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16.01.2014

12:40 Uhr

Fracking

Hoffnung mit vielen Löchern

Dem Erdgas-Boom in den USA folgt nun die Ernüchterung. Prognosen werden korrigiert, Investitionen zurückgefahren. Auch in Europa liegen viele Projekte auf Eis.

Förderturm für Fracking: Die USA hat ein kollektiver Rausch gepackt. dpa

Förderturm für Fracking: Die USA hat ein kollektiver Rausch gepackt.

Nicht nur der Bau von Fördertürmen hat Hochkonjunktur in den USA. Es boomen auch die Wortspiele. Von "Saudi Amerika" ist die Rede, vom "Neuen Nahen Osten" und dem "Kuwait der Prärie". Mit neuen Fördermethoden, dem sogenannten Fracking, erschließen die Amerikaner gewaltige Öl- und Gasreserven, ein kollektiver Rausch hat das Land gepackt.

Washington träumt vom Aufstieg zum weltgrößten Energieproduzenten und davon, mit billigem Strom den Mittleren Westen zu reindustrialisieren. Schon jetzt schließt der sinkende Bedarf nach Energieimporten das klaffende Loch in der Handelsbilanz. Amerika kann sich seinen Lebensstil wieder leisten - erstmals seit Jahrzehnten.

Doch irgendwann geht jeder Boom zu Ende. Und das Ende könnte früher kommen als erwartet. Viel früher. Studien des Geologen David Hughes vom Post Carbon Institute zeigen, dass die neuen Quellen rasch versiegen und immer schwerer ersetzt werden können. Die "Sweet Spots" gehen zur Neige, Förderstätten mit besonders großem Potenzial. "Schon 2016 könnte der Boom seinen Höhepunkt überschreiten", prophezeit Hughes.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Auch bei Kurt Oswald, Gasmarkt-Experte bei A.T. Kearney, ist Ernüchterung eingetreten. "Um Ersatzproduktion zur Kompensation des Förderrückganges je Bohrloch zu schaffen, müssen die Unternehmen zunehmend auch außerhalb der Areale mit hohen Ertragsaussichten bohren. So sinkt die Ausbeute je Bohrloch. Die Förderung wird teurer", sagt der A.T.-Kearney-Partner. Die dadurch permanent hohen Investitionen bei einem niedrigen Gaspreis "bringen das eine oder andere Unternehmen in finanzielle Schwierigkeiten, was auch zu einer Konsolidierung der Industrie führt", sagt Oswald. Schon vor eineinhalb Jahren hat Exxon-Chef Rex Tillerson über diesen Schweinezyklus geklagt: "Wir verlieren unsere Hemden."

Die Bremsspuren sind mittlerweile unübersehbar: 2013 flossen nach Angaben des US-Beratungsunternehmens IHS Herold nur noch 3,4 Milliarden Dollar in Beteiligungen in Schiefergas- und Schieferöl-Vorkommen. Noch 2012 hatten Investoren mehr als doppelt so viel Geld in die Branche gepumpt. Im Vergleich zum Boomjahr 2011 sanken die Investitionen sogar auf ein Zehntel. Große Energiekonzerne haben in den vergangenen Monaten bereits Abschreibungen auf ihre Beteiligungen an nordamerikanischen Vorkommen vorgenommen.

Kommentare (2)

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Account gelöscht!

16.01.2014, 13:23 Uhr

Das ist ja wirklich die totale Ernüchterung. Wenn das so weiter geht, ist unser Gas bald nicht mehr 2.4 mal so teuer wie amerikanisches, sondern bloß noch doppelt so teuer. Ha, dann haben die Amerikaner endlich ihre Strafe!?

ColorfulColorado

16.01.2014, 15:38 Uhr

MAn darf aber ein sinken der Investitionen nicht mit sinkenden Produktionsmengen verwechseln. Die Situation in den USA ist eben an einem Punkt, an dem die Ausweitung des Angebots keinen Sinn macht. Natürlich fallen die Investitionen nach einem Boom. Das ist in jeder Industrie so. Fakt ist, dass der Gaspreis bei ca. 4 USD liegt. Das sind 8 Dollar weniger als bei uns. Der Kohlepreis ist seit 2008 um 25% gefallen durch das Erdgas. Und Shaleoil steht erst am Anfang.

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