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19.11.2014

15:19 Uhr

Gangtrainer

Der Assistent aus dem Hightech-Labor

VonAndreas Schulte

Gangtrainer bringen Patienten nach Verletzungen oder Schlaganfällen schneller wieder auf die Beine. Patienten können so intensiver trainieren, Therapeuten werden entlastet.

Bewegungstraining mit dem Roboteranzug Hal in Bochum: Die Technik des japanischen Herstellers Cyberdyne beschleunigt die Therapie. Quelle: Bergmannsheil

Bewegungstraining mit dem Roboteranzug Hal in Bochum: Die Technik des japanischen Herstellers Cyberdyne beschleunigt die Therapie.

Quelle: Bergmannsheil

Roreas weicht seinen Schützlingen nicht von der Seite. Ihre Gehübungen behält er fest im Blick. Werden die Schritte kürzer, mahnt er zur Vorsicht. "Wollen Sie sich lieber setzen?", bietet er dann an. Wer aber seine Strecke schafft, den lobt er: "Sie sind heute weiter gegangen als gestern. Das ist toll."

Roreas ist kein freundlicher Therapeut, sondern der Prototyp eines neuartigen Gangtrainers. Ausgestattet mit Kameras und Sensoren, fährt er eigenständig durchs Gebäude. Seinen Laserscannern entgeht nichts. In der MI-Fachklinik Bad Liebenstein soll er künftig Lauf- und Orientierungsübungen etwa von Schlaganfallpatienten begleiten.

Unschlagbarer Vorteil: Roreas wird für Patienten zu jeder Tageszeit und ständig verfügbar sein. Patienten können intensiver trainieren. So entlastet Roreas auch die Therapeuten, die sich in der gewonnenen Zeit intensiver um akute Fälle kümmern können. Ende 2016 soll der Roboter marktreif sein. Das hofft sein Entwickler, Horst-Michael Groß, Leiter des Fachgebiets für Neuroinformatik und Kognitive Robotik an der TU Ilmenau.

Die Vermittlung von eigenständigem Gehen - dieses Ziel verfolgt gleich eine Reihe von High-Tech-Gangtrainern, die aktuell vor der Markteinführung stehen. Wenn Patienten wieder laufen lernen müssen, steht ihnen in der Regel eine langwierige und personalintensive Reha bevor. Der demografische Wandel dürfte das Problem verschärfen. Für Betreiber von Krankenhäusern und Rehazentren wird zunehmend wichtiger, Behandlungszeiten zu verkürzen und Personal zu entlasten.

Neben Schlaganfallpatienten hoffen auch Querschnittsgelähmte auf neue Gangtrainer. Wie eine Art Stützkorsett gibt beispielsweise der Roboteranzug Hal dem Körper von außen Halt und Verstärkung. Der Patient steuert das Gerät durch die Nervenimpulse seiner Muskeln selbst. Hal - ein sogenanntes Exoskelett - liest die Impulse mit Sensoren vom Körper ab und unterstützt die angedeutete Bewegung.

Entwickelt wurde das Gerät in Japan. Seit 2012 testet es die Chirurgische Klinik im Krankenhaus Bergmannsheil in Bochum. Das Zentrum für Neurorobotales Bewegungstraining (ZNB) ist Bergmannsheil angegliedert. Dort befindet sich Hal bereits im Einsatz.

Das Ergebnis: Nach einem halben Jahr Therapiezeit konnte bei nahezu allen Patienten mit nervlichen Restfunktionen die Geschwindigkeit auf dem Laufband um das Fünffache gesteigert werden: "Patienten, die vorher im Rollstuhl saßen, gehen nach der Therapie mit dem Rollator, wer den Rollator brauchte, bewegt sich jetzt mit einer Gehhilfe fort", sagt ZNB-Leiter Theodor Bülhoff, der auch Geschäftsführer des Herstellers Cyberdyne Care Robotics ist. Er erwartet nun eine Aufnahme der Hal-Therapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen.

Sollte sich die Medizinlandschaft stärker vernetzen?

Derzeit läuft im ZNB ein Test mit Schlaganfallpatienten. Vor allem bei diesem Krankheitsbild könnte sich Hal bezahlt machen, sagen die Experten. Mehr als 200 000 Menschen jährlich erleiden in Deutschland einen Schlaganfall.

Das Züricher Start-up Ability Switzerland will einen günstigen Gangtrainer auch für den deutschen Markt anbieten. Zwei Fußpedale übertragen dabei den Bewegungsablauf eines gesunden Menschen auf den Patienten. Auch Toyota erprobt in 20 japanischen Kliniken ein ähnliches Gerät - und will es zügig auf den Markt bringen. Es soll Patienten helfen, die nach einem Unfall oder einer Verletzung nicht gehen können oder unter Gleichgewichtsstörungen leiden.

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