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17.01.2014

14:43 Uhr

Fracking

Willkommen in der Realität

VonKlaus Stratmann

Der Erdgas-Boom hat in den USA eine Dynamik ausgelöst, die an die großen Goldräusche erinnert. Auch langfristig bleibt das Gas eine Trumpfkarte für die Amerikaner.

Förderturm für Fracking: Die USA hat ein kollektiver Rausch gepackt. dpa

Förderturm für Fracking: Die USA hat ein kollektiver Rausch gepackt.

Die Aussicht auf große Gasvorkommen, die mittels moderner Bohrtechniken leicht auszubeuten sind, hat Wirtschaft und Politik in den USA beflügelt wie schon lange kein anderes Thema mehr. Dauerhaft niedrige Energiepreise haben den Traum von der Re-Industrialisierung der kränkelnden Wirtschaftsmacht in den Bereich des Machbaren gerückt. Der Erdgas-Boom löste in einigen Regionen der USA eine Dynamik aus, die stark an die diversen US-Goldräusche des 19. Jahrhunderts erinnerte - mit allen negativen Begleiterscheinungen. Jetzt ist die Euphorie verflogen. Der Wettbewerbsvorteil der Amerikaner jedoch bleibt.

Wir erleben eine Bereinigung des Marktes. Die Gründe dafür liegen auf der Hand. Viel zu viele Unternehmen reihten sich ein in den Treck der Glücksritter, die auf die Schnelle das große Geld machen wollten. Die Folge ist eine massive Gasschwemme, der daraus resultierende Preisverfall entwertet so manche Investition. Erschwert wird die Situation dadurch, dass mit mancher Bohrung weniger Gas zutage gebracht wurde als prognostiziert. Das zwingt jetzt einige Unternehmer in die Knie. Dem Hype der vergangenen Jahre folgt die Ernüchterung.

Fracking: Segen oder Umweltverbrechen?

Erbitterter Streit

Neue Technologien sind oft umstritten. Doch beim Fracking geht der Streit weit über das normale Maß hinaus. Ist die Fördertechnik für Erdgas der Umweltfeind Nummer eins seit der Atomkraft? Oder doch nur eine missverstandene, aber vielversprechende Technologie?

Die Technik

Beim Fracking wird kilometertief in die Erde gebohrt - und dann noch einmal horizontal, zuweilen sechs Kilometer weit. In die Kanäle wird ein Chemiecocktail gepresst, der den Boden aufreißt. Sand in der Flüssigkeit sorgt dafür, dass sich die Risse nicht wieder schließen. Durch sie treten das Erdgas - oder andere Rohstoffe - aus, die dann wie üblich gefördert werden können.

Die Szenerie

Im kanadischen Dawson Creek stand erst ein Bohrturm, 50 Meter hoch. Danach kam das eigentliche Fracking: Sechs gewaltige Trucks stehen dicht nebeneinander und pumpen die Lauge in die Bohrlöcher, 100.000 Kubikmeter pro Bohrfeld. Man versteht sein eigenes Wort nicht, aber die Arbeiter schauen fast gelangweilt auf die Messinstrumente. Ihre Schichten sind hart, der Lohn sind 70.000 bis 140.000 Euro im Jahr. Sind sie weg, ist auch der Lärm weg. Dann soll das Gas 20, 30 Jahre leise aus der Erde in die Pipelines steigen.

Die Gegner

Don Vander Velde ist 68 Jahre alt. Sein ganzes Leben hat er auf dem Land in Alberta, Kanada, gelebt, das seiner Familie seit 1904 gehört. Seit einem Jahrzehnt wird in der Nähe gefrackt. „Manchmal bebt der Boden“, sagt der Farmer. „Und was für Chemikalien kommen da rein?“ Don ist beunruhigt, weil er Kinder, Enkelkinder und eine Urenkelin hat. Die kleine Aspen ist zehn Monate. „Ich bin alt, aber ich möchte nicht ihre Zukunft verspielen.“ Dabei habe er nichts gegen die Förderung. „Ich will auch Energie. Alberta braucht das Gas, so wie es uns Farmer braucht. Also fördert! Aber macht es sicher!“

Das Unternehmen

Encana ist ein Fracking-Riese und Kellen Foreman ist seit elf Jahren dabei. „Wir wollen Transparenz“, beteuert der 29-Jährige. Deshalb würden für Millionen Dollar Zehntausende Wasserproben untersucht. „Und bei nicht einer einzigen ist irgendwo in Kanada eine Verunreinigung des Trinkwassers nachgewiesen worden.“ Und die Erschütterungen? Nur mit feinen Instrumenten messbar. Er könne die Sorgen der Menschen völlig verstehen. „Aber es steckt eine Menge Wissenschaft hinter Fracking. Wir sind keine Cowboys, die da rausgehen und die Erde aufwühlen. Das ist Hochtechnologie.“

Die Politikerin

Hannelore Kraft ist 8000 Kilometer weit gereist, um sich selbst ein Bild zu machen. Mit rotem Overall und weißem Helm steht die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen im Matsch von Dawson Creek in der Wildnis Kanadas, spricht mit den Arbeitern, untersucht die Bohrköpfe und befühlt die Chemielauge, die verpresst wird. „Ich kann mir das im Münsterland nicht so recht vorstellen“, sagt sie. Kraft ist beeindruckt, das merkt man ihr an. Auch von der Offenheit der Arbeiter und der Bohrfirma - in den Augen vieler doch „die Bösen“. Aber kann die Technik auch in Deutschland eingesetzt werden, einem Land das mehr als doppelt so viele Einwohner wie Amerika auf einem Dreißigstel der Fläche hat? „Es ist noch nicht reif, das zu entscheiden. Aber ich kann mir das im dicht besiedelten NRW kaum vorstellen.“

Der Wissenschaftler

Uwe Schneidewind ist einer der wenigen Fracking-Experten in Deutschland. Der Professor und Präsident des Wuppertal Instituts für Klima, Umwelt und Energie sieht vier Punkte zur Beurteilung von Fracking: klimapolitisch („Unkonventionelle Kohlenstoffvorkommen möglichst nicht anrühren“), volkswirtschaftlich („Arbeitsplatzeffekt ist vorhanden, aber beschränkt“; „Gaspreis sinkt, aber in Europa nicht nachhaltig“), geostrategisch („Abhängigkeit von anderen sinkt, bleibt aber bestehen“) und ökologisch („selbst bei Lösung vieler Probleme in Europa nicht wirklich attraktiv“).

Die Filme

„Gasland“ war ein Welterfolg. Der Dokumentarfilm von Josh Fox aus dem Jahr 2010 wurde nicht nur für den Oscar nominiert, sondern er hat das Thema Fracking auch für die breite Öffentlichkeit erst auf die Tagesordnung gesetzt. In der Schlüsselszene wird ein Wasserhahn aufgedreht und das Wasser angezündet – es brennt. Scharfe Kritik kam von der Branche, aber auch durch einen Kollegen: In „FrackNation“ bezichtigt Filmemacher Phelim McAleer seinen Kollegen Fox, wissentlich ungenau gewesen zu sein. So habe es Berichte über entzündetes Leitungswasser lange vor Fracking gegeben. Inzwischen gibt es „Gasland II“. Als die Dokumentation im April auf dem New Yorker Tribeca-Filmfestival gezeigt wurde, wurden Fans von „FrackNation“, trotz Karten, nicht eingelassen.

Langfristig aber bleibt das Gas eine Trumpfkarte. Selbst wenn die Prognosen über die Gasvorkommen nach unten korrigiert werden müssen, sind die Aussichten doch hervorragend. Mehr und mehr Kraftwerke in den USA können mit billigem Gas befeuert werden, die Strompreise für Unternehmen sind nicht einmal halb so hoch wie in Europa. In energieintensiven Branchen, in denen die Stromkosten in Europa weit vor den Personalkosten den größten Kostenblock ausmachen, wird eine Investition in den USA schon bei weitaus geringeren Preisunterschieden interessant.

Europa bleibt nicht viel mehr, als neidisch gen Westen zu blicken. Die Idee, den Gas-Boom einfach hierher zu holen, ist naiv. Und zwar allein aus wirtschaftlichen Gründen. Die Vorkommen in europäischen Ländern sind schwerer zu fördern, weil meist in wesentlich tieferen Gesteinsformationen lagernd als in den USA. Das macht die Sache teurer als in Amerika, zumal in Europa die Anforderungen an die Sicherheit aus gutem Grund höher sind. Wirtschaftlich dürfte das Thema daher auf mittlere Sicht uninteressant sein. Es stellt allenfalls eine ferne strategische Option dar, die man sich nicht komplett verbauen sollte.

Klaus Stratmann ist stellvertretender Büroleiter in Berlin. Pablo Castagnola

Klaus Stratmann ist stellvertretender Büroleiter in Berlin.

Die europäischen Regierungen haben allein eine Möglichkeit, der Herausforderung zu begegnen. Sie müssen dafür sorgen, dass die Energiepreise nicht weiter steigen. Deutschland ist ein abschreckendes Beispiel: Die Strompreise sind - inklusive der staatlich verursachten Lasten - deutlich höher als in fast allen anderen EU-Staaten. Wenn das so bleibt, dürften Produktionsstätten in den USA für viele Unternehmen immer interessanter werden. Die Politik hat es in der Hand, das zu ändern.

Kommentare (4)

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Oxenzuechter

20.01.2014, 09:26 Uhr

Den Vergleich mit dem Goldrausch finde ich sehr passend und zwar nicht nur in der hier aufgeführten Weise, sondern auch was die Nachhaltigkeit und die am Ende übrig bleibenden Ruinen betrifft.
Im übrigen liegt der niedrige Strompreis nicht nur an den niedrigen Primärenergiepreisen, sondern vor allem auch an einer Infrastruktur, die in großen Teilen mit der eines Entwicklungslandes vergleichbar ist.

Account gelöscht!

20.01.2014, 11:55 Uhr

Noch können die Amis sich nur selber besiegen - so, wie das die europäischen Großmächte im 1. Weltkrieg machten. Aber die Amis sind mit Volldampf bei der Sache - von Finanzchaos über unverantwortlichen Umgang mit Atommüll bis zur Zerstörung ihrer Umwelt durch Gentechnik und Fracking.

Leider bleibt das unverantwortliche Handeln jenseits des großen Teichs auch bei uns nicht folgenlos - vom Klimawandel bis zur Destabilisierung vieler Weltgegenden durch kurzfristig orientiertes, egoistisches, ignorantes Handeln.

Account gelöscht!

20.01.2014, 16:12 Uhr

Eine SCHLECHTE Infrastruktur soll NIEDRIGE Energiepreise verursachen? Ist das Schwachsinn oder liegt es nur an mir? Das Ganze ist auch kein kurzfristiger Rausch, sondern ein Paradigmenwechsel, der über Jahrzehnte anhalten wird.

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