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12.06.2014

09:46 Uhr

Forschung

Heilung aus der Petrischale

VonMaike Telgheder

Die regenerative Medizin ist auf dem Vormarsch. Können Forscher bald Herz und Nieren aus menschlichen Zellen neu züchten? Deutsche Firmen haben das Verfahren bereits bei 6000 Patienten angewendet.

Vincents Ohr: Die Künstlerin Diemut Strebe verarbeitet den Trend zur regenerativen Medizin in einem Kunstwerk: Mit einem 3-D-Drucker und dem genetischen Material eines Van-Gogh-Nachfahren erschuf sie ein Abbild des abgeschnittenen Ohres. AFP

Vincents Ohr: Die Künstlerin Diemut Strebe verarbeitet den Trend zur regenerativen Medizin in einem Kunstwerk: Mit einem 3-D-Drucker und dem genetischen Material eines Van-Gogh-Nachfahren erschuf sie ein Abbild des abgeschnittenen Ohres.

Die Nase sieht aus wie eine Nase - und irgendwie ist es auch eine Nase. Aber eben nur irgendwie. Eigentlich ist das Atemorgan eine Kunstnase: ein Artefakt aus der Petrischale.

Vor allem aber ist das Körperteil eine echte wissenschaftliche Sensation: Erstmals haben Schweizer Forscher bei Hautkrebs-Patienten die Nasenflügel aus Knorpelzellen der Nasenscheidewand in der Kulturschale gezüchtet und in das Gesicht der Patienten transplantiert. Muskel- und Fettgewebe haben sich binnen sechs Monaten neu gebildet - die Patienten waren mit Aussehen und Funktion zufrieden.

Der Erfolg verleiht der regenerativen Medizin weiteren Auftrieb und den Träumen der Forscher neue Hoffnung: Wird es eines Tages möglich sein, Herzen, Nieren und Lebern aus menschlichen Zellen neu zu züchten?

Wachstumsmarkt Gewebezüchtung

Regenerative Medizin

Regenerative Medizin setzt auf das Potenzial lebender Zellen, um erkranktes Gewebe wiederherzustellen und Verletzungen zu therapieren. Die Prinzipien der regenerativen Medizin werden bei der Stammzelltransplantation bereits seit mehr als vierzig Jahren erfolgreich zur Behandlung von Leukämien und Lymphomen eingesetzt; in der Organtransplantation allgemein wurden zuletzt große Fortschritte erzielt.

Tissue-Engineering

Tissue-Engineering gehört zu den neueren Feldern der regenerativen Medizin und ist der Überbegriff für die künstliche Herstellung biologischer Gewebe durch die gerichtete Kultivierung von Zellen, um damit krankes Gewebe bei einem Patienten zu ersetzen oder zu regenerieren. Dazu werden Zellen dem Spender-Organismus entnommen, im Labor vermehrt und anschließend dem Empfänger eingepflanzt.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, bei Knorpelzellen aber ist das anders. Die Firma Co.don aus Teltow bei Berlin oder die B.-Braun-Tochter Tetec haben schon einige Jahre Produkte im Markt, die Heilung durch körpereigenen Gewebeersatz versprechen.

Co.don hat sein Verfahren zur Züchtung und Reimplantation körpereigener Knorpelzellen bei 6 000 Patienten angewendet. Meistens bei Knorpeldefekten im Knie- und Sprunggelenk, zunehmend auch in Hüfte, Ellenbogen und Schulter. Der neue Knorpel wird komplett aus bestimmten körpereigenen Knorpelzellen im patienteneigenen Blutserum gezüchtet.

Jährlich werden in Deutschland mehr als 375 000 künstliche Hüft- und Kniegelenke eingesetzt. Etwa 20 Prozent davon könnten laut Experten regenerativ behandelt werden. Co.don-Chef Andreas Baltrusch schätzt das auf Deutschland bezogene Marktpotenzial im Bereich der schonenden und gelenkerhaltenden Behandlung auf "mindestens 250 Millionen Euro, im EU-Raum sogar auf bis zu eine Milliarde Euro".

Seit 2007 erstatten die Krankenkassen in Deutschland die Kosten für das Produkt. Derzeit führt das Unternehmen Studien durch, um eine europaweite Zulassung zu erhalten. Wenn alles klappt, könnte das 2015 so weit sein. Gerade hat Co.don eine Kapitalerhöhung abgeschlossen und rund fünf Millionen Euro eingesammelt. Damit sollen die Studien weiter finanziert werden.

So viel Geld könnte auch Sören Liebig, Geschäftsführer von Urotiss, gut gebrauchen. Wie Codon hat die Firma im vergangenen Jahr eine sogenannte nationale Genehmigung für ihr Produkt MukoCell bekommen. Weil die regenerative Medizin noch sehr jung ist, mussten auch die Zulassungsbestimmungen für diese sogenannten "Arzneimittel für neuartige Therapien" erst noch gesetzlich geregelt werden. Co.don und Urotiss sind derzeit die einzigen beiden deutschen Firmen, die diese nationale Genehmigung bekommen haben.

MukoCell ist ein Produkt, das bei Harnröhrenverengung und angeborenen Entwicklungsstörungen der Harnröhre zum Einsatz kommen kann. Auch hier wird das Gewebe aus patienteneigenen Zellen hergestellt, dafür wird eine kleine Gewebeprobe aus dem Mund entnommen. Tissue-Engineering heißt das in der Fachsprache.

Bisher konnte diesen Patienten nur geholfen werden, indem ein großer Teil der Harnröhre plastisch aus natürlicher Mundschleimhaut geformt wurde. Die Folge waren erhebliche Verletzungen im Mundraum, oft konnten die Patienten danach nicht mehr richtig sprechen.

Mehr als 100 Patienten wurde das neue, von Urotiss gezüchtete Transplantat bereits eingesetzt. Die kleine Firma aus Dresden, die 2005 startete, wird von der Arzneimittelfirma Apogepha unterstützt. Jetzt sucht Liebig weitere Investoren, um einen zweistelligen Millionenbetrag für die nötigen Zulassungsstudien in Europa und den USA zu bekommen. "Wir haben das erste aus patienteneigenen Zellen hergestellte Produkt in der Urologie", sagt Liebig. Für ihn ist Deutschland "bei der Gewebezüchtung ganz weit vorn".

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