassen, sollte es in Deutschland kein Fracking zur Förderung von Schiefer- und Kohleflözgas geben."

Kommentare (4)

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Account gelöscht!

07.08.2014, 08:46 Uhr

Fracking ist kein Heilsbringer, sonder Fracking rechnet sich einfach! Bei Öl- und Gasbohrung kräht doch auch keiner nach einer Gefahr. Fracking ist und bleibt weltweit ein wirtschaftliches Marktgeschäft. Fracking ist harmloser als eine Öl- oder Gasbohrung. Und wenn die EU-Deutschen Öko-Sozialisten soweiter mit ihren Technik- und Wirtschafthass machen, dann wird EU-Deutschland in Zukunft in Mangel und Armut aus ihren Wäldern und Höhen schaun.

Herr Mohammed Chang

07.08.2014, 09:19 Uhr

[]Fracking ist harmloser als eine Öl- oder Gasbohrung[]
Womit Sie endgültig bewiesen haben das Sie 0-Ahnung haben. Einfach mal vorher informieren bevor man einen solchen Blödsinn schreibt.
[]dann wird EU-Deutschland in Zukunft in Mangel und Armut aus ihren Wäldern und Höhen schaun.[] Nein, werden wir nicht. Weil durch die Verseuchung des Wassers werden wir dies nicht überlebt haben.
[]Bei Öl- und Gasbohrung kräht doch auch keiner nach einer Gefahr[] Natürlich wird auch auf die Gefahren der Gas- und Ölförderung hingewiesen. Durch eine kurze Informationsbeschaffung wäre Ihnen das sicher aufgefallen. Leider scheinen Sie (besonders) in diesem Breich relativ lernresistent.

Zurück zum Thema:
Solange es verboten bleibt diesen Giftcocktail in den Boden zu pumpen können wir wenigsten noch halbwegs ruhig schlafen. Bleibt zu hoffen das die Regierungen diesen Weg beibehalten.
[]Das kritisieren die Bierbrauer und Mineralwasserhersteller[] Vernünftig. Gerade Mineralwasser kommt oft aus sehr tiefen Gesteinsschichten. Und am Süßwasser hängt unser Leben. Geld können wir weder essen noch trinken.

Herr Rainer Feiden

07.08.2014, 13:54 Uhr

Hat zwar nix mit dem Thema zu tun, aber: neuer Negativ-Windkraftrekord bei 0,085 Gigawatt gesichtet (wohlbemerkt bei einer installierten Leistung von über 36 Gigawatt)! Ich lach mich schlapp.

http://www.agora-energiewende.de/service/aktuelle-stromdaten/stromerzeugung-und-verbrauch/?tx_agoragraphs_agoragraphs[controller]=Graph#scroll_TxAgoraGraph_PowerGeneration_0443d17a82d07c16aea9a0392683151f46badc18

Momentan gehts nicht, technische Probleme, oder....

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