Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

04.09.2014

10:47 Uhr

Gas aus Windstrom

Technik mit großem Potenzial

Das Bundesumweltministerium will die Anrechnung von aus Windstrom gewonnenem Gas auf die Biokraftstoffquote ermöglichen. Das könnte dem Power-to-Gas-Konzept zum Durchbruch verhelfen.

Windräder in Niedersachsen: Schub für die Branche. dpa

Windräder in Niedersachsen: Schub für die Branche.

BerlinEs geht nur um eine paar Sätze in der Novelle des Bundes-Immissionsschutzgesetzes, doch für eine noch junge Branche bedeuten sie viel: Das Bundesumweltministerium will im neuen Gesetz den Weg dafür bereiten, dass aus Windstrom gewonnenes Gas auf die Biokraftstoffquote angerechnet werden kann. Die Branche erhofft sich davon einen gehörigen Schub.

"Für uns ist es wichtig, über die Schwelle der Versuchs- und Modellvorhaben hinauszukommen", sagte Werner Diwald, Sprecher der Initiative "Performing Energy", dem Handelsblatt. "Wenn der Gesetzgeber ermöglicht, aus Windstrom gewonnenes Gas auf die Biokraftstoffquote anzurechnen, könnte das ein entscheidender Impuls für eine breite Markteinführung sein."

In der Initiative sind Unternehmen wie Linde, Total, Siemens und Vattenfall zusammengeschlossen. Auch die Deutsche Umwelthilfe und das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme machen mit. Ziel von "Performing Energy" ist es, der Gewinnung von Gas aus Strom ("Power to Gas") zum Durchbruch zu verhelfen.

In kleinerem Maßstab funktioniert das Power-to-Gas-Konzept bereits. So eröffnete Audi im vergangenen Jahr im niedersächsischen Werlte eine Pilotanlage. Dort wird aus Windstrom durch Elektrolyse Wasserstoff produziert, der in Methan verwandelt wird. Methan ist mit fossilem Erdgas fast identisch, kann ins Erdgasnetz eingespeist und zum Betanken von Erdgas-Autos genutzt werden. Mit dem in Werlte produzierten Gas aus Windstrom lassen sich jährlich 1 500 Mittelklassewagen betanken, die jeweils 15.000 Kilometer zurücklegen.

Interessant wird das Verfahren, das im Prinzip jahrzehntealt ist, erst durch die Energiewende: Gerade im Norden Deutschlands wird immer häufiger mehr Windstrom produziert, als sich sinnvoll verwenden lässt. Aus diesem überschüssigen Windstrom ließe sich künftig in großem Maßstab Gas herstellen.

Kritik an den Kosten

Teures Nebeneinander

Der Verband "Die Familienunternehmer" beklagt das Nebeneinander von Emissionshandel und Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Er beruft sich dabei auf ein Gutachten, das er beim Ifo-Institut in Auftrag gegeben hat. Darin werden die EEG-bedingten Zusatzkosten für den Zeitraum von 2014 bis 2030 auf 114 bis 187 Milliarden Euro beziffert, ohne dass dadurch "auch nur ein Gramm CO2 mehr eingespart" werde.

Unzureichende Reform

Auch nach der EEG-Novelle rechnet der Verband mit einer Kostenwelle: "Für das produzierende Gewerbe kann das ein Tsunami werden", sagt Verbandsgeschäftsführer Albrecht von der Hagen. Als Anschubfinanzierung habe das EEG seinen Zweck erfüllt, aber nun sei es "gefährlich kontraproduktiv". Der Verband fordert, den Emissionshandel als Klimaschutzinstrument zu stärken und beim EEG weitere Kostensenkungen anzustreben.

Im Umweltministerium erkennt man das Potenzial der Technik. Die Vorschläge von "Performing Energy" zur Einbeziehung des aus Windstrom gewonnenen Gases in den Kraftstoffsektor "sind sinnvoll und werden in unserem Haus auch ähnlich verfolgt", sagte ein Ministeriumssprecher auf Anfrage des Handelsblatts. Die EU-Kommission arbeite derzeit an entsprechenden Vorschriften, die über eine in der Novelle des Immissionsschutzgesetzes vorgesehene Verordnungsermächtigung "zeitnah umgesetzt werden".

Auch für die Mineralölwirtschaft hätte die Anrechnung Vorteile. Die Branche ist nach dem Biokraftstoffquotengesetz verpflichtet, einen wachsenden Mindestanteil von Biokraftstoffen in den Verkehr zu bringen. Könnte sie dabei auf "Power-to-Gas"-Produkte zurückgreifen, würde sich das begrenzte Angebot an Biotreibstoffen erhöhen.

Allerdings ist Power to Gas von der Wirtschaftlichkeit noch weit entfernt. Energiewirtschaftlich bedeutsam kann das Verfahren dennoch sein. Denn schließlich kann man das produzierte Gas ins Erdgasnetz einspeisen. Das Netz bietet dafür noch reichlich Kapazität. Damit hätte man überschüssigen Windstrom - über den Umweg der Elektrolyse - gespeichert. Angesichts knapper Stromspeicherkapazitäten wäre das eine interessante Alternative.

Von

str

Kommentare (11)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

Herr John Harris

04.09.2014, 11:15 Uhr

Alle diese tollen Erfindungen sind nichts weiter als die Bankrotterklärung des Zappelstroms.

Wir stellen in grossen Mengen stochastischen Strom her und wissen nicht wohin damit. Nicht nur, dass der Strom zur Unzeit produziert wird, er ist auch noch teuer. Alle diese krampfhaften Versuche mit dem Zappelstrom etwas anzufangen sind Eingeständnis der Tatsache, dass wir mit nicht planbarer Elektrizität gar nichts anfangen können.

Herr Eberhard Steinweg

04.09.2014, 11:17 Uhr

Den anfallenden Sauerstoff kann man sicherlich noch nuetzlich in ein Carbon-Capture-Projekt einbringen. CO2 braucht man ja.

Herr Fred Meisenkaiser

04.09.2014, 11:55 Uhr

Das ist der Durchbruch der EE. Diese Anlagen gibt es ja schon mehr. Zum Teil wird Wasserstoff direkt dem Erdgas beigemischt. Bis zu 55 sind hier möglich. Auch reine Wasserstoffnetze ind denkbar, es gibt sie ja im Ruhrgebiet schon lange.
Was hier möglich it, ist die Speicherung des Windstroms. Damit hat man dann ständig Energie, unabhängig ob Sonne scheint oder Wind weht. Unsere Erdgasspeicher sind riesig und mit Microblockheizkraftwerken könnte in jedem Haus Strom und Wärme produziert werden. Ohne die Übetragungsverluste beim Wechselstrom.

Man wird sehen, was die Energielobby dagegen tun wird!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×